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Formula Student – Was es ist und wieso

Zum Anlass des diesjährigen Rennens in Österreich und weil die Bekanntheit dieser Serie für den Rennbericht allein wohl doch noch zu schütter ist, folgen hier ein paar Worte der Erklärung.

28.08.2015 Online Redaktion

Wie der Name schon zart andeutet, handelt es sich um einen Wettbewerb, in dem sich Teams verschiedener Universitäten und Fachhochschulen im Bau und möglichst erfolgreichen Einsatz eines Rennwagens messen. Das geschieht freiwillig, unentgeltlich und in den allermeisten Fällen extracurricular (Diplomarbeitsthemen lassen sich aber durchaus ableiten). Im Unterschied zu konventionellen Rennserien – und damit die Studiosi auch was lernen – geht es in der Formula Student aber nicht nur um die Leistung auf der Strecke, sondern auch um Theoretisches.

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Um die Wette konstruieren

Das Konzept sieht vor, dass kein reiner Rennprototyp entworfen wird, sondern vielmehr eine Art Ringtool für einen fiktiven Hobbyfahrer. Deshalb müssen die Kosten sauber aufgestellt werden (im sogenannten Cost Event), wird eine Geschäfts- und Marketingstrategie verlangt (Busines Event) und müssen die angehenden Konstrukteure einer Jurorenpartie aus Professoren und erfahrenen Ingenieuren die Hintergründe ihres Autos erklären (Design Event). Schmähstad sein kommt in Gegenwart der Branchengrößen übrigens gar nicht gut an. Generell wird ein Team, das ein konstruktiv einfaches Auto hat, aber schlüssig erklären kann warum, viel besser bewertet als eine Mannschaft mit komplexem Gerät und ahnungslosen Mitgliedern.

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Start

Sind die genannten statischen Disziplinen erledigt, dürfen die Motoren warmlaufen. Das dynamische Portfolio besteht aus einem Drag Race (Acceleration), möglichst zügiger Kreisfahrt (Skid pad) sowie einem meist recht eng gesteckten Rundkurs. Im Autocross Event muss dieser Kurs aus dem Stand möglichst schnell umrundet werden, die Königsdisziplin Endurance – im Grunde das Hauptrennen – besteht aus 20 Runden oder etwa 22 Kilometern. Die Teams starten hier im Sonderprüfungsmodus, man fährt somit zwar auf derselben Strecke aber nur gegen die Uhr, Maximum Attack gilt trotzdem. Für alle Einzeldisziplinen werden Punkte verteilt –  in Summe deren 1000  – und Spitzenteams lassen oft nicht viel mehr als 50 liegen. Inklusive der obligaten technischen Abnahme zu Beginn dauert eine Veranstaltung meist vier Tage. Die Abende dazwischen dienen dem interuniversitären Kennenlernen, auch von schweren Partys hat man schon gehört (was für die Verständigung ja generell fein ist).

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Made in America

Gegründet wurde das Ganze Anfang der Achtziger in den USA und seit ungefähr der Jahrtausendwende gibt es eigentlich Rennen auf der ganzen Welt: Japan, Australien, Indien und so weiter. In Europa hat die Sache mit dem England-Rennen Ende der Neunziger begonnen und ist mit der ersten Ausrichtung des Formula Student Germany Events 2005 in Hockenheim regelrecht explodiert. Viele Maschinenbau- oder Fahrzeugtechnikfakultäten ohne ein solches Team gibt es wahrscheinlich nicht mehr. Momentan gehören neben den bereits erwähnten Deutschland, England und Österreich noch Italien und Ungarn zu den Wichtigsten in Europa, eine zusammenhängende offizielle Meisterschaft gibt es aber nicht.

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Innovationsakkord

Die Teams können mit verbrennendem oder elektrischem Antrieb antreten, im Klassement werden die verschiedenen Konzepte meist getrennt geführt. Und gleich jeder anderen Form des Motorsports unterliegt auch die Formula Student einem Regelsatz, doch abgesehen von der Leistungsbegrenzung der Triebsätze (600 Kubik und 20mm Ansaugdurchmesser bzw. schlicht 80kW maximale elektrische Leistung) halten sich die technischen Vorschriften in Grenzen. Gewisse Außenabmessungen sind einzuhalten (Monoposto!) und ein recht umfangreicher Katalog an Sicherheitsmaßnahmen ist zu erfüllen, aber ansonsten ist alles sehr pro Kreativität (es wäre ja auch ziemlich kontraproduktiv, eine Rennserie mit Lehrauftrag in ein gar enges Regelkorsett zu quetschen). Ursprünglich hat man wohl die Unerfahrenheit der Studenten als limitierend genug betrachtet, doch das trifft heute kaum mehr zu.

Jedenfalls ergibt dieses recht freizügige Reglement gemeinsam mit den relativ breiten Anforderungen ein buntes Starterfeld und sehr viele Herangehensweisen. Ob man als eingeschworene Zehnertruppe antritt oder als Riesenteam mit 50 und mehr Leuten. Ob sich mit den Fertigungsmöglichkeiten der Uni begnügend oder dank fleißiger Sponsorensuche mit Zugriff auf ernsthaftes Werkzeug wie Autoklaven oder Fräszentren. Auch die Motorwahl steht innerhalb der Regelmentsgrenzen frei, abseits der üblichen Motorradmotoren haben einige Teams sogar gemeinschaftlich einen designierten Formula-Student-Zweizylinder entwickelt – unterstützt von AMG. Durchgesetzt haben sich aber Einzylinder-Enduromotoren (gerne von KTM), obwohl es noch Leistungs- und Soundjunkies gibt, die lieber Vierzylinder aus zum Beispiel der R6 verwenden. Turbos und Kompressoren findet man ebenfalls. Die besten Einzylinder-Autos wiegen übrigens 150kg, Vierzylinder und gute Elektroautos zwanzig Kilo mehr. Das ist leichter als die Spendermotorräder! Erreicht werden diese Gewichte durch ziemlich rücksichtslosen Einsatz von Kohlefaser. Monocoque, Fahrwerkslenker, Felgen, Airbox, alles. Seit ein paar Jahren ist auch die Aerodynamik wieder en vogue, diesem Trend tragen obszön größe Flügel Rechnung.

Formelsport im Tesla-Zeitalter

Die Elektrogeräte haben 2009 angefangen und seitdem den Antriebssektor ziemlich aufgemischt. Selbstgebaute Batterien, Allradantrieb mit stark modifizierte Radnabenmotoren (um sechs Kilo) und Torque Vectoring haben speziell bei den Beschleunigungswerten für Rekorde gesorgt. Die Uni Stuttgart stellt zurzeit das spurtstärkste Elektroauto der Welt, 1,779 Sekunden von Null auf Hundert!  Daneben gibt es (unter vielem anderen) noch hydraulisch vernetzte Fahrwerke, außerhalb der Radträger laufende Radnaben und ziemlich ernst gemeinte Elektronik mit CANBus, Multifunktionslenkrädern und automatisierter Schaltung.

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Trotz all dieser Technikschmankerl, die in Mainstream-Rennserien wie F1, WEC oder DTM mitunter sowieso verboten sind, gelten isolierte Höchstleistungen nicht unbedingt als Primärziel, denn Erfolg hat wer ein harmonisches Ganzes zusammenbringt. Zu den Teams, denen das in den letzten Jahren am besten gelungen ist, gehören vor allem Global Formula Racing (ein Joint Venture zweier Unis aus Oregon und Ravensburg), die TU Delft, die Universität Stuttgart, die TU München, die ETH Zürich und auch die Teams von FH und TU Graz. Die österreichischen Söhne und Töchter sind ja im Motorsport traditionell ganz gut vertreten.

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I know a guy who knows a guy…

Zuletzt sei noch ein nicht zu unterschätzender Faktor erwähnt, das Netzwerken nämlich. Selbiges funktioniert ziemlich gut in der Formula Student und macht die Sache zu einer Win-Win-Situation. Die Hochschüler würden sich ohne wohlwollende Sponsoren kaum Kohlefasermonocoques und Titanfahrwerksteile leisten können, auch wäre der logistische Aufwand einer Rennteilnahme in England oder Amerika unmöglich zu stemmen. Die Firmen machen das eher nicht aus tief empfundenener Nächstenliebe, sondern weil sie davon ausgehen können, dass ihr Engagement in Form von sehr motivierten und erfahrenen Alumni wieder zurückkommt.  Das Personaleraufkommen bei den Rennen ist jedenfalls nennenswert. Auch die Studenten freut’s, denn wenn ein Job bei Porsche, Audi, der AVL, Magna oder sonst was Hochkarätigem nicht irgendwie Ziel wäre, hätten sie wahrscheinlich was anderes studiert.

Das war die Formula Student Austria 2015 am Red Bull Ring: Link

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