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„Als wir erstmals verhandelt haben, war Mercedes nicht unbedingt ein Auto, in dem man sitzen wollte“

Toto Wolff im Gespräch: Über das Stallduell bei Mercedes, den Stand in den Vertragsverhandlungen und die derzeitigen Chancen, dass ein Österreicher in der F1 fährt.

12.03.2015 APA

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff hat vor dem Start der Formel-1-WM in Australien bestätigt, dass man die beiden Fahrer Lewis Hamilton und Nico Rosberg auch 2015 frei gegeneinander fahren lassen wird. Dies hatte im Vorjahr zu einigen Konflikten geführt. Nach ausgiebigen Gesprächen sei der Zugang diesmal aber „entspannter“, versicherte Wolff in Melbourne. Der Mercedes-Motorsportchef im Gespräch:

Die beiden Mercedes-Piloten haben im Vorjahr auch zum Teil unfair gegeneinander gekämpft. Wie wollen sie dies 2015 verhindern?

Christian Wolff: „Vergangenes Jahr war der Druck ziemlich groß, die Meisterschaft zu gewinnen. Da war dieses Trauma der vorangegangenen Jahre, in denen wir über die Saison die Performance verloren haben. Diesmal wollten wir es aber nicht mehr aus der Hand geben. 2015 ist unser Zugang etwas entspannter.“

Warum entspannter?

Wolff: „Wir haben bewusst entschieden, die beiden wieder gegeneinander antreten zu lassen. Dies dient auch der Performance des Autos. Dass uns das eine oder andere Mal eine schwierige Situation blüht, wissen wir jetzt aus den Erfahrungen des letzten Jahres. Wir haben aber auch mit den beiden analysiert, wo wir besser miteinander kommunizieren können. Da waren wir auch als Team nicht immer fehlerfrei.“

Was heißt das konkret?

Wolff: „Wenn du als Fahrer die Chance auf den WM-Titel hast, weil du in einem guten Auto sitzt, musst du jedes Mittel nutzen. Diese Einstellung akzeptieren wir. Gleichzeitig ist den beiden aber bewusst, dass sie für eine Weltmarke arbeiten und diese Weltmarke nicht lächerlich aussehen darf, weil sie nur auf sich selbst schauen. Aber das tun sie nicht. Sie verstehen, dass wir gemeinsam hier sind. In der Hitze des Gefechtes ist es natürlich oft anders, aber über das große Bild sind wir uns einig.“

Sie haben im Vorjahr einmal sogar mit „Entlassung“ gedroht. Wodurch hält man diesmal die beiden Fahrer im Zaum?

Wolff: „Die beiden respektieren, dass es auch um eine große Marke geht und nicht einen egomanischen Wettkampf. Deshalb war es nicht wirklich schwierig, das vor der Saison zu besprechen. Wir dürfen aber natürlich auch nicht naiv sein. Es wird Situationen geben, in denen es intensiver wird und in denen es unterschiedliche Standpunkte geben wird. Da muss man dann situationsangepasst richtig handeln.“

Wäre das nicht leichter, wenn auch Hamilton seinen Vertrag bei Mercedes bereits verlängert hätte?

Wolff: „Nicht wirklich. Wir sind sehr früh dran mit den Verhandlungen. Der Vertrag läuft ja noch eine ganze Saison und Deadlines erzeugen nur Druck. Wir sind gut am Weg, keiner von uns hat mit jemand anderem gesprochen bisher. Wir wollen es früh fixieren, weil es für die Stabilität im Team gut ist.“

Angeblich will Hamilton so viel verdienen, dass er der best verdienendste britische Sportler wird. Von zumindest 50 Mio. Pfund (71 Mio. Euro) Gesamteinkommen pro Jahr wird geschrieben. Was sagen sie dazu?

Wolff: „Die Zahlen in den Medien sind absolut schwachsinnig, da muss einer was geraucht haben. Wir wissen um den Wert von Lewis als Fahrer, als Marke und als Persönlichkeit. Das reflektiert sich auch im Salär. Gleichzeitig haben wir eine Situation von Angebot und Nachfrage. Wir haben ein Auto, mit dem man Weltmeister werden kann. Und das weiß Lewis. Dass er ohnehin einer der bestbezahlten Fahrer ist, war auch schon vor Mercedes so. Es gibt nur eine Handvoll Jungs, die auf diesem Level fahren können.“

Offenbar kann sich Mercedes ein gutes Salär leisten, so gut wie es der Marke nicht zuletzt auch wegen der Formel-1-Erfolge derzeit geht, oder?

Wolff: „Als wir erstmals verhandelt haben, war Mercedes nicht unbedingt ein Auto, in dem man sitzen wollte. Jetzt ist es anders, weil Lewis in einem Auto sitzt, mit dem er Weltmeister geworden ist. Insofern ist auch für uns die Situation ein wenig einfacher. Wir müssen als Team aber nicht nur eine Branding-Aufgabe erfüllen, sondern auch kommerziell richtige Entscheidungen treffen. Dass die Daimler AG sehr gut da steht, freut mich sehr, hat aber nicht unbedingt Einfluss auf unsere budgetäre Situation. Wir müssen weiter so effizient wie möglich sein.“

Das gilt auch für die Formel 1 im Allgemeinen. Braucht es Umstrukturierungen und einen radikalen Sparkurs?

Wolff: „Natürlich müssen wir auf die Kosten schauen und Verantwortung übernehmen. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass dies die Formel 1 und damit die Krone des Motorsports ist. Es ist die WM der Fahrer, aber auch die der Ingenieure und der besten Autos. Wenn wir zu viel von dem fallen lassen, was immer schon Teil der WM war, wird das der Formel 1 nicht helfen.“

Der Österreicher Lucas Auer fährt für Mercedes in der DTM. Was trauen sie ihm zu und wie wichtig wäre ihnen persönlich ein Österreicher in der Formel 1?

Wolff: „Lucas geht professionell an die Sache heran, ich habe ein gutes Gefühl. Er hat das Herz und den Kopf an der richtigen Stelle und einen guten Familienhintergrund. Natürlich wäre ein Österreicher in der Formel 1 für uns Ösis super (lacht). Die Realität ist, und ich hoffe, ich tu‘ jetzt damit niemandem weh: Im Moment sehe ich keinen, der auf dem (notwendigen, Anm.) Niveau Leistung abrufen kann. Aber es wird schon wieder einer kommen.“

Wie interpretieren sie die teilweise Freigabe der Motorenentwicklung auch während der WM?

Wolf: „Die endlose Token-Diskussion. Ferrari hat dieses Schlupfloch gefunden und interpretiert. Wir akzeptieren das und werden versuchen, es durch spätere Upgrades auch für uns zu nutzen. Da haben wir unser Programm angepasst. Ich denke, wir werden 20 Prozent der Tokens erst im Laufe der Saison nutzen.“

Wie ist ihre Position hinsichtlich des immer noch nicht fixierten Rennens in Deutschland?

Wolff: „Es ist nicht die hauptsächliche Aufgabe von Daimler, sich in Verhandlungen zwischen dem Promoter und dem Rechtehalter einzumischen. Der Deutschland-Grand-Prix ist aber sehr wichtig für Mercedes. Deshalb helfen wir bei diesen komplexen Verhandlungen als Vermittler. Aber derzeit gibt es immer noch keine Lösung.“

Hans Gödel (APA) im Gespräch mit Motorsportchef Christian „Toto“ Wolff vor dem Saisonstart in Australien

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