Der Oliver in Wolfsgraben
Der Oliver ist jetzt in Wolfsgraben
 

Rosenkranz im Trockentraining

Wir fahren fort: In den Wienerwald, um zu Übungszwecken ein Sommergebet aufzusagen und an einem vertrauten Platz mit neuer Bespielung zu landen.

14.10.2013 Autorevue Magazin

 

Früher passierte es dreimal die Woche, dann ein- bis zweimal und plötzlich einen ganzen Sommer nicht mehr, was mich schon bedenklich stimmt, im Nachhinein. In den Anfängen bin ich die Strecke so oft gefahren, dass ich im Schlaf jeden Kieselstein am Wegrand mit seinem Vornamen ansprechen konnte. Die Namen der Orte waren mir manchmal ein tägliches Rosenkranzbeten: Weißenbach, Sittendorf, Grub, Schusternazl, Hochrotherd, Kleiner Semmering, Wolfsgraben, Wienerwaldsee und je nach Zeit über Klausen-Leopoldsdorf oder direkt über Sulz wieder retour – so führte mich meine Motorradhausstrecke, die mir zum schnellen Hirnauslüften und als Berechnungsgrundlage für meine momentane motorische Kurvengeläufigkeit diente.

Abenteuerlustig

Der abstinente Sommer kam überraschend. Erst ein verrissenes Kreuz, dann eine langwierige Ellbogenentzündung, jedenfalls war das Jahr schneller um, als mir recht war, und eine einspurige Ausflugssaison ereignislos verpasst. So richtig wurde mir das erst bewusst, als mich die Wehmut an einem verschneiten Jännersonntag in meine Gebetsgefilde trieb, mit dem Auto natürlich, ich bin abenteuerlustig, aber nicht auf den Kopf gefallen.

Keine Unbekannten

In Wolfsgraben stolperte ich über eine leise Veränderung, die mir erst ein irritierender Webfehler im gewohnten Bild zu sein schien und sich dann als wohlige Überraschung entpuppte. Dort, wo früher die Florianistubn war, sind neue Wirtsleute eingezogen, und zwar keine unbekannten. Oliver und Marika führten bis vor eineinhalb Jahren das entzückende Ausflugsgasthaus „Mirli“ im Irenental, vielleicht mit ein bisschen zu viel Erfolg, die Begehrlichkeiten der Pächter wurden ihnen eines Tages zu viel und sie suchten sich eine neue Wirkungsstätte, die Florianistubn eben, deren Vorbesitzer ohnehin in den Ruhestand strebte.

Wirtshaus Oliver Wolfsgraben

Das Mirli ist mit der gesamten Mannschaft also ins Tal gezogen, eigentlich in den Graben, den der Wolfsgrabenbach auf seinem Weg Richtung Wienerwald-Stausee in die Landschaft furcht. Liebevoll haben die Wirtsleute die Stube mit dem großen Kachelofen und den Restaurantbereich ­renoviert, ein bisschen moderner Schick ist eingezogen, aber nur so viel, wie es die gewachsene Gemütlichkeit zulässt. Und das Essen ist ein Gedicht, die Speisekarte eine feine Zusammenstellung zwischen Bodenständigem und Exotischem, alles sehr einladend. Die Fenchel-Limettensuppe, die Marokkanische Fischsuppe (aber auch Grießnockerl und Frittaten stehen zur Auswahl). Dann hatten wir Mühe, uns zwischen Saltimbocca mit Parmesan-Risotto, kross gebratener Hausblunzn mit Kraut und Erdäpfeln und köstlich mürben Rehschnitzerln mit grünem Pfeffer und Kroketten zu entscheiden, und haben alle drei bestellt, was den Verzehr der folgenden Dessertvariation und einer Extraportion himmlischer Mousse au Chocolat zu einer echten Herausforderung gemacht hat (ist aber gelungen, bis auf das letzte bisschen).

Vielzahl an Spazierwegen

Glücklicherweise bietet die Umgebung von Wolfsgraben eine Vielzahl an Spazierwegen. Zur Taborhöhe etwa, der einst eine Art Wehrberg gegen feindliche Übergriffe war, zur Türkenzeit und zuletzt im Zweiten Weltkrieg. Auch einen Gedenkstein kann man besuchen, der an Edi Linser erinnert, einen Motorrad-Rennfahrer, der hier 1929 auf seiner Sunbeam zu Tode kam. Das Rosenkranzbeten geht in Zukunft zur Not auch vierrädrig, hab’ ich mir da gedacht. Hauptsache, man bleibt am Ball auf seiner Hausstrecke.

 

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