Vorname Herr

Wir fahren (oder gehen) fort: In einem der kulturell vielschichtigsten Winkel der Stadt lässt sich ein Sauwetter-Sonntag spielerisch bewältigen.

17.03.2011 Autorevue Magazin

Wie der Herr Sommer mit Vornamen heißt, tut nun wirklich nichts zur Sache, zumal er ohnehin mit all s­einen Gästen per Sie ist, auch mit langjährigem Stamm­publikum. Wir befinden uns hier in einem alten Wiener Kaffeehaus im besten Sinn, unverfälscht, könnte man s­agen, schon ein wenig angekratzt von den Jahren intensiven Zeitvertreibens. Als Ausflugsziel ist das Café Sperlhof insofern prädestiniert, als man ja aus den Bundesländern kommend auch ganz gerne Wien-Tipps entgegennimmt. Aber auch wer in Wien lebt, kann den Sonntagsausflug einmal etwas engmaschiger anlegen. Das Café Sperlhof befindet sich, wie der Name andeutet, in der Großen Sperlgasse 41 in der Leopoldstadt, ganz in der Nähe des Augartens (nicht verwechseln mit dem chicen Café Sperl in der Gumpendorfer Straße!) und empfiehlt sich als ideale Schlechtwetter-Destination.

Der wahre Kern des Angebots liegt nicht unbedingt in der kulinarischen Raffinesse, sondern ganz woanders: Es stehen mehrere Billard-Tische für ein Stesserl bereit, und zwar in den Varianten Carambol und Pool. Bis zum Plafond sind die Gesellschaftsspiele gestapelt, tausend Kartons – das wird wohl gar nicht reichen, von Trivial Pursuit bis Monopoly, von Activity bis „Ein echter Wiener geht nicht unter“. Für den etwas ernsthafteren Zugang gibt es aber auch Schach. Diverse Kartenspiele sowieso. Die ganze Spielewelt verteilt sich auf mehrere Räume, ein Teil der Billard-Tische befindet sich sogar im Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Herr Sommer serviert im wörtlichen Sinn auch über die Gasse. Hinter einer Türe hinter der Theke, wo sonst vielleicht verrucht und verraucht Stoß gespielt würde, geht es im Café Sperlhof um Tischfußball.

Der Herr Sommer und sein Café sind gewissermaßen eins geworden. In Verwirklichung seines Lebens­traums hat er 1986 das Lokal gekauft, das seit Anfang des vorigen Jahrhunderts besteht und im Winde der politischen Veränderungen schon etliche Besitzer über sich ergehen hat lassen oder lassen müssen. Herr Sommer ist b­ekannt dafür, dass in seinen Hallen niedrige Motive des Zusammenlebens keinen Raum erhalten. Unter seinem strengen, wenngleich gütigen Blick und dem etwas schlurfenden Schritt hat sich eine offene und tolerante Atmos­phäre entwickelt, in der manch junge Gäste auch ein wenig Halt finden. Jüngst hat er noch eine Bücherbörse ­initiert. Die Spielregeln sind denkbar einfach: Bücher bringen, Bücher mitnehmen, gratis. Und tatsächlich: Das funktioniert bestens.

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