Abendruh mit Kuh

Wir fahren fort: Auf Sommerfrische nach Werfenweng, wo es Berge, Burgen, Regenbogen und jede Menge Schokolade-Palatschinken gibt.

09.02.2011 Autorevue Magazin

(Aufgezeichnet von Susanne Hofbauer)

Gestatten: Ich heiße Anna. Ich bin 5 3/4, Fulltime-Elfenprinzessin und zweifache Stickkönigin. Im Frühjahr habe ich den Maschenführerschein gemacht, und Radfahren kann ich auch schon ziemlich gut. Im September komm ich in die Schule, im Augenblick ist das aber nicht so wichtig, denn wir sind gerade in Werfenweng auf Urlaub. In einem Kinderhotel.

Warum verdrehst du jetzt die Augen? Das ist ure-super, echt! Das Wasser im Pool ist bacherlwarm, ich kann da stundenlang drin sein, ohne dass meine Lippen blau werden, und wenn’s regnet, kann ich auch drinnen schwimmen gehen. Vor dem Hotel auf dem Dorfplatz, wo keine Autos fahren dürfen, stehen allerlei Fahrzeuge zum Treten, man kann Wettrennen machen und den Schumi-Ersatz-Dreikäsehochs und ihren Papis zeigen, wie eine Ideallinie aussieht. Dreimal am Tag gibt’s außerdem Buffet. Ein junger Mann macht einem da so viele Palatschinken, wie man will, und wenn Mama des Abends schon zwei, drei Bier getrunken hat, darf ich nach der Schoko-Pala noch ein Eis haben und nachher zur Kinderdisco gehen.

Den Weg vom Kinderclub zu unserem Zimmer finde ich schon ganz allein. Nur Mama verläuft sich manchmal, sie kann sich nicht merken, dass es erst dreimal links geht, dann die Stufen hinauf, noch einmal links und nicht umgekehrt. Ich kenn mich aus mit Labyrinthen. Unser Zimmer ist ganz neu. Erst letztes Jahr eröffnet, hat die nette Dame gesagt, die immer mein Bett macht. Schönes Bad mit Klappglastüre vor der Dusche. Ich schaff’s trotzdem, alles unter Wasser zu setzen.

Über Mamas Bett hängt ein Bild mit einer Kuh, und wir dichten jetzt immer die Gute-Nacht-Lieder um: Du, Ruh, muh, und so. Das Kinderzimmer, in dem ich mit meiner Freundin Klara wohne, liegt im Obergeschoss. Wir haben Stockbetten und können die Türe zumachen, damit wir meine und Klaras Mama nicht so laut kichern hören, wenn sie unter dem Kuhbild sitzen und Rotwein trinken, der ganz lustig, nämlich Heideboden heißt.

Vorgestern sind wir mit dem Auto zu einer Burg gefahren. Hohenwerfen hat die geheißen. Dort gibt’s einen Schrägaufzug (uff, kein Bergaufgehen!) und eine Greifvogelschau mit Adlern, Falken und einem riesigen Uhu, der einem so knapp über den Scheitel drüberfliegt, dass man’s in den Haaren spürt. Wir sind auch in den Turm geklettert, wo man in ein handgeschmiedetes Uhrwerk schauen und das ganze Tal samt Fluss und Autobahn sehen kann. Hat dort oben der Wind gepfiffen! Mama hat uns im Burg-Restaurant Spaghetti und ein Eis spendiert (und sich ein Bier, eh klar).

Am nächsten Tag haben wir eine Wanderung auf die Ellmaualm gemacht. Mit dem Auto bis Ruhdorf und dann zwei Stunden diretissima den Berg hinauf. Ich hab zirka 475 Wegmarkierungen gezählt und immer auf Mama warten müssen, die mit ihrem hinigen Fuß so langsam war. Was hat sie mir in Kroatien auch die Sterne erklären und im Finstern über ein Steinmäuerl fliegen müssen? Ich hab nicht gewusst, dass es im Knöchel Bänder gibt, die reißen können. Oben am Berg hat’s zu regnen angefangen, und wir haben auf der Hütte kein Eis gekriegt (gab’s nicht), dafür selbstgebackene Gespenstermuffins. Am Heimweg haben wir dann einen wunderschönen Regenbogen gesehen, der uns ziemlich Glück gebracht hat. Wir durften am Abend unser Getränk aus vier Strohhalmen gleichzeitig trinken und zwei Nachspeisen essen.

Morgen würden wir die Großen gern allein auf den Berg schicken und mit dem Kinderclub Indianer spielen gehen. Das geht. Klara und ich sind ja schon fast Schulkinder. Wir könnten im Hotel bleiben, während sich die Mamas Goldene Wandernadeln verdienen. Aber leider. Wir müssen wieder nach Hause, wo es keine Kinderdisco mehr gibt, kein Buffet und Abendruh ohne Kuh.

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