Gefährliches Orange

Wir fahren fort: Diesmal in die Wachau, wo wir vollen Bäumen, leeren Marmeladetiegeln, dreigeschossigen Mittagessen und tief hängenden Regenwolken begegnen.

03.02.2011 Autorevue Magazin

Mit Marillen ist nicht zu spaßen. Wenn sich das erste Orange auf den Obstwiesen an den berühmtesten Gestaden der Donau zeigt, verliert ein Teil der Menschheit den Verstand. Karawanen ziehen dann aus allen Ecken Europas in die Wachau, um sich an der Uferstraße ein Stelldichein zu geben und jedem, der nach einem Einheimischen ausschaut, die süßduftenden Früchte aus dem Vorgarten herauszukaufen. Sie kehren ein, in die Gaststätten der Umgebung, essen und trinken vom agrarischen Weltkulturerbe, und man könnte denken, dass für die nächsten Monate ein ­kollektives Grinsen über den Kontinent gehen und auch die Krankenkasse gesunden müsste, da man der Prunus armeniaca neben heilenden auch stimmungsaufhellende Kräfte nachsagt.

In der Herberge jedenfalls, dem beschaulich im mittelalterlichen Schiffsmeisterhaus von Weißenkirchen unter­gebrachten Raffelsberger Hof, steht früh morgens ein Gast völlig fassungslos vor einem leeren Marillenmarmeladetiegel und ruft verzweifelt Richtung Personal, wie es denn passieren könne, dass man in der Wachau marillentechnisch so im Stich gelassen wird. Als wären Himbeeren, Ribisel und Heidelbeeren unwürdige Hervorbringungen der Schöpfung.

Draußen war wenig los an diesem Wochenbeginn. ­Regenwolken hingen über Achleiten, Klaus und Stein­riegel. Weil Regen an der ­Donau immer ein bisschen zum Fürchten ist, redet man noch etwas häufiger als sonst übers Hochwasser, das beim Prantauerhof in Joching 2002 bis fast in den ersten Stock reichte.

Die Holzapfels haben ihren mittelalterlichen Leshof, der im 17. Jahrhundert auf seine heutige Schmuckheit hoch­barockisiert wurde, danach renoviert und das Restaurant zu einem wunderbar modernen, loungeartigen Lokal ­umgestaltet. Dort kann man zwischen zehn Uhr vormittags und fünf am Abend brunchen, lunchen oder jausnen, wie’s anschauungsmäßig passt. Regionale Klassiker, die sich in unserem Fall häppchenportioniert auf drei Etagen erhoben. Diverse hausgeräucherte Schinken, wunderbare kleine Grammel­knödel, ein Beuscherl, gebratene Blunzen, marinierte Marillen (!) mit Frischkäse und als ­zeremoniellen Höhepunkt dann Marillen(!!)­knödel, die zu den besten der jüngeren Marillenknödel­geschichte ­gehörten.

Auch probieren sollte man die vorzüglichen Weine des Hauses und die ­anbetungswürdigen Brände (Marille!!!). Allerdings nicht ohne gefragt zu haben, ob noch Zimmer im Haus frei sind. Dann kann man richtig eintauchen in die Materie. Im Sinne der Selbsterfahrung.

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