Ayrton Senna
Ayrton Senna 1990 in Imola.
 

Ayrton Senna: „Wie wenn eine Gottheit gestorben wäre“

20 Jahre nach Imola. Der Österreicher Josef Leberer über Ayrton Senna.

28.04.2014 Online Redaktion

Josef Leberer hat viel Zeit mit Ayrton Senna verbracht und das so nahe wie kaum jemand anderer in der Formel 1. Der Physiotherapeut aus Salzburg hat sein halbes Leben in der Formel 1 verbracht und ist heute bei Sauber. Der erste Mai-Sonntag 1994 war auch für Leberer einschneidend. Im Interview spricht er über seine Erinnerungen an Senna und die Tage, die die Formel 1 verändert haben.

Vor 20 Jahren starben am wohl schwärzesten Wochenende der Formel-1-Geschichte mit Roland Ratzenberger ein Landsmann und tags darauf ihr Schützling Ayrton Senna. Welche Erinnerungen daran sind bei Ihnen heute am stärksten?

Leberer: „Was damals passiert ist, kann man nicht in zwei, drei Sätzen beschreiben. Der Tod von Roland hat Ayrton extrem betroffen gemacht. Er ist mit einem Marshall-Auto raus auf die Strecke. Man wollten ihn sogar strafen deswegen, das hat ihn nur noch mehr geärgert. Dass ein Kollege verunglückt ist und die FIA ihm verbot, sich darum zu kümmern. So zornig habe ich ihn in den ganzen sieben Jahren nicht gesehen. Beim Abendessen, ich hatte an dem Tag Geburtstag, hat sich alles nur um Ratzenberger gedreht. Ich bin ja Salzburger, hatte ihm vorher Roland einmal vorgestellt. Wir haben den ganzen Abend diskutiert über den Sinn des Lebens und des Rennfahrens und über Roland.“

Das alles ist 20 Jahre her. Aber vergessen wird man so ein Wochenende wohl nie, oder?

Leberer: „Es ist unglaublich, wie lebendig diese Zeit noch immer ist. Ich habe fast sieben Jahre mit Ayrton sehr eng zusammengearbeitet und er war ein guter Freund. Es ist wie in einer Familie, wie wenn man einen Freund oder ein Kind verliert. So persönlich habe ich es gesehen. Es war sehr tragisch. Aber: Benutzt man eine Metapher, kann man auch sagen, dass er irgendwie für die anderen gestorben ist. Die Rennwelt ist danach ja sehr viel sicherer geworden.“

Haben sie eine persönliche Vermutung, warum der noch immer etwas rätselhafte Unfall Sennas am Sonntag passiert ist?

Leberer: „Sagen wir so. Dass er selbst nicht schuld war, ist klar. Kein Idiot fährt geradeaus. Ich habe meine eigene Theorie darüber, warum es passiert ist. Aber eigentlich ist es egal. Er hat keinen Fehler gemacht, das habe ich auch der Familie so gesagt. Es ist passiert bei etwas, das er über alles geliebt hat. Damit muss man das auch hinnehmen.“

Sie standen und stehen der ganzen Senna-Familie sehr nahe und wurden damals in das Begräbnis eng einbezogen. Wie war die Zeit unmittelbar nach seinem Tod?

Leberer: „So etwas vergisst man nie. Ich habe im Flugzeug elf Stunden direkt neben dem Sarg Totenwache gehalten. Ich war auch als Sargträger vorgesehen, habe aber abgelehnt. Die Begegnung mit seiner Mutter war sehr emotional. Vor der Landung sind die Abfangjäger mitgeflogen, in Brasilien waren Millionen auf der Straße. Wie wenn eine Gottheit gestorben wäre. Solche Eindrücke habe ich nie wieder erlebt. Da zieht es mir heute noch die Gänsehaut auf.“

Wie betroffen hat sie der Tod ihres Schützlings damals gemacht und was empfinden sie heute?

Leberer: „Es ist wie in jeder Familie. Jeder der Freunde oder Angehörige verliert, so etwas ist nie angenehm. Es ist ein Riesenverlust. Es ist aber auch Teil des Lebens, ein Kommen und Gehen, wie mein Vater sagt. Ich habe mich damals natürlich gefragt, ob ich aufhöre. Aber der Wille der Eltern war, dass ich dabei bleibe. Ich habe es auch als Therapie gesehen. Heute kann ich gut damit umgehen. Ich weiß, er ist dabei und da. Am Ende ist so viel Positives geblieben, ich bin stolz, ihn gekannt zu haben

Wie intensiv ist ihre Verbindung zur Familie Sennas heute?

Leberer: „Beim Brasilien-Grand-Prix bin ich immer wieder dort und habe Kontakt. Da ist schon eine Vertrautheit, ich war ja irgendwie Teil der Familie. Seine Mutter hat stets gesagt, Jo, du verbringst ja viel mehr Zeit mit ihm als wir, du kochst für ihn. Ayrton war ja eine sehr scheue Person und hat nicht leicht Vertrauen gefasst. Bei uns hat’s funktioniert, es war eine tolle Zeit.“

Was hat Senna für Sie als Rennfahrer und Mensch ausgemacht?

Leberer: „Für einige war er der aggressive, rücksichtslose Vollblutrennfahrer. Er war auf jeden Fall einer, der auf Perfektion geschaut hat. Ich habe selten jemanden erlebt, der das Racing so verkörpert hat. Diese Leidenschaft. Aber es war eine andere Person dahinter. Sehr human, sehr sensibel und freundlich, zuvorkommend, fast schüchtern und zurückhaltend. Mit einer Aura, die sehr ins Philosophische gegangen ist. Diese Range, die er verkörpert hat, war speziell. Ich habe keine solche Persönlichkeit seitdem mehr getroffen, das traue ich mich zu sagen. Heute noch kommen junge Ingenieure und wollen mit mir über Senna reden.“

Seine Aktivitäten abseits der Rennstrecke waren in Europa weniger bekannt. In Brasilien wurde er aber rasch zu einem Hoffnungsschimmer für die ganze Bevölkerung, oder?

Leberer: „Er hat sehr viel Humanitäres gemacht, wollte es aber nicht publik machen. Viele sahen ihn ausschließlich als den rücksichtlosen Fahrer. Aber was er für Kinder und sonstige Dinge getan hat, ohne es publik zu machen, war enorm. Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft haben ihn sehr aufgeregt. Er hat damals schon gemerkt, was los ist, und dass Geld für etwas Anderes verwendet wird. Er war zwar dafür, dass jemand, der etwas leistet, auch etwas davon hat, aber Gerechtigkeit war ihm extrem wichtig. Daran erinnern sich die Menschen in Brasilien heute noch, da war nichts vorgespielt. Sie wussten, da ist jemand, der kümmert sich. Er war eine extreme Hoffnung, das hat man gespürt.“

Diese enge Verbundenheit mit seinem Heimatland war offensichtlich. Wie sehr fehlt er Brasilien?

Leberer: „Als er erstmals in Brasilien gewonnen hat, war ihm das wichtiger als ein WM-Titel. Es war eine unvorstellbare Befriedigung, eine ganze Nation hat sich damit identifiziert. So eine Persönlichkeit kommt nicht alle zehn Jahre daher. Man hat gesehen, was das in Brasilien bedeutet, welche Auswirkungen er hatte. Auf so jemand warten wir, so jemand wie er hätte viel bewegt in der Zukunft. Senna war einer, der für Höheres geboren war.“

Das Interview führte Hans Gödel/APA

Die Chronologie des Rennwochenendes 1994 lesen Sie hier.

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