Ausflug-Karmeliter002
 

Balkan Express

Wir fahren fort: in ein fernes Land – und bleiben doch daheim. Wien wird wieder interna­tional, zum Beispiel auf dem Karmelitermarkt.

20.02.2011 Autorevue Magazin

Nachdem in den achtziger Jahren in Wien ein Markt nach dem anderen zum Opfer jener Tiefgarage wurde, die ihn retten hätte sollen (die mehrjährige Bauzeit überlebten die Betreiber der Standln meist nicht), konnte sich mittlerweile der Markt als Institution neu orientieren.

Ein schönes Beispiel dafür ist der Karmelitermarkt in Wien Leopoldstadt. Er hat den Bau der Tiefgarage um ein Haar überlebt und erblüht jetzt wieder neu. Ein multikulturelles Publikum steht einer interessanten ­Mischung an Kaufleuten ­gegenüber.

Karin Höttinger zum Beispiel betreibt ihren Feinkostladen bereits in vierter Generation (die Urgroßmutter begann mit Gemüse). Sie hat erst vor kurzem ihren Stand generalsaniert und aus einem biederen Greißlerladen ein Gourmettempelchen ­gemacht: Käse und Würste vom Feinsten und alles, was dazugehört, von kleinen Produzenten aus den jeweils dafür berühmten Regionen Europas.

Der Handel mit Gemüse, mit Hendln und Eiern ist fest in serbischen Händen. Selbst wenn auf einem Schild ­Slavoljub Milosevic zu lesen steht, auch hier ist eine Frau die gute Seele. Wie überhaupt überwiegend Frauen Regie führen. Nur hinten in der Ecke ist ein Fischhändler, der schaut immer so finster, dass sich niemand einen Fisch zu kaufen traut. Einem Trend will sich der Karmelitermarkt genauso wenig widersetzen wie der Naschmarkt: Zunehmend zieht Gastronomie in leere Objekte ein.

Die intellektuelle Zentrale, der Ort, wo scheinbar alle ­Fäden zusammenlaufen, ist die Trafik. Rita Rechter kam als Kind aus der Republik Moldau nach Wien, wurde Krankenschwester und ist ­inzwischen am Markt die ­Ministerin für Printmedien, Tabakverschleiß und Kommunikation. Sie führt in ­ihrem winzigen Laden Zeitschriften, die kriegt man sonst in Österreich höchstens noch bei Morawa.

Während der Woche nehmen die Dinge ihren eher ruhigen Lauf. Gegen Samstagmittag verdichtet sich das Treiben am Markt gewaltig. Freitag und Samstag ist nämlich Bauernmarkt. Da strömen die Bauern aus Simmering und dem Wald- und Weinviertel herein, es gibt den berühmten Alpenlachs und einen Stand der Slow-Food-Bewegung. Dann, sagen manche, die den Markt schon länger als Geheimtipp kennen, wird die Atmosphäre ein bissl schnöselig.

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