Der Spion im Auto

Telematik-Systeme bieten Autofahrern Sicherheit und Komfort. Die übertragenen und gespeicherten Informationen machen das Thema Datenschutz brisant. Was kostet die smarte, neue Welt uns wirklich?

01.05.2016 Online Redaktion

Besitzt ihr Spionage-Technik? Nein? Benutzt ihr ein Smartphone? Tragt ihr es ständig bei euch? Habt ihr ein Navigationsgerät im Auto? Mit Echtzeit-Verkehrsinformation? Ist euer Laptop mit einer Webcam ausgestattet? Mit dieser Aufzählung, die ohne Weiteres noch ein gutes Stück fortgeführt werden könnte, wollen wir an dieser Stelle pausieren. Denn selbst nach dieser kurzen Fragephase habt ihr doch sicher schon einmal genickt.

Wir produzieren Daten. Viele Daten. Verwertbare Daten. Auch wenn Spionage nicht zu unseren Hobbys zählt, so besitzen wir dennoch Technik, die sich bestens dafür eignet, jemanden auszuspionieren, nämlich uns selbst. Sicherheit ist zum zweischneidigen Schwert geworden. Je mehr wir preisgeben, desto besser kann uns Obhut geboten werden. Doch das fürsorgliche Bei-der-Hand-Nehmen der smarten, neuen Technik bedeutet auch Kontrolle von außen. Mit der Einführung verpflichtender eCall-Systeme für Neuwagen ab 2018 erhält die Thematik vom gläsernen Autofahrer zusätzliche Brisanz.

Daten vs. Sicherheit: Unser Auto ist eine Plaudertasche

Der Begriff „Datensicherheit“ erscheint einem fast wie der Dodo, der Magenbrüterfrosch oder die Galápagos-Riesenschildkröte – man spricht noch interessiert darüber, dabei sind sie allesamt längst ausgestorben. In Zeiten, in denen kaum ein Jugendlicher oder Erwachsener ohne ein Smartphone auskommt und Social-Media-Plattformen Data-Sharing in die normalste Sache der Welt verwandelt haben, erscheint die Formulierung „Daten vs. Sicherheit“ zumindest ein Stück weit realistischer. Auch in unserem Auto steckt eine hochgradig potente Plaudertasche. Zahlreiche Sensoren und Steuergeräte, Kameras und GPS – vieles wird ohnehin gemessen, die technische Basis ist längst gelegt. Telematik-Vorrichtungen aber verändern nun das Spiel, denn sie tragen diese Daten mehr und mehr ins Netz. Wer sein Smartphone mit dem Auto kommunizieren lässt, um sagen wir zum Beispiel die persönliche Playlist abzuspielen, verrät auch mit wem er befreundet ist: Telefonnummern und sogar private Fotos können ungehindert vom Telematik-Anbieter abgerufen und gespeichert werden. Aufenthaltsort, Zeit, Route, Geschwindigkeit, Fahrverhalten, Zustand des Fahrzeugs, private Personendaten und Kontakte – das alles kann ausgeplaudert werden, sobald unser Auto vernetzt ist.

Rein theoretisch: Ihr fahrt mit eurem Auto zu einem geheimen Treffpunkt. Niemand weiß von eurer Affäre, doch jemand weiß ganz genau, wo ihr seid und mit wem. Der Hersteller eurer Telematik-Vorrichtung. Die Kinder waren nicht aus dem Bett zu kriegen, endlich habt ihr sie an der Schule abgesetzt und fahrt nun in flottem Tempo und rüdem „Das schaff ich noch“-Stil zur Arbeit, um nicht zu spät zu kommen. Euer Telematik-Anbieter, der auch euer Versicherer ist, weiß es und erhöht vielleicht euere Beiträge, weil ihr risikoreich unterwegs seid.

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© Bild: Shutterstock

Entscheidend: Wem gehören die Daten?

Eines steht fest: Bei der anrollenden eCall-Welle werden Seriosität und Datensicherheitsverständnis des Anbieters zum entscheidenden Faktor. Dies spiegelt auch die FIA-Untersuchung wieder, die im Jänner 2016 veröffentlicht wurde: 90 % der Europäer wollen über ihre Daten selbst verfügen und 85 % sind in Sorge, was geschieht, wenn die eigenen Daten gestohlen werden. Gemeinsam mit dem ÖAMTC hat der Dachverband der Automobilclubs erhoben, dass in Österreich besondere Sensibilisierung herrscht. 92 % der Österreicher machen sich Sorgen um die Weitergabe ihrer Daten. 91 % fürchten die kommerzielle Nutzung dieser Daten, europaweit sorgen sich darum „nur“ 86 % der Menschen.

Das Szenario einmal durchspielen bitte! Positivbeispiel: Allianz. Mit Allianz Drive bietet der Versicherer eine eCall-Lösung bestehend aus einem Stecker für die 12-V-Buchse und einer App fürs Smartphone. Die Daten wandern ab, aber nicht direkt zum Versicherer, sondern zu einem österreichischen Datenverwalter. Hier erfolgt eine Anonymisierung der Datensätze, bevor sie dem Versicherer kommuniziert werden. Die Allianz kann die erhobenen Werte dadurch für Statistiken nutzen, hat aber keine Möglichkeit sie einem bestimmten Versicherungsnehmer zuordnen. Möchte eine Person, seine Fahrzeugdaten als Zeugenfunktion in einem speziellen Versicherungsfall einsetzen, so erhält die Allianz die personenbezogenen Daten auf Wunsch und deutliche Zustimmung des Versicherungsnehmers.

Wichtig:

  1. Der Autofahrer entscheidet über die weitere Verwendung der Daten.
  2. Ohne ausdrücklichen Wunsch gelangen die Datensätze lediglich anonymisiert zum Versicherungsanbieter.
  3. Der Telematik-Anbieter, mit dem der Vertrag geschlossen wird, ist nicht zwangsweise ident mit dem direkten Datenverwalter. Beide gilt es unabhängig voneinander auf ihre Datenschutzbestimmungen hin zu prüfen.
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  • jo eh

    schöne Romantik!
    Das sit das grösste Geschäft der nächsten 50 Jahre.. und da geht es um $$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$

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