Streusalz Rost Verkehr im Winter Schnee Matsch Gatsch Schneeräumer Asfinag Eis
Im großen Behälter auf dem Streuwagen befindet sich Streusalz (Natriumchlorid) in Pulverform. Seitlich sind Tanks (gelb) angeordnet, die eine Natriumchloridlösung enthalten, die zum Anfeuchten des Streusalzes dient.
 

Gesalzen und gepökelt: Womit wird auf österreichischen Straßen gestreut?

Autobesitzer und Autohersteller beklagen sich immer öfter über massive Rostschäden bereits an sehr jungen Fahrzeugen

29.01.2013 Autorevue Magazin

Was wir bisher wenn überhaupt von den alpenquerenden Autobahnen kannten, stellten wir im vorigen Winter auch im Osten Österreichs fest. Ein knallweißer schmieriger Film verteilte sich über die Windschutzscheibe und überzog nach dem Auftrocknen wie eine dicke Kalkschicht das ganze Auto. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Mittel um Kalziumchlorid, ein Auftaumittel der besonderen Art. Es hält auch unter minus acht Grad die Straßen eisfrei und ist imstande, Schnee wegzutauen. Und letzten Winter war es auch im Osten ungewöhnlich kalt.

Kalziumchlorid ist allerdings um ein Vielfaches aggressiver als herkömmliches Streusalz, also Natriumchlorid. Es fördert die Bildung von Rostschäden an der Karosserie und vor allem am Fahrwerk dermaßen, dass selbst junge Autos, von denen man es wirklich nicht vermuten würde, bei entsprechend intensivem Kontakt massiv von Rost befallen sein können.

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Hat es unter acht Grad minus, wird hier Kalziumchlorid eingefüllt. Dann beginnen die Probleme.

Das stört nicht nur die ­Autobesitzer, es trifft auch die Hersteller und Importeure, indem sie mitunter für Schäden geradestehen müssen. Und hier geht es nicht nur um Rostbläschen an der Karosserie, sondern um gefährlich angerostete Fahrwerksteile. Hersteller mit umfassenden Garantieleistungen trifft das besonders hart: etwa Kia mit Siebenjahresgarantie. Gilbert Haake, Kia Austria: „Sollte ein Kia-Fahrer betroffen sein, so werden Schäden im Rahmen der Garantie behoben, obwohl
es ja eigentlich kein echter ­Garantiefall ist.“ Haake weiter: „Grundsätzlich ist der exzessive Einsatz aggressiver Streumittel zu überdenken, da es ja mit anderen Mitteln auch geht, etwa mit Zuckermelasse in Vorarlberg.“

Auch Johann Schmidinger von der Porsche Holding, Importeur sämtlicher Produkte der VW-Gruppe, sieht im massiven Einsatz von Kalziumchlorid die Hauptursache für ungewöhnlich früh und stark auftretenden Rost an Fahrwerksteilen: „Kalziumchlorid-Lauge ist zehnmal so aggressiv wie Natriumchloridlauge und zudem stark hygroskopisch, das kriegt man bei der normalen Autowäsche nicht weg.“ Es geht aber auch um die Menge. Schmidinger: „Unsere Wegehalterhaftung ist sehr streng, wodurch der Straßenerhalter schnell zur Haftung herangezogen wird. Darum streut die Asfinag, was das Zeug hält. ­Damit ja nichts passiert.“

Die schädlichen Folgewirkungen von Auftaumitteln ­werden von unterschiedlichen Automarken jedenfalls sehr ­unterschiedlich wahrgenommen. Die österreichische Gesellschaft für Straßen- und ­Verkehrswesen (GSV) brachte im Vorjahr alle Beteiligten an einen Tisch. Volkswagen gab sich aufgrund einer Untersuchung des Arbeitskreises ­der Automobilimporteure am stärksten betroffen und meldet 14,3-mal häufiger Korrosionsschäden an seinen Autos in ­Österreich als in der Schweiz, wo viel weniger gesalzen wird. Bei Audi ist das Verhältnis ein wenig besser, Ford und Mercedes melden etwa drei Mal mehr Schadensfälle in Österreich. Es liegt der Verdacht nahe, dass so große statistische Abweichungen wohl auch stark in der individuellen Einschätzung der Ursachen begründet liegen und nicht nur in der technischen Verfassung der Fahrzeuge.

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So fordern die Automobilimporteure auch vehement den Ersatz von Kalziumchlorid durch Zuckermelasse. Die ­Asfinag hält von dieser Maßnahme wenig, weil man weder die Funktions- noch die Versorgungssicherheit gewähr­leistet sieht. Heimo Maier-Farkas: „Wir machen immer wieder Versuche mit alternativen Auftaumitteln. Einen sinnvollen Ersatz für Kalziumchlorid sehen wir vorerst aber nicht. Es muss ja auch die Verfügbarkeit des Mittels garantiert sein.“

Ins Treffen führt man bei der Asfinag auch, dass der Winterdienst logistisch ständig verbessert wird und dass man im Winter 2008/2009 deshalb noch 4,4 Prozent Kalzium­chlorid ausgebracht hat, in der vorigen Saison nur 2,5 Prozent.

Eine Langzeituntersuchung im schweizerischen Bern hat ergeben, dass auch Zucker­melasse sehr gut geeignet ist, um den Gefrierpunkt von Wasser stark abzusenken, von minus fünf bis minus sieben Grad bei reinem Natriumchlorid auf minus 27 Grad durch Beimischung von 10 Prozent Zuckermelasse. Doch einen wichtigen technischen Unterschied gibt es laut dieser Studie des Tiefbauamtes Bern: Beigemengtes Kalziumchlorid taut auch vorhandenen Schnee und Eis auf. Zuckermelasse kann das nicht. Das heißt, es muss vor dem Salzen sehr gründlich geräumt werden, sonst nützt das Wundermittel nichts. Ein weiteres, vielleicht noch größeres Hindernis, ­Zuckermelasse zu verwenden, ist aber wirtschaftlicher Art. Ein US-Unternehmen mit Sitz in Großbritan­nien hält die Patente für ­Europa und ­Asien auf den kostbaren braunen Cola-ähnlichen Saft, im Grunde ein Abfall­produkt der Zuckerindustrie, der unter dem Markennamen Safecote eingetragen ist.

Apropos Streusalz:

Die Erfahrungen haben gezeigt, dass Streusalz besser wirkt, gezielter dosiert werden kann und weniger leicht vom Winde verweht wird, wenn man es vorher anfeuchtet. Der Großteil des Streusalzes, das auf unseren Straßen aufgebracht wird, wird mittels Drehteller hinausgeschleudert. Vorher wird das pulverförmige Salz ­(Natriumchlorid) mit einer Salzlösung angefeuchtet. Und hier liegt der springende Punkt. Feuchtet man das Streusalz mit einer Na­trium­chloridlösung an, so ist das noch relativ harmlos. Um aber auch bei tieferen Temperaturen als rund acht Grad minus noch Eisbildung zu verhindern und möglichst auch Auftauwirkung zu entfalten, wird statt der Natriumchloridlösung eine Kalziumchloridlösung verwendet. Kalziumchlorid ist um ein Vielfaches korrosiver und schadet damit den Autos mehr. Es gibt aber bei tiefen Temperaturen wenig Möglichkeiten, Kalziumchlorid durch harmlosere Substanzen zu ersetzen. Die viel ­gelobte umweltfreundliche Zuckermelasse senkt den Gefrierpunkt zwar auf unter 20 Grad minus, entfaltet aber keine Auftauwirkung, was eine perfekte Räumung ­voraussetzen würde. Andere Mittel sind entweder zu ­teuer, sehr umweltbelastend oder beides.

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