„Hamilton lässt Rosberg leiden“: Das war das Formel 1-Saisonfinale 2016

„Hamilton gewann die Schlacht, Rosberg aber den Krieg“ – nach einem spannenden Saisonfinale in Abi Dhabi ist Mercedes-Pilot Nico Rosberg erstmals Formel 1-Weltmeister.

28.11.2016 APA

Am Ende ist es bei dem mit Spannung erwarteten letzten Rennen der Formel-1-Saison 2016 tatsächlich zu einem Herzschlagfinale gekommen. Lewis Hamilton rief am Sonntag in Abu Dhabi entgegen den Team-Anweisungen bewusst nicht sein Maximum ab, um seinen WM-Rivalen Nico Rosberg entscheidend aufzuhalten, was aber nicht gelang. Hinter Sieger Hamilton wurde Rosberg mit 0,439 Rückstand Zweiter und erstmals Weltmeister in der Motorsport-Königsklasse.

„Anarchie funktioniert in keinem Team“

Hamilton wollte im Zitterfinale noch einmal alle Möglichkeiten ausschöpfen, seine WM-Aufholjagd doch noch zu krönen. Dafür verschleppte der an der Spitze fahrende 31-Jährige das Tempo, um Verfolger Nico Rosberg in weitere Positionskämpfe mit Sebastian Vettel und Max Verstappen zu verwickeln. Wäre der deutsche Mercedes-Pilot nur Vierter geworden, hätte Sieger Hamilton doch noch seinen dritten WM-Titel en suite und insgesamt vierten feiern dürfen. Die Anweisungen von der Box, er solle wieder schneller fahren, ignorierte der Brite. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff Konsequenzen schloss Konsequenzen für Hamilton daher nicht aus: „Anarchie funktioniert in keinem Team und in keinem Unternehmen“, warnte der Wiener. „Es geht darum, eine Lösung zu finden, wie man so etwas in der Zukunft verhindert.“

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© Bild: Clive Mason Getty Images Sport

Zaghafte Gratulation

„Das war definitiv nicht das angenehmste Rennen, das ich jemals gefahren bin. Ich bin froh, dass es vorbei ist. Es waren echt extreme Emotionen“, stammelte Rosberg bei der Siegerehrung. „Es hat nicht gereicht. Wir hatten positive und negative Seiten in dieser Saison im Team“, meinte Hamiliton, zollte seinem Rivalen aber Beifall. „Ein großes Kompliment an Nico“, so der Brite. „Es war nicht leicht, dich zu schlagen“, gab dieser das Kompliment umgehend zurück, begleitet sogar von einer zaghaften Umarmung. Als erste Gratulantin hatte sich noch über den Boxenfunk seine Frau Vivian eingestellt.

Dritter Deutscher Formel 1-Weltmeister

Rosberg ist der dritte Weltmeister aus Deutschland nach Rekord-Gewinner Michael Schumacher, der sieben Titel holte, und Vierfach-Champion Vettel. Der 31-Jährige entschied die mit 21 WM-Läufen bisher längste Saison der Geschichte für sich. Sein Vater Keke Rosberg hatte vor knapp 34 Jahren den Titel gewonnen. „Das ist ein Kindheitstraum, der jetzt hier in Erfüllung geht“, sagte Rosberg. Der dreifache Hamilton holte mit zehn Siegen einen mehr als sein Konkurrent und damit so viele wie noch nie zuvor ein Vize-Weltmeister in einem Jahr.

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© Bild: Clive Mason Getty Images Sport

Ricciardo und Vettel auf den WM-Plätzen 3 und 4

Mit dem dritten Tagesrang verteidigte Ferrari-Pilot Vettel auch den vierten Platz in der Gesamtwertung gegenüber Verstappen. Als WM-Dritter stand Daniel Ricciardo schon zuvor fest, der Australier kam in Abu Dhabi nicht über Position fünf hinaus.

Karriere-Ende für Massa und Button

Williams-Mann Felipe Massa beendete seine Karriere mit einem neunten Platz in seinem 250. und letzten Rennen. Jenson Button musste seinen McLaren-Honda nach insgesamt 305 Rennen in seiner Laufbahn schon nach der 13. Runde abstellen, nachdem die Radaufhängung den Geist aufgegeben hatte. Eine Rückkehr des Weltmeisters von 2009 in die Formel 1 erscheint mehr als zweifelhaft. In der Box wurde er von seiner Mutter getröstet, die Zuschauer auf der Haupttribüne zollten mit stehenden Ovationen Respekt.

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© Bild: Clive Mason / Staff

Internationale Pressestimmen zum Saisonfinale in Abu Dhabi

Pressestimmen aus Deutschland:

„Bild“: „Rosbergs Stern-Stunde. Erster deutscher Weltmeister im deutschen Auto!“

„Die Welt“: „Raus aus dem Schatten. Die letzten Meter glichen einer Ehrenrunde. Nach dem zweiten Platz in Abu Dhabi ist Nico Rosberg endgültig in die Fußstapfen seines Vaters Keke getreten: Erstmals seit 1982 heißt der Formel-1-Weltmeister wieder Rosberg, nach Schumacher und Vettel steht wieder ein Deutscher ganz oben. Was für ein Triumph!“

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Rosbergs Triumph über den Trickser. Als rollende Blockade versucht Hamilton den WM-Sieg seines Teamkollegen zu verhindern. Aber der Deutsche behält die Nerven und wird Formel-1-Champion.“

„Stuttgarter Zeitung“: „Ein historischer Erfolg. Champion Nico Rosberg ist der erste deutsche Mercedes-Weltmeister – und hat mit seinem Vater gleichgezogen.“

„Süddeutsche Zeitung“: „Mit Geduld zum Kindheitstraum. Nach mehr als zehn Jahren Anlauf wird Nico Rosberg Formel-1-Weltmeister – im entscheidenden Rennen reicht dem 31-Jährigen der zweite Platz hinter seinem Mercedes-Kollegen Lewis Hamilton, der vergeblich versucht, den Rivalen in die Fänge der Verfolger zu bremsen.“

Pressestimmen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten:

„Gulf News“: „Der Deutsche hat Nerven aus Stahl, um den britischen Rivalen in Schach zu halten.“

„Khaleej Times“: „Hamilton gewann die Schlacht, Rosberg aber den Krieg.“

Pressestimmen aus Großbritannien:

„The Guardian“: „Nico Rosbergs erster Formel-1-Titel war ein klassischer Sieg für den fleißigen, hartnäckigen Wettkämpfer über einen talentierteren Gegner. Es war der Triumph des Retrievers über den Windhund, der Schildkröte über den Hasen.“

„The Times“: „Champion Rosberg tritt aus Hamiltons Schatten. Als es drauf ankam, hatte der Bursche mit dem Spitznamen Britney Nerven aus Stahl. Am Ende war Nico Rosberg so erschöpft, dass er aussah, als wäre er aus dem warmen Wasser des Persischen Golfs gezogen und über eine Wäscheleine gehängt worden.“

„The Telegraph“: „Über Jahre war Rosberg ein unterbewertetes Talent, nun bekommt er die Anerkennung, die er verdient. Lewis Hamilton könnte von Mercedes suspendiert werden, nachdem er frech und mehrfach die Teamorder missachtete.“

„Daily Express“: „Anarchie. Mercedes wütend, Hamilton droht der Rauswurf.“

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© Bild: Lars Baron Getty Images Sport

Pressestimmen aus Italien:

„La Gazzetta dello Sport“: „Der König ist Nico. Ist es ein verdienter Titel, den er gewonnen hat, gegen Lewis Hamilton, der ihm bis auf die letzten Meter eine harte Nuss zu knacken gegeben hat? Ja, weil die Titel nicht nur mit Schnelligkeit – eine Gabe, die ihm beileibe nicht fehlte -, sondern auch mit dem Kopf gewonnen werden. Und Rosberg hat hauptsächlich seine mentale Kraft genutzt, um die Oberhand über Hamilton zu bekommen.“

„Corriere dello Sport“: „Rosberg – der normale König. Wie ein Elfe unter den Giganten.“

„La Repubblica“: „Dynastie Rosberg. Weltmeister wie Vater Keke ist Nico unter den Großen.“

Pressestimmen aus Frankreich:

„Le Parisien“: „Am Schluss einer endlosen Saison und nach zwei Jahren im Schatten seines Teamkollegen Hamilton nimmt der Deutsche Nico Rosberg endlich seine Revanche am Briten.“

„L’Equipe“: „Lewis Hamilton hatte die Gunst der Prognosen nicht auf seiner Seite, und mit 12 Punkten Rückstand brauchte er ein Wunder, um die Hoffnung zu wahren, seinen Weltmeistertitel zu behalten. Also hat der Engländer sich entschieden, dem Schicksal ein bisschen nachzuhelfen. Am Anfang und am Ende des Rennens hat er eindeutig nicht die ganze Kraft seines Mercedes-Motors genutzt, um seinen Rivalen unter dem Druck seiner Verfolger zu halten.“

„Le Figaro“: „Man muss sagen, dass Rosberg und Hamilton wie Tag und Nacht sind. So sehr der Brite die Idee eines sich zur Extravaganz bekennenden Jet-Setters verkörpert, so sehr gilt der Deutsche als idealer Schwiegersohn und guter Familienvater.“

Pressestimmen aus Schweiz:

„Neue Zürcher Zeitung“: „Rosberg hat Hamilton entthront, auf dem Podest in Abu Dhabi gaben sich die beiden Mercedes-Rivalen brav die Hände, umarmten sich sogar. Doch die beiden werden sich auch künftig nichts schenken, das ist die Botschaft der letzten, entscheidenden Runden auf der Wüsteninsel Yas.“

Tagesanzeiger: „Hamilton lässt Rosberg leiden. Der Brite fährt langsam und gefährdet Rosbergs Rennen. Der Chef hat wenig Freude.“

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© Bild: Clive Mason / Staff

Endstand des Formel-1-Grand-Prix der Vereinigten Arabischen Emirate am Sonntag in Abu Dhabi:

  1. Lewis Hamilton (GBR) Mercedes 01:38:04,013 Durchschnittsgeschw.: 186,952 km/h
  2. Nico Rosberg (GER) Mercedes +00,439
  3. Sebastian Vettel (GER) Ferrari +00,843
  4. Max Verstappen (NED) Red Bull +01,685
  5. Daniel Ricciardo (AUS) Red Bull +05,315
  6. Kimi Räikkönen (FIN) Ferrari +18,816
  7. Nico Hülkenberg (GER) Force India +50,114
  8. Sergio Perez (MEX) Force India +58,776
  9. Felipe Massa (BRA) Williams +59,436
  10. Fernando Alonso (ESP) McLaren +59,896
  11. Romain Grosjean (FRA) Haas +01:16,777
  12. Esteban Gutierrez (MEX) Haas +01:35,113
  13. Esteban Ocon (FRA) Manor +1 Runde
  14. Pascal Wehrlein (GER) Manor +1 Runde
  15. Marcus Ericsson (SWE) Sauber +1 Runde
  16. Felipe Nasr (BRA) Sauber +1 Runde
  17. Jolyon Palmer (GBR) Renault +1 Runde

Ausgeschieden: Valtteri Bottas (FIN) Williams, Jenson Button (GBR) McLaren, Daniil Kwjat (RUS) Toro Rosso, Kevin Magnussen (DEN) Renault, Carlos Sainz jr. (ESP) Toro Rosso

Schnellste Runde: Sebastian Vettel (GER) Ferrari, 43. Runde in 01:43,729 Min., Durchschnitt: 192,760 km/h

Fahrerwertung – WM-Endstand nach 21 Rennen:

  1. Nico Rosberg (GER) Mercedes 385
  2. Lewis Hamilton (GBR) Mercedes 380
  3. Daniel Ricciardo (AUS) Red Bull 256
  4. Sebastian Vettel (GER) Ferrari 212
  5. Max Verstappen (NED) Red Bull 204
  6. Kimi Räikkönen (FIN) Ferrari 186
  7. Sergio Perez (MEX) Force India 101
  8. Valtteri Bottas (FIN) Williams 85
  9. Nico Hülkenberg (GER) Force India 72
  10. Fernando Alonso (ESP) McLaren 54
  11. Felipe Massa (BRA) Williams 53
  12. Carlos Sainz jr. (ESP) Toro Rosso 46
  13. Romain Grosjean (FRA) Haas 29
  14. Daniil Kwjat (RUS) Toro Rosso 25
  15. Jenson Button (GBR) McLaren 21
  16. Kevin Magnussen (DEN) Renault 7
  17. Felipe Nasr (BRA) Sauber 2
  18. Jolyon Palmer (GBR) Renault 1
  19. Pascal Wehrlein (GER) Manor 1
  20. Stoffel Vandoorne (BEL) McLaren 1

Konstrukteurs-WM – Endstand nach 21 Rennen:

  1. Mercedes 765
  2. Red Bull 468
  3. Ferrari 398
  4. Force India 173
  5. Williams 138
  6. McLaren 76
  7. Toro Rosso 63
  8. Haas 29
  9. Renault 8
  10. Sauber 2
  11. Manor 1

Verstappen 13 Punkte bei Toro Rosso vor Wechsel zu Red Bull eingefahren. Kwjat 21 Punkte bei Red Bull vor Wechsel zu Toro Rosso eingefahren.

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