Gerhard Berger und Sebastian Vettel 2007
Berger und Vettel 2007 bei Torro Rosso.
 

Formel 1: Berger im Interview über die neue Saison

Gerhard Berger über die Chancen des Weltmeisterteams Red Bull, die Regeländerungen der F1 und seinen Neffen Lucas Auer.

11.03.2014 APA

Nach seinem Skiunfall ist Gerhard Berger auf dem Weg der Besserung. Der Formel-1-Sasion 2014 sieht der Ex-Rennfahrer gespannt entgegen. Vor dem Saisonauftakt in Melbourne sprach der Tiroler mit Florian Haselmayer von der APA über die Chancen des Weltmeisterteams Red Bull, die Regeländerungen der F1 und seinen Neffen Lucas Auer.

Welchen Eindruck haben Sie aus Bahrain mitgenommen? Wie ist das Kräfteverhältnis in der Formel 1?

Berger: „Es ist allgemein bekannt, dass Mercedes einen guten Job gemacht hat, was den Antriebsstrang betrifft. Sie sind viel gefahren, auch gute Rundenzeiten. Die Mercedes-Teams sind von Motor und der Elektronik her am besten aufgestellt. Danach kommt Ferrari, dann Renault. Die sind kaum gefahren und haben Probleme. Nach drei Rennen wird Red Bull aber wieder da sein.“

Wie kann man einen so großen Rückstand so schnell aufholen?

Berger: „Renault hat die Entwicklung in der Motorenabteilung aus irgendeinem Grund verschlafen. Aber sie haben ausreichend Erfahrung und Ressourcen. Renault ist ein Autohersteller, der reagieren kann und muss.“

Für wie konkurrenzfähig halten Sie das Weltmeisterteam?

Berger: „Die Überhitzung zeigt, dass Adrian Newey wieder am Limit gebaut hat. Zu Beginn haben seine Autos immer mit Überhitzung zu kämpfen gehabt. Manchmal war das nach einem Rennen behoben, manchmal nach fünf, manchmal nach einer halben Saison. Wenn es aber einmal funktioniert, wenn er kommt, dann fährt er um alle anderen Kreise.“

Das heißt, Sie trauen Red Bull trotz der aktuellen Probleme den fünften WM-Titel zu?

Berger: „Red Bull hat das gleiche Team und die notwendigen Ressourcen. Schlussendlich werden sie wieder vorne dabei sein. Sie werden um die WM mitfahren, da bin ich mir sicher. Es kann sein, dass sie in den ersten drei Rennen schlecht ausschauen. Aber ich würde sie nicht unterschätzen. Außerdem ist es ganz sympathisch, wenn ein vierfacher Weltmeister auch einmal Feuer am Dach hat.“

Inwieweit ist die Situation auch für Sebastian Vettel eine neue Herausforderung?

Berger: „Das ist sie für alle Teammitglieder. Dieser Druck ist aber auch wichtig. Er zeigt, dass die Formel 1 ein konkurrenzfähiges Feld hat. Wie ich Dietrich Mateschitz kenne, liebt er diese Herausforderung. Er wird die Mannschaft antreiben. Ich bin mir ganz sicher, dass sie ab Mitte der Saison vorne sein werden.“

Das Reglement bringt einschneidende Veränderungen. Was halten Sie davon?

Berger: „Aus meiner Sicht war es ein großer Schritt nach vorne. Bis zu meinem Besuch in Bahrain war ich kritisch. Ich habe es zu technisch gefunden, für die Fans zu kompliziert. Das muss ich aber revidieren. Das ist Formel 1 pur. Die Autos sind 20 km/h schneller auf der Geraden und haben auch aus den Ecken richtig Power. Ich finde auch den Sound gut. Die Kritik daran kommt hauptsächlich von Leuten, die die neuen Motoren noch nicht gehört haben.“

Worauf müssen sich die Fahrer einstellen?

Berger: „Sie haben mehr Arbeit mit Querstehen. Die Hinterreifen werden mehr belastet. Durch die komplexe Technik wird es am Anfang mehr Defekte und Ausfälle geben. Dazu kommt das Sprit-Thema. Der Fahrer wird immer gefordert sein – einmal mit mehr, einmal mit weniger Leistung. Das ergibt auch unterschiedliche Strategien. Das werden turbulente Rennen im letzten Drittel.“

Welche Teams sind dafür am besten gerüstet?

Berger: „Das Mercedes-Team ist sehr gut aufgestellt. Ich glaube, dass sie das schnellste Auto haben. Williams könnte knapp dran sein, McLaren sieht auch vernünftig aus. Die ersten beiden Reihen werden beim Saisonstart sehr Mercedes-lastig sein. Dann kommt Ferrari. Und man weiß nicht, was Red Bull alles hineingebracht hat. Im Rennen werden sie Probleme mit der Standfestigkeit haben. Aber ich traue ihnen zu, weit vorne zu starten.“

Mercedes und Ferrari können Motor und Chassis im Gegensatz zu Red Bull gemeinsam entwickeln. Wie groß ist der Vorteil?

Berger: „Mercedes ist in der Motorenabteilung am kompromisslosesten. Es war auch in den letzten Jahren schon der beste Motor. Red Bull war zwar viermal Weltmeister, da war der Beitrag von Newey und Vettel aber sehr groß. Heuer hat Mercedes den mit Abstand besten Motor. Bei Mercedes steht der ganze Antriebsstrang auf einmal auf dem Prüfstand. Da sind sie der Konkurrenz voraus, weil sie auch mehr Geld investieren.“

Ihr Ex-Team Toro Rosso gibt mit dem Russen Daniil Kwjat auch einem Newcomer die Chance.

Berger: „Das ist eine sehr sympathische Entscheidung. Man hat in der Formel 3 schon gesehen, dass er ein Talent ist. Dann ist natürlich auch die Nationalität interessant. Das braucht die Formel 1. Kwjat ist ein Heißsporn, aber er kann es. Es würde mich freuen, wenn wieder einmal ein Nachwuchsfahrer von Red Bull richtig aufzeigt. Daniel Ricciardo ist sympathisch, aber auf der Strecke muss er mich erst überzeugen. Vettel ist da heuer der perfekte Maßstab.“

Ihr Neffe Lucas Auer hat in der Formel 3 gegen Kwjat eine gute Figur gemacht. Was fehlt ihm noch auf so einen Piloten?

Berger: „Es hat ein paar Rennen gegeben, da war Lucas vorne, in anderen Kwjat. Kwjat hat nicht das beste Auto gehabt, trotzdem ist er auf Pole gefahren und hat Rennen gewonnen. Lucas ist nicht weit weg. Es wird sich heuer entscheiden, ob er den letzten Schritt machen kann oder nicht. Die Formel 3 ist ein optimales Sprungbrett.“

Nicht nur die Formel 3 fährt auf dem Red Bull Ring, auch die Formel 1 kehrt heuer nach Österreich zurück. Ihre Gefühle?

Berger: „Das ist die Rennstrecke, die mir am meisten bedeutet. Zeltweg in den 70er und 80er Jahren, da schmelze ich dahin. Auch der neue Ring ist eine Anlage vom Feinsten. Es ist ein Event in den Händen von Red Bull und Dietrich Mateschitz. Wenn der etwas anfängt, vor allem in diesem Bereich, dann wird das was. Das wird ein Bombenevent – ein guter Anschluss an alte Zeiten.“

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