Landpartie Zeiselmauer Gasthof Zum lustigen Bauern
In der wunderbar authentisch erhaltenen hölzernen Wirtsstube nahm ich einen Spargelsalat
 

Lieber Latinus

Donau aufwärts ins Tullnerfeld, wo in Zeiselmauer einiges über die Römer zu ­lernen ist.

08.11.2010 Autorevue Magazin

Mit alten Traumata sollte man sich von Zeit zu Zeit wieder auseinandersetzen, sonst hört das mit den schlechten Träumen nie auf. Mein schulisches Schlachtfeld war Latein. Manchmal wache ich nachts immer noch schweißgebadet auf, und um dem endlich ein Ende zu machen, wollte ich es neulich einmal mit einer paradoxen therapeutischen Intervention probieren: Eine Begegnung mit der römischen Geschichte, aber anders. Nicht nach Carnuntum, als dessen Schutzgarnison Vindobona ja einst gedacht war, sondern donauaufwärts, dorthin, wo einst das Hilfstruppen-Kastell Cannabiaca lag.

Landpartie Zeiselmauer Gasthof Zum lustigen Bauern

Zum gemächlichen Anpirschen empfahl sich die Anreise am großen Fluss entlang, vorbei an Nussdorf – ein Blick auf die malerische Otto-Wagner-Schleuse, die den Donaukanal vor Eintritt in die Stadt vom Hauptstrom ablöst –, weiter durch Klosterneuburg mit seinem etwas arrogant über der Stadt thronenden Klerikal-Monumental-Bauwerk und der Hauptstraße folgend weiter nach Kierling und Gugging, wo man sich im Museum echt starke, ortsgeborene Art Brut anschauen kann, und in einem kurzen Kurvenrausch, der in einen genialen ersten Blick ins Tullnerfeld mündet, nach St. Andrä vor dem Hagenthale ­hinunter. Dann ist es nur noch ein kurzes ebenes Stück weiter nach Zeiselmauer, wo ehemals Cannabiaca lag.

Gleich vis-à-vis der Kirche liegt ein altes, aber ungebrochen lebenswarmes Gasthaus. Der „Lustige Bauer“, der einst Passauerhof hieß und wo schon Walther von der Vogelweide eine Zeitlang Herberge bezogen hatte. Norbert C. Payr hat vor 20 Jahren – nach Wanderjahren durch die interna­tionale Kochszene – das Wirtshaus seiner Familie übernommen und sich seither als einfallsreicher Gastronom und historisch interessierter ­Küchenmeister einen Namen gemacht. Payr hat sich der ­Donau-Fische angenommen, die er frisch räuchert und auch über die Gasse verkauft. Er macht Schokolade und Konfit aus Erdäpfeln, denen er saisonale Geschmacksnoten von Marille bis Rote Rübe verleiht, und er kocht an jedem letzten Donnerstag im Monat römische Küche, die man sich nicht als Asterix-Event-Gelage, sondern als sensibles historisches Geschmackserlebnis aus der echt lange vergangenen Vergangenheit vorstellen darf.

Als ich dort war, war zwar Donnerstag, aber einer mit einstelligem Tagesdatum. ­Deshalb nahm ich in der wunderbar authentisch erhaltenen hölzernen Wirtsstube einen erfrischenden Spargelsalat, ein grandioses Beuscherl und ein Krenfleisch, das die Welt wieder gerade zu richten in der Lage war. Mit guten Eindrücken überdeckt man ­nämlich die schlechten. Das ist die einzige Möglichkeit, der alten Geister Herr zu werden. Möge die Übung vielleicht noch ein paar Sitzungen in Anspruch nehmen.

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