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Der 42-jährige Wiener Toto Wolff ist seit 2013 Motorsportchef bei Mercedes.
 

Formel 1: Mercedes startet mit „vorsichtigem Optimismus“ in die Saison 2014

Interview mit Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff: „Werden nicht in Jubelstürme verfallen, als ob wir schon etwas gewonnen hätten“

04.03.2014 APA

Bei den Testfahrten für die Formel 1-Saison 2014 war Mercedes vorne dabei. Für Motorsportchef Toto Wolff ist es angesichts des stark veränderten Reglements aber noch zu früh, um von einer Favoritenrolle zu sprechen. Am 16. März startet die diesjährige Formel 1-Saison in Australien. Wolff fungiert dann auch erstmals gemeinsam mit dem für den technischen Bereich zuständigen Briten Paddy Lowe als Teamchef.

Interview mit Toto Wolff

Mit der APA – Austria Presse Agentur sprach der 42-jährige Wiener Wolff eineinhalb Wochen vor Saisonstart über die Favoritenrolle, Gremlins, die es noch aus dem Auto zu holen gilt, und die Rückkehr des Grand Prix von Österreich.

APA: Mit wie viel Zuversicht können Sie nach den gezeigten Testleistungen in die Saison gehen?

Wolff: „Es ist ein vorsichtiger Optimismus. Wir werden aber nicht in Jubelstürme verfallen, als ob wir schon etwas gewonnen hätten. Wir haben einen kleinen Vorsprung durch die vielen Kilometer, die wir gefahren sind. Sorgenfalten bestehen aber nach wie vor. Man muss ein Rennen zu Ende fahren, um es zu gewinnen. Schnell sein alleine reicht in diesem Jahr nicht. Es reicht ein Groschendefekt und man ist draußen. Zuverlässigkeit ist in diesem Jahr der Schlüssel. Gleichzeitig muss man die Entwicklungsgeschwindigkeit hoch halten.“

APA: Viele Experten sehen Ihr Team als Favorit. Nehmen Sie diese noch ungewohnte Rolle an?

Wolff: „Eine Favoritenrolle kann man nicht nur auf der Basis von Testleistungen annehmen. Es hat noch nicht einmal ein Rennen gegeben. Melbourne ist der ‚Reality Check‘. Davor wäre es verfrüht, sich die Favoritenrolle umhängen zu lassen. Wir haben noch zu viele Gremlins, die wir aus den Autos herausholen müssen. Wir müssen auf der Hut sein. Auch andere Teams haben bei den Testfahrten aufgezeigt. Und auch der Weltmeister wird irgendwann zurückkommen.“

APA: In welchem Zeitraum trauen Sie Red Bull zu, seine vielfältigen Probleme in den Griff zu bekommen?

Wolff: „Sie waren jetzt viermal hintereinander Weltmeister. Das heißt, man ist als Truppe gut aufgestellt, auch als Troubleshooter. Mit Fortdauer der Saison wird auch die Kombination Red Bull und Renault wieder konkurrenzfähig sein. Wann das genau ist, kann man nicht sagen – aus unserer Sicht hoffentlich so spät wie möglich.“

APA: Wir groß ist der Vorteil von Herstellern wie Mercedes oder Ferrari, die komplexen Antriebsstränge selbst herzustellen und dadurch gemeinsam mit dem Auto entwickeln zu können?

Wolff: „Der Vorteil ist schon da. Der Motor ist mittlerweile Bestandteil eines integrierten Systems. Die Abteilungen Antriebsstrang und Chassis tauschen sich sehr stark aus. Wir haben aber auch schon sehr früh begonnen, an dem Konzept zu arbeiten. Wir sind daher im Vorjahr Kompromisse eingegangen. Wir haben unseren Fokus früh auf 2014 gelegt, dadurch haben wir auch Entwicklungen für 2013 zurückgestellt. Wenn man auf unsere Kundenteams Force India oder Williams schaut, sind aber auch andere Teams mit Mercedes-Motor verdammt schnell.“

APA: Die Saison 2014 könnte eine voller Überraschungen werden. Wen erwarten Sie vorne?

Wolff: „Über die ganze Saison gesehen werden die üblichen Verdächtigen vorne mitspielen. Auch Ferrari und Red Bull werden kommen, da muss man sich keine Sorgen machen. Auch die Pace von Force India oder Williams scheint gut genug, um ein Rennen gewinnen zu können. Die Saison wird spannender als die davor. Es gibt keinen Favoriten, alles wurde auf Reset gesetzt. Es ist nicht nur die WM der besten Fahrer, sondern auch der besten Ingenieure.“

APA: Kommt das neue Reglement einem ihrer Piloten Nico Rosberg oder Lewis Hamilton besser entgegen?

Wolff: „Die Fahrer sind grundsätzlich verschieden. Sie haben sich in der Vergangenheit aber immer so gematcht und gegenseitig angetrieben, dass sie ein ähnliches Leistungsniveau erreicht haben. Daran wird sich nichts ändern. Ich traue beiden zu, dass sie mit dem neuen Auto absolut konkurrenzfähig sind. Vielleicht wird einer eher am Anfang und einer eher erst im Lauf der Saison stark sein. Wenn einer im Hintertreffen ist, dann ist aber jeder der beiden so programmiert, dass er sich das nicht lange bieten lassen wird.“

APA: Wie lautet die Zielformulierung in dieser Saison konkret?

Wolff: „Wir wollen unsere guten Wochenenden konsolidieren. Zu diesem Zeitpunkt von der WM zu reden, wäre hochmütig. Wir wollen eher Demut zeigen. Wir wollen regelmäßig auf das Podium und siegfähig sein. Wenn uns das gelingt, wird sich auch in der WM eine Chance ergeben.“

APA: In diesem Jahr kehrt auch der Grand Prix von Österreich zurück. Wie schön wäre es für Sie, in Spielberg die Trophäe für den siegreichen Konstrukteur zu stemmen?

Wolff: „Das mache sicher nicht ich. Da gibt es viele Leute, die viel mehr Anteil am Erfolg haben als ich. Aber es ist ein tolles Gefühl, nach Spielberg zurückzukehren. Ich bin dort in den frühen 90er-Jahren kläglich im Seat Ibiza Cup gefahren und habe auf einem Bauernhof gelebt. Jetzt mit einem konkurrenzfähigen Team dorthin zurückzukommen, ist super. Ich freue mich auch für die österreichischen Fans.“

APA: Davon gibt es viele, wenn man sich das schnell ausverkaufte Rennen und die guten TV-Quoten ansieht. Warum ist die Formel 1 in Österreich so beliebt?

Wolff: „Österreich ist ein motorsportbegeistertes Land. Dazu kommt die überproportional große Zahl an Österreichern, die in diesem Thema eine Rolle spielen. Österreich ist ein kleines Land voller Racer.“

(Das Gespräch führte Florian Haselmayer/APA)

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