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Boliden sind „Playstation-haft“ und „das Reglement ist widersinnig“

Red Bull Motorsportchef Helmut Marko findet ehrliche und deutliche Worte zur aktuellen Situation in der F1. „Es ist keine professionelle Vorbereitung auf die Rennen möglich“

08.05.2015 APA

Interview mit Helmut Marko:

Wie viel oder wenig Spaß macht die Formel 1, wenn man im Training nur auf die Laufleistung des Motors achten muss?

Marko: „Es macht uns die Arbeit fast unmöglich. Wir fahren weniger Kilometer als alle anderen. Wir können keine Teile miteinander vergleichen, es ist keine professionelle Vorbereitung auf die Rennen möglich. Das kann nicht Sinn und Zweck sein.“

Motorenpartner Renault ist mit der Standfestigkeit beschäftigt, dabei gäbe es auch im Leistungsbereich Aufholbedarf.

Marko: „Nur Standfestigkeit alleine hilft uns nicht. Wir fallen permanent zurück. Was wir beim Motor verlieren, können wir mit der Entwicklung des Chassis nur mehr oder weniger ausgleichen. Renault ist auf Standfestigkeit bedacht. Uns ist es aber lieber, wir werden Dritter und der Motor geht hoch, als wir werden Sechster und Achter.

Niki Lauda hat es bereits ausgeschlossen. Haben Sie die Hoffnung auf einen zusätzlichen fünften Motor für die Saison aufgegeben?

Marko: „Für uns ist das egal, ein fünfter Motor würde uns auch nicht weiterhelfen. Wir würden sieben oder acht brauchen. Das Reglement ist widersinnig, weil es keine Kostenreduktion bewirkt. Im Gegenteil: Es kostet sogar alles mehr. So wie es aussieht, kommt niemand in dieser Saison mit den vier Motoren aus.“

Welche Maßnahmen könnte man treffen?

Marko: „Am 14. Mai gibt es ein Meeting der Strategiegruppe, da geht es um 2017. Ich hoffe, dass da etwas Vernünftiges herauskommt. Wir haben die schwersten Autos, seit ich hier dabei bin. Auf der Straße gehen die Entwicklungen aber immer mehr in Richtung Leichtbau. Das ergibt keinen Sinn.“

Wie wichtig ist das Meeting kommende Woche für das künftige Engagement von Red Bull in der Formel 1?

Marko: „Es ist nicht nur für uns wichtig, sondern für die ganze Formel 1. Wir haben Rückgänge bei Fernsehquoten und Zuschauern. Dazu gibt es kaum neue Sponsoren. Es ist höchste Zeit, dass sich etwas ändert. Unser Boss (Dietrich Mateschitz/Anm.) hat ja schon angedeutet, dass wir das Engagement überdenken müssen, wenn das nicht passiert.“

Dabei war der Grand Prix von Österreich im Vorjahr ein großer Erfolg. Wie laufen die Vorbereitungen?

Marko: „Wir haben auch in Spielberg Probleme mit dem Ticketverkauf. Obwohl wir viel Aufwand betreiben mit Veranstaltungen wie in Wien, hinken wir dem Vorjahr deutlich hinterher. Das zeigt die Probleme, die die Veranstalter haben. Man bekommt die Gebühren nicht mehr herein, weil sich die Formel 1 am Interesse der Zuschauer vorbeientwickelt.“

Was sind die konkreten Probleme?

Marko: „Es fehlt der Sound, das ist aber bei weitem nicht alles. Die Autos sind zu Playstation-haft. Als Niki Lauda 1984 nach dem Qualifying aus dem Auto gestiegen ist, war er kreidebleich. Es war eine physische Anstrengung, eine Herausforderung. Heute steigen die Jungen aus und haben nicht einmal einen roten Kopf. Diese körperliche Belastung ist nicht mehr da. Die Autos sind zu leicht zu fahren. Dadurch gibt es keine Selektion mehr zwischen den besten und den weniger guten Fahrern. Das bekommt der Zuschauer mit. Auch, dass wir am Freitag nur das Notwendigste fahren. Mit welcher Berechtigung sollte er sich da eine Karte kaufen?“

Für diese und nächste Saison sind vom Reglement aber enge Grenzen gesetzt. Was könnte man tun?

Marko: „Wir denken nicht so kurzfristig. Seit der ganze ‚Power Unit‘-Kram im Einsatz ist, hat eine Abwärtsspirale eingesetzt. In jedem Meeting wird gequatscht, aber es kommt nichts dabei heraus. Das System mit FIA (Automobil-Weltverband/Anm.), Formel-1-Management und den Teams funktioniert nicht. Man kann nicht immer jeden fragen, wenn man etwas ändern will. Da müsste es eine unabhängige Instanz geben. Am 14. sollte man handeln.“

Was stört Sie am aktuellen Reglement?

Marko: „Die Power Units sind für die Formel 1 nicht geeignet. Wir brauchen keine Benzinspar-Formel. Wenn ein Flugzeug bei einer Flugshow über die Strecke fliegt, braucht das mehr Sprit als wir am ganzen Wochenende. Die Formel 1 soll eine Entwicklungsplattform sein. Die Power Units sind aber so schwer und komplex, so etwas kann man in der Serie unmöglich einsetzen. Dazu schauen die Autos alle gleich aus. Wenn man unser Auto rot lackieren würde, würde man den Unterschied zu Ferrari fast nicht erkennen. Wir brauchen mehr Freiheiten.“

Das Gespräch führte Florian Haselmayer/APA in Montmelo bei Barcelona

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