Wanderbrief Jänner 2010

So ist auch mein heutiger Brief aus dem Restaurant Luigi in Enzenreith und den Hotels Negresco, Hassler und Le Sirenuse ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

01.01.2010 Autorevue Magazin

Samstag, 20091226, zirka 0930. Ich röhre durch den Wienerwald. Über mir Krähen, Kormorane und Kondore. Unter mir der Alfa Romeo Spider 1,8 TBi. Drei alte Weiber tratschen am Wegesrand. Sie werden mich nimmer vergessen. Ihre drei Köter unterwerfen sich dem Säbelzahntigersound des Alfa, der grad 6000 in der Zweiten dreht. Winselnd pinkeln sie brennheiß auf drei Paar Moonboots. Die armen Kirchgängerinnen haben außerdem eine Erscheinung wie in Maria Taferl. Sie sehen in 1,5 Meter Höhe mein edles Profil vorbeischweben wie einen enthaupteten Jochanaan ohne Salome. Das Auto ist unsichtbar, weil schneeweiß wie der Wald dahinter, und logisch ohne Dach.
Der Alfa Spider ist offen zu fahren. Ein Geköpfter kennt keinen Schmerz. Auch nicht bei zehn Grad minus. Außerdem bin ich leidlich geschützt. Der kostbare Körper ist in einen Bugatti-Trenchcoat gehüllt, in den die Liebste rechtzeitig das Winterfutter geknöpft hat. Die blanke Haut ist mit Christkindl-Geschenken bedeckt. Den Hals wärmt ein Kaschmirschal in jenem Alfarot, das du findest, wenn du die Farbe des feinen Deutschkreutzer Heinrich-Tafelweins alpha 08 (Blaufränkisch plus Nebbiolo) mit 30 Prozent Van-Gogh-Gelb aufhellst. Auch vor den Augen und an den Händen trage ich das Feinste. Ich sage nur: Sonnenbrillen der Kultmarke POLICE, Handschuhe der Kultmarke Roeckl.
Das Baseball-Kapperl der Ennstal Classic wärmt, weil es an Tobias Moretti erinnert. Wir wollen uns nach seiner „Faust“-Performance im Burgtheater treffen, auf eine Achtel-Tour. Ich musste mir das gut überlegen. Als ich ihn nach seiner „König Ottokar“-Premiere abholte, schlief er im Bentley Continental GTC wie ein Säugling und schrie bei offenem Dach nach seiner Julia. Und bei der Ennstal überholte er mich einst per Porsche Spyder 550 derart, dass ich glaubte, im fünften Retourgang zu fahren. Das Mercedes 300 SL Cabrio hatte keine Chance. Man vergisst so was nicht.

Samstag, 20091226, zirka 1030. Die Morgenstunde hat was, wenn du sie sonst nur als Sperrstunde kennst. Speziell mit dem Alfa Spider als Schneepflug durch Niederösterreich. Ich suche gern neue Transversalen von Wien ins Schwarzatal, die den Kreisbogen der A2 und S6 als Sehne abkürzen. Das stimmt zwar weder in Kilometern noch in der Fahrzeit, umso mehr in Romantik.
Apropos Schneepflug: Ich vermisste keine Sekunde den 3,2 Liter großen V6 (260 PS) mit Allrad. Er ist gewiss etwas Besonderes, aber nicht meine Wahl. Er lebt mit 57.800 Euro in einem gefährlichen Grenzbereich des Marktes und ist die schwerste Variante eines Traum-Cabrios, das ohnehin nicht als Federl gilt.
Die Mischung der leicht abgespeckten, verbesserten (Differenzial, Brembos, Sportsitze) und weiter verschönerten Facelift-Version des Spider mit dem fantastischen neuen Benzin-Turbo ist die Lösung. Wenn es je eine goldene Mitte gab – hier ist sie. Alles darunter ist „cold blood“, wie David Staretz schrieb. Alles darüber ist überflüssig. 200 PS und 320 Nm und 0–100 = 7,8 und Vmax = 235 und 8,2-Liter-auf-100-km und 40 Kilo-Euros sind ein glücklicher Deal.
Es muss nicht immer Allrad sein. Wer mit dem ausgereiften, zickenfreien Frontantrieb des Spider nicht durch Alaska kommt, kommt mit seinen tauben Pfoten in einem Heck¬antriebs-Cabrio (Ausnahme: Porsche 911) nicht einmal vom ebenen, schneebedeckten Billa-Parkplatz weg. Er wird sich dort heulend eingraben bis ans Ende seiner Tage.

Samstag, 20091226, zirka 1130. Eine Wintersonne wie in Liedern von Wolfi Ambros, beglückend und heiß. Der Alfa Romeo Spider 1,8 TBi hängt seitlich schräg im Straßengraben. Seine 1580 Kilo drücken die Reifen tief in den tauenden Schnee. Das schwarze Wintergras kitzelt die Radnaben. Ich stehe freiwillig da, kein Unfall. Ich werde später spielend aus dem Gatsch kommen. Als einstiger Herold von 2 CV, Dyane 6, DS 21 und anderen Fronttrieblern weiß ich, wie’s geht. Ich weiß nur nicht, wie ich jetzt bergauf aussteigen soll. Hände oder Füße zuerst? Oder als Kugel rausrollen? Es ist der einzige freie Parkplatz vor dem Restaurant „Luigi“ in Enzenreith. Man erwartet mich dort unverschmutzt.
Der HTL-Ingenieur findet dank Cabrio die Lösung. Rechte Hand auf den Scheibenrahmen, linke Hand auf die Sitzlehne, hochdrücken, linkes Bein auf den Schweller, nachdrücken, rechtes Bein auf den Schweller, entschlossener Sprung auf den Asphalt der Siebzehner.
Drei Schönheiten bewundern den Gentleman, der wie Rudolph, the reindeer, beziehungsweise Rudolf, the Nurejew, einer Schlucht entspringt. Sie klatschen entzückt. Sie überreichen ihre Tanzkarte für den kommenden Fasching in Gloggnitz und Ternitz. Zuerst die zwei Jungfrauen, dann ihre silberhaarige Mutter, die aussieht wie Andy Warhol nach seiner Polaroid-Epoche. Leider habe ich etwas im Auto vergessen. Erstens den Zündschlüssel (nicht wichtig, man stiehlt im Schwarzatal nicht), zweitens das Leinensakko samt Kreditkarte und Kohle (wichtiger, weil ich im Restaurant zahle), drittens das Dupont und die Tabatiere (unverzichtbar, man kriegt meine Zigarettenmarke in keinem Lokal). Also wieder zurück ins Auto.
Einzige Möglichkeit: Der Köpfler in die Tiefe. Ich sage nur: Sechsgang, manuell, stabiler Alfa-Schaltknauf in der Landezone. Mit dem hohen, schlürfenden Winseln eines Rettungs-Bernhardiners, der vor Schmerz sein Cognac-Fässchen leersäuft, suche ich meine Sachen zusammen. Wieder zurück auf der Straße, sind die Schönen verschwunden. Ich rufe wie Rilke: „Wo seid ihr, ihr Nixen und Elfen? Ich komme zurück, doch ohne Reichtum und ohne Glück.“ Ich habe sie nicht mehr gesehen.
Schöner Lunch bei Luigi. Perfektes Thunfisch-Steak. Am Raucher-Bar-Stehtisch trinke ich mit Sonja, der Liebsten meines Lieblingsneffen Robert, den besten Pinot Bianco seit Besuchen bei Fiat in Turin und Olivetti in Ivrea. Ehe ich behutsam zum Auto hinke, empfiehlt mir die Frau Mama Sitzbäder mit Salbei.

Samstag, 20091226, zirka 1500. Der offene Spider liegt wie gestrandet am Straßenrand. Trotz allem Winter-Dreck auf dem noblen Weiß leuchtet die Pininfarina-Schönheit durch. Ich köpfle nun umsichtig hinein, fahre wie ein Panzer durch den Gatsch auf die Straße, gewinne bei Neunkirchen die Autobahn, probiere mit dem Alfa noch dies und das und gebe am Föhrenhof auf. Nach dem Hatzerl ist jetzt auch mir zu kalt. Laut meiner Nase bin ich Pinocchio, laut Ohrwaschln der späte Beethoven. Ich schließe das Dach und gehe auf einen Espresso in die Autobahnraststätte.
Dort wärmt sich ein blutjunger Polizist auf. Er ist Alfa-Fan. Sein Spider würde nie so schmutzig sein, sagt er. Er würde ihn täglich mit dem Schamhaar-Shampoo seiner Frau waschen.
Ich bedanke mich für den Tipp mit dem monatlichen Bullen-Gedicht an die Freunde und Helfer:
Im Sommerregen
Die kühlen Pflaumenblätter
Des Windes Farbe.

Der Haiku-Dreizeiler von Saimaro ist mit Bedacht gewählt. Der Alfa Spider, wie nur wenige andere Offene, blieb meine Sommer-Ikone. Er war immer schnell genug, den Sommerregen über die Windschutzscheibe zu reißen, damit du trocken bliebst. Er erinnert an Oleander, Ginster und Bougainvillea und südliche Hotels wie Negresco, Hassler und Le Sirenuse. Er gibt dem Wind Farbe. Er kann, dachte ich, als ich heimfuhr, auch mit dem Winter umgehen. Und nimmt jetzt sogar das Gepäck für Reisen zu zweit auf – den Samsonite-Trolley und die Notebook-Kameratasche im attraktiven Hintern, den aufgestellten Kleidersack hinter den Sitzen. Bella macchina.

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    Wer seinen Spider täglich wäscht, noch dazu mit dem Intimshampoo der Allerliebsten, hat entweder das Offenfahren noch nicht entdeckt oder schlicht zu viel Freizeit. Eben ein Beamter wie aus dem Bilderbuch.

  • dekatee

    in enzenreith NUR zum löschenkohl !

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