Targa Florio
Mercedes Benz 300 SLR.
 

Targa Florio – vergessene Rennstrecke in Sizilien

Heldenmut und Wahnsinn, Ruhm und Ehre trieben jedes Jahr die Menschen zur Targa Florio. „Kinder und Haustiere einsperren!“ lautete die überlebenswichtige Aufforderung.

17.06.2013 zwischengas

Die Targa Florio, eine 72 Kilometer lange Runde im Hinterland des sizilianischen Städtchens Cefalù, gehörte einst zum Härtesten, was einem Rennfahrer abverlangt werden konnte. „Und du bist nie sicher, ob nicht hinter der nächsten Kurve trotzdem ein Eselskarren die Straße versperrt, wenn du voll am Limit unterwegs bist“, schilderte seinerzeit Jo Siffert die Risiken.

Und dann die Dorfdurchfahrten: Zuschauer bildeten lebendige Leitplanken, Rennwagen donnerten mit wenigen Zentimetern Abstand, die Ideallinie suchend, vorbei. Da nimmt sich ein heutiges Rennen auf einer der unseligen Retortenstrecken wie eine Kaffeefahrt aus.

Ende der 1960er, Anfang der 1970er, also in der Hochblüte der Sportwagenrennen, donnerten Rennwagen vom Schlage eines Alfa Romeo 33, Ferrari 512 und 312 oder eines Porsche 908 über die Straßen der Madonie, einer heute unter Naturschutz stehenden Region.

Targa Florio

Mercedes 1921.

Targa Florio – ein Rennen, das im gleichen Atemzug wie Le Mans, Nürburgring oder Mille Miglia genannt werden muss. Das 1000-Kilometer-Rennen in Sizilien trennte Buben von Männern. Nur sehr wenige Cracks schafften es, die anspruchsvollen 72 Kilometer auswendig zu lernen.

Der Held der Targa Florio

Einer der wenigen ist der Lokalmatador Nino Vaccarella. Erstens ein sizilianisches Rennfahreridol, zweitens ein mit 77 Jahren pensionierter Rektor des Gymnasiums von Palermo und drittens dreifacher Targa-Florio-Gewinner, „die ich eigentlich mindestens fünf Mal hätte gewinnen müssen, wenn mir Fortuna besser beigestanden wäre,“ wie er gerne anmerkt.

„Als Sizilianer hatte ich natürlich den Vorteil, dass die Strecke vor meiner Türe lag und ich sie trainieren konnte“, erklärt er trocken. Wenn er in den Erinnerungen kramt, kommen im nur gerade eine Handvoll weiterer Cracks in den Sinn, die sich die Strecke einprägen konnten: Siffert, Rodriguez, Kinnunen, Marko, Elford und der italienische Asphalt-Cowboy Merzario. „Regazzoni, Ickx und Bell hatten ihre liebe Mühe, ganz zu schweigen von den Formel-1-Weltmeistern Fangio, Surtees oder Hill“, schmunzelte das sizilianische Rennfahrer-Idol.

Vaccarellas aktive Laufbahn dauerte von 1956 bis 1975, er ist also durchaus in der Lage, Piloten aus einer zwanzig Jahre dauernden Ära beurteilen zu können. Zu seinen Lieblingsrennwagen für die Targa Florio zählt Vaccarella den Alfa Romeo T33/3 von 1971, mit er den zweiten Gesamtsieg einfuhr. „Der 33er hatte ein ausgezeichnetes Handling. Und als Pilot musste man nicht soviel leiden, wie in den Jahren zuvor“, führte er aus und blickte vielsagend auf seine Hände. „Arme und Hände wurden am meisten malträtiert. Nach der Zieldurchfahrt hatte ich meistens blutige Hände, herrührend vom Lenkrad, das fast nicht zu halten war.“

Targa Florio

Porsche 550a Spyder.

Auf der Targa Florio gab es einen Streckenabschnitt, auf dem sich ein Pilot etwas erholen konnte. 300 km/h, im fünften Gang voll, immer kurz vor dem Drehzahlbegrenzer: die rund sechs Kilometer lange Gerade von Buonfornello, die zum Städtchen Cerda führt.

Drei Runden musste ein Pilot bis zum Fahrerwechsel absolvieren. Gleichzeitig wurde aufgetankt und die Reifen gewechselt. „Bremsen wurden nur im Notfall gewechselt, obwohl sie stark beansprucht wurden. 1970 musste ich mit nachlassenden Bremsen mit meinem Ferrari 512 schon nach zwei Runden an die Boxen – wir verloren soviel Zeit, dass ich keine Chance mehr auf den Sieg hatte,“ blickte Vaccarella zurück.

Die Geschichte der Targa Florio

Die Targa Florio geht ins Jahr 1906 zurück. Der Adlige Vincenzo Florio suchte sich für die damalige Zeit etwas Verrücktes und kam auf die Idee, im sizilianischen Hinterland ein Autorennen zu veranstalten. Beim ersten Start waren gerade mal zehn Fahrzeuge am Start, gefahren wurden drei Runden auf dem damals doppelt so langen Kurs (148 Kilometer pro Runde) und die Siegerzeit betrug 9 Stunden und 32 Minuten. Für dieses Rennen hatte Florio die Summe von 50.000 Lire ausgesetzt, damals ein stattliches Vermögen.

Im Laufe der Jahre etablierte sich die Veranstaltung zu einem der wichtigsten Rennen im Kalender und alles, was Rang und Namen hatte, seien es Piloten oder aber auch Werke, pilgerten einmal im Jahr nach Sizilien. Die Sieger-Liste der Targa-Florio ist ein Who-is-Who“ der Rennfahrer. Nuvolari ist im Buch der Sieger ebenso eingetragen wie Varzi, Moss, Bonnier, Mairesse, Siffert oder Herbert Müller (2x) und und Nino Vaccarella mit drei Erfolgen. Eine Besonderheit war das Startprozedere. Aufgrund der engen Straßenverhältnisse wurde auf einen Massenstart verzichtet. Die Fahrer wurden im 20-Sekunden-Abstand auf die Strecke geschickt.
Die Zeit machte auch vor der Targa Florio keinen Halt. Das Rennen wurde zunehmend gefährlicher und schließlich 1977 verboten.

Targa Florio

Mercedes 1955.

Lokalmatador Nino „Nazionale“ Vaccarella nahm die Targa Florio nie auf die leichte Schulter – Einheimischen-Bonus hin oder her. „Das Risiko fuhr immer mit und ein Abflug hätte im schlimmsten Falle mit dem Tod geendet“, analysierte er trocken die Umstände. „Ich versuchte immer, mit einem kalkulierten Risiko zu fahren, zügig, aber nicht voll am Limit“, war seine Taktik. Aber was heißt schon, nicht am Limit, bei Rundenschnitten von 128 Stundenkilometern?

Im Vergleich zu heute meint Vaccarella, seien die Straßen in einem besseren Zustand gewesen. Heute gibt es Abschnitte, bei denen die eine Fahrbahnhälfte bis einen halben Meter abgerutscht ist. „Es wäre unmöglich gewesen, mit einem Rennwagen ohne schweren Unfall einen solchen Abschnitt zu fahren“. Sein potentestes Auto war 1970 ein Ferrari 512 S mit über 550 PS und knapp 850 Kilogramm Gewicht. „Ein echtes Geschoss, in den engen Dorfdurchfahrten zwar nicht gerade ideal, dafür hatte ich Zeit, den Applaus der Zuschauer zu genießen“, schmunzelte der Sizilianer, der auf der Buonfornello-Geraden bei einer Geschwindigkeit von über 325 km/h ausruhen konnte.

Den Rundenrekord hält Leo Kinnunen (Team Rodriguez / Kinnunen), gefahren 1970 mit einem Porsche 908 in 33 Minuten 36S Sekunden. Dies bedeutet, dass rund eintausend Höhenmeter und 900 Kurven mit einem Schnitt von 128 km/h gefahren wurden.

Trocken meinte Vaccarella: „Eigentlich hätte es noch schneller gehen sollen, aber keiner der Piloten kann wirklich behaupten, dass ihm jemals eine perfekte, fehlerlose Runde gelungen sei.“ Für ihn ist klar, dass mit den Sportwagen der 70er Jahre eine Zeit unter dreißig Minuten hätte möglich sein sollen.

Ach ja, und hier noch die Frage nach der erfolgreichsten Marke? Nein, nicht Alfa Romeo. Die Mailänder Marke holte zehn Siege und wurde von Porsche mit elf Erfolgen knapp geschlagen. Ferrari gewann sieben Man, Mercedes war drei Mal am schnellsten.

Die Targa Florio heute

Heute erinnern kurz vor dem Städtchen Cerda die Boxenanlagen und die Tribünen bei Start und Ziel an die glorreichen Zeiten – allerdings verfallen die Gebäulichkeiten langsam. Hinter der Tribüne, im abgesperrten Teil, steht zu Ehren des Gründers Vincenco Florio eine Büste, die an die Anfänge erinnert. Vielleicht kann die heutige Generation mit dem allem nicht mehr viel anfangen. Obwohl: Auf Stützmauern entlang der Strecke sind immer noch vergilbte Schriftzüge wie „Nino Nazionale, Forza Vaccarella“ und ähnliches auszumachen.

Und der Betrachter fährt in seinem Fiat Punto Diesel bei wenig Gegenverkehr zügig, aber entspannt über die engen Sträßchen und die Haarnadelkurven, weicht den unzähligen Schlaglöchern und andern Straßenschäden aus und denkt unentwegt: „Ein Schnitt von 128 Stundenkilometern ist doch gar nicht möglich …?  Waren die damaligen Piloten nun Helden oder Verrückte?“

Von 1906 bis 1954 gab es 38 Austragungen der Targa Florio, bevor das Straßenrennen am 16. Oktober 1955 erstmals und danach wieder ab 1958 als Sportwagen- oder Marken-WM-Lauf zählte. Ab 1974 zählte das Rennen mit einem qualitativ minderen Feld vier Jahre lang nur noch zur Italienischen Meisterschaft, ehe es in eine Rallye überging.

Vielen Dank für diese Geschichte an Thomas Suter und zwischengas.com

  • tatscher werner

    danke, schöner BERICHT, ich bin die strecke mit meinem
    PUCHAUTO gefahren. unglaublich dieser 128kmh schnitt.
    meiner war ca. 28kmh. und 100 euro im handschuhfach !!!!

    lb.gr. werner

  • drifti

    tolle bilder!

    thx!

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