Salzkammergut lustig

An den Wolfgangsee. Man darf sich nicht von der Idylle abschrecken lassen, nur weil sie so schön ist.

03.11.2010 Autorevue Magazin

Mit Helmut Kohl als prominentestem Urlauber über Jahrzehnte hatte St. Gilgen einfach keine Chance, hipp zu werden. Und aus St. Wolfgang weht ­unablässig der süßliche Duft der Operette herüber. Über den See fahren die Schifferln, auf den Schafberg schnaufen abgasgereinigte Dampfloks ­hinauf. Der Wald ist grün, und am Himmel bilden sich Schäfchenwolken: Materie gewordener Ansichtskartenkitsch.

Trotz der Idylle, wir sind nicht in Disneyland: Nix aus Pappendeckel oder Plastik oder Filz. Du kannst dich in St. Wolfgang problemlos ans Weiße Rössl lehnen. Das fällt nicht um, das ist echt, eine ­feine Absteige samt logierenden Scheichs und verschleiertem Anhang, die gerne im ­strömenden Regen frühstücken, weil sie das daheim nicht so können. Zwischen einigen ­noblen Häusern stecken aber ein paar faule Zähne, Hotels, die den modrigen Geruch der siebziger Jahre verströmen – man erkennt sie von außen.

Nicht zu unterschätzen sind hingegen die exzellenten ­Fische aus dem Wolfgangsee, die Reinanke und der Saibling mit seinem lachsrosa Fleisch. Einer der zwei Berufsfischer des Wolfgangsees serviert sie auch gleich in seinem winzigen Garten. Und weil es doch erst das Vorzimmer zum Paradies ist, gibt es einen kleinen Nachteil: Sollte es vierzehn Tage hindurch unablässig regnen, was durchaus vorkommen kann, wirst du im blassgrauen Angesicht des Paradieses verzweifeln.

Am östlichen Ufer liegt Strobl, völlig frei von Operettenseligkeit und Mozartkugel­idylle. Der See ist hier zum ­Baden viel besser zugänglich, der Ort lebt, und die Einheimischen haben die Herrschaft noch nicht den Touristen übergeben. Ein Restaurant mit herrlicher Seeterrasse, ein Ita­liener mit guter Qualität und einem völlig unbekannten Hauswein, der entzückt.

Und der Kirchenwirt, ein gastronomisches Gesamtkunstwerk. Vom Koch über das Service bis zur Putzfrau und natürlich die Wirtin, die den Dirndlrock, wie die meisten Frauen hier, mit Grandezza schwingt, alles scheinbar absichtslos: Ein ­Räderwerk der redlichen professionellen Gästebetreuung, eingebettet in eine heimelige Fröhlichkeit und den messerscharfen Salzkammergut-Schmäh, der hier aber nie übergriffig wird. Das ist das Abenteuer am Urlaub in Österreich: Die intime Sprachkenntnis ermöglicht es dir, nicht nur öfter zu lachen, sondern auch viel tiefer in die Seelen der Menschen hineinzuschauen, wo die wahren Abenteuer wohnen.

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