Wanderbrief Februar 2010

So ist auch mein heutiger Brief aus dem Salzburger Sheraton ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

01.02.2010 Autorevue Magazin

Ich bin zur Aufrichtigkeit verdammt. Ich merke mir keine ­Lügen mehr. Leider auch keine Eide und Schwüre. Erst jetzt, nachdem ich den fünftürigen GTI mit der Verbeugung des ­Samurais vor einem großen Krieger („domo arigato gozaimas“) zurückgegeben habe, fällt mir auf, dass ich zwei ernste Gelübde verletzte, als ich ihn an einem Niesel-Nebel-Novembertag in Empfang genommen hatte. „Keine Verlöteten, nur noch ­Cabrios“, so lautete der eine Schwur. „Nie wieder Silber“, so der zweite.
Aber trau dich NEIN sagen, wenn dir die Salzburger das Testauto mitten in deinen Vorgarten stellen, leicht schräg, damit du gleich drei der vier Appliken siehst, die den Wolf GTI vom Hund Golf unterscheiden: die rote Umrandung des Waben-Grills, die grenzwertig-aufhauerischen Lochfelgen und die vom nunmehrigen Bruder Porsche 911 entliehenen roten Bremssättel. Die vierte Applik sehen nur jene, die vom GTI überholt werden, also praktisch alle: die romantischen Augen des Doppel-Auspuffs, groß, weit auseinander liegend und ­funkelnd wie bei Julia Roberts in den Stunden des Zorns.
Die Felgen sind schon okay, ein bissl goschert halt, wie es Buben gern haben. Gentlemen hätten es gern eine Spur dezenter. „It separates the men from the boys“, würde ­Modeschöpfer Baldessarini sagen. Die geniale Idee des roten Grill-Rahmens kommt verblüffenderweise noch besser zur Geltung als früher, obwohl das einst freundlich lachende VW-Gesicht nun einem schmalen, britischen Lächeln wich. Im Morgennebel übersah ich auch das aufwendige Reflexsilber métallisé. Ich beschloss später, es ­anders zu sehen, als dunkles, feuchtes Elfenbein eines frisch geschlüpften Elefantenbullen. Liebe sieht, was sie sehen will.

Mein Blondgecko und ich schliefen wie in ­einem Stockbett, nur ohne Stock, auf der Couch von Roswitha und Willi Resetarits, was zirka Alte Donau bedeutet. Da dieses begnadete Freundespaar grad nix trinkt, fuhren wir am Morgen danach eine nüchterne ­Rekordzeit nach Salzburg, über Krems-Wachau-Melk und Westautobahn. Alte Faustregel: „Man soll mit einem Ferrari nicht ackern.“
Der GTI kann freilich beides. Wenn die Herzallerliebste ackert, steht der Schaltstock des grandiosen Doppelkupplungs-Getriebes wie mit Superkleber befestigt auf „D.“ Das heißt ohne Schmäh 6 Liter auf 100 km. Wenn die Co-Pilotin schläft, das Polsterl unterm Kopf und die Barbie im jeweiligen Landesdirndl im Schoß, ist „S“ angesagt. Meine 9,8 Liter schaffst du trotzdem nur, wenn du wie ich den GTI und sein DSG-Getriebe wie eine Konsole bespielst. Ich habe alles probiert. Man
darf von mutwilligen Zerstörungsversuchen sprechen: vom vollendeten Ausdrehen bis zum Herunterflappen um drei ­Gänge, ­leider vergebens. Der Bock hielt. Er overrulte den ­Trottel. Im Rahmen der Vernunft spielte er mit.

Ich empfehle beispielsweise die dreispurige Anhöhe nach der Abfahrt Seewalchen. Robbe Dich unauffällig mit 140 km/h an den 120-km/h-Hofrat auf der ersten Fahrspur heran, flappe dann (VW bietet Nostalgikern auch wahlweise den Gangstock an) aus S6 in S4, röhre vorbei wie ein irrwitzig-brunftiger Hirsch und erblicke im Rückspiegel ein pragmatisiertes Gesicht, das jede Lebensfreude verloren hat. Und ­vorübergehend das linke Ohrwaschl. Der GTI-Sound verdient die zwei einzigen Wörter, die Models und österreichische ­Mittelstürmer ­fehlerfrei sprechen können: super und spitze. Wie kam es zu diesem Sound?

Ich breche hier das Schweigegelübde eines Eingeweihten, weil ich mir Gelübde nicht merken kann: VW-Boss Anton Winterkorn, 1947 brav geboren im deutschen Hinterland ­Leonberg, wurde im Rahmen seiner behutsamen ­Austrifizierung von seinem Entdecker Ferdinand ­Piëch, einem herzensguten, renn-affinen, heimlichen Hardrocker, angehalten, Mick Jagger als finalen Sound-Checker zu engagieren. Dies gelang. Seither klingt der GTI wie Honkey-Tonk-Woman.
„Den heutigen, dramatisch besten GTI ever, lässt der klasse Wagenmeister und Autokenner des Sheraton Salzburg in der 50 Meter langen Promi-Mile zu („Darf ich ihn vorher waschen lassen?“). Er stellt ihn vors Hotel, hinter die Absperrung, zwischen einen Maybach S62 und einen efeubewachsenen Lancia Flaminia GT. Er weiß, was gut und schön ist. Sein Boss Herbert Mosbruck hielt meine Lieblings-Smoker-Suite frei, obwohl Salzburg wegen Tom Cruise und ­Cameron Diaz ausgebucht ist, die dort den Film „Knight and Day“ drehen. Paparazzi gäben ihren rechten Zeigefinger für meine Wohnlandschaft. Der vielfach als „Hotelier des Jahres“ und „Salzburger der Woche“ ausgezeichnete Mosbruck rettete auch meinen zweitschönsten Arbeitsplatz, keine leichte Aufgabe in einem US-Konzern.

Herbert hielt die Bar, als Atoll im Ozean der Reinen, für happy smokers offen. Viele Globetrotters und Salzburger ­Gentlemen danken ihm dies. Die Bar wurde zum Mittelpunkt kreativer Sünder, darunter Zigarren-Freaks wie Dr. Willi Pilz, den treue Leser als meinen Co-Tester kennen.

Als Unternehmer und Qualitätsfreak ist Pilz streng „wie meine Kunden, die mit Recht das Beste verlangen“. Er legt sich motorisch auf keine Marke fest. Sein Sportwagen ist „der beste kommende Oldtimer, ein vernünftiges Investment“, der letzte luftgekühlte Porsche-993, natürlich als Cabrio, sonst wären wir ja Feinde, nicht Freunde. Sein Motorrad ist nach hundert Tests die Harley-Davidson Night-Rod (siehe vorige Autorevue). Als Businessman mit fast 100.000 Kilometern pro Jahr freut ihn der neue BMW-7er.
An diesem Abend bewegt ihn anderes. Er reüssierte als ­leidenschaftlicher Amateur-Schauspieler ins Profi-Fach, als Hauptdarsteller in „Charley’s Tante“, im Jahres-Event des ­sozial-relevanten Round-Table-Clubs. Man weiß jetzt, dass ihn Profi-Theater im Laser haben. Männer und Frauen küssen ihn, vor allem Frauen. Ich entführe ihn ins Freie. Vor dem Sheraton sage ich: „Bevor du abhebst, lass dir dreierlei sagen. Erstes, nicht jede, die dich küsst, liebt dich. Zweitens, nimm nicht das allererste Profi-Angebot an. Drittens, in meiner Wohngarage wartet das stärkste Zivil-Bike auf deine Trottelprobe, die Yamaha ­VMAX mit 200 PS. Das ist wichtiger als alles andere. Wir eröffnen damit die Bike-Saison der Autorevue fürs Jahr 2010.“

Noch mit der ekelhaften Charley’s-Tante-Schminke um den Mund sagte er schallend: „Yessir!“ Der Polizist vor dem Sheraton glaubte uns im Streit. Wir klärten ihn auf. Er war schnell von Verstand, wie die meisten jungen, gut geschulten Polizisten. So las ich ihm mein monatliches Bullen-Gedicht vor, das dem Frieden zwischen der Autorevue und den modernen Freunden und Helfern gewidmet ist. Da wir heuer schon zu viel Schiller hörten, wählte ich Hugo v. Hofmannsthal, als Gruß an jene, die zwar einmal, aber dann nie wieder im Auto einschliefen.

Er flog mit Schweigen

Durch flüsternde Zimmer

Und löschte im Neigen

Der Ampel Schimmer.

Nach nun bald einmal 25 Jahren der Waldeck-Wanderbriefe verabschiede ich mich vom Prinzip der Heiterkeit. Ich möchte etwas Trauriges erzählen und etwas Schönes anregen. Darf ich das? 2009 war ein Jahr der Müdigkeit, die ich nur hier begründen will. Zweitakter wurden als Rennmaschinen begraben, und ­viele Einser-Freunde kamen abhanden, durch Tod oder nichtigen, unauflösbaren Streit. Irgendwo mittendrin verlor ich den besten Freund, meinen Vater. Warum er der Beste war (und Mum, seine Maria, immer noch die beste Mutter ist), ist hier nicht von Belang.

Mein Herr Papa, der Alois hieß, war der größte Liebhaber der Autorevue. Sie bewies ihm als wichtigstes Medium, dass es richtig war, dem Arbeiter-Sohn einst das Matura-Studium für Maschinenbau und Kraftfahrzeugtechnik ermöglicht zu haben. Spätere Medien wie „trend“ und „profil“ waren ihm süßes Windgebäck. Sie waren erfreuliche, aber leichtgewichtige ­Sekundärmedien. Vaters Hero blieb Norbert Orac, Gründer der Autorevue, ein renommierter, wilder Racer und zugleich solider Ernährer seines Sohnes. Die heutige Freundschaft
von Nobert und mir kriegte er noch mit. Sie war ihm wichtig und trug zu seinem fairen Alter von 86 bei.

Woran er sich zuletzt nicht mehr erinnerte, ist dies: Er kaufte mir um 5000 Schilling einen Renault 4CV und legte mir ­einen zusammenklappbaren Tisch und einen klappbaren Sessel in den vorderen Kofferraum des Hecktrieblers. So schenkte er mir das mobile Büro. So konnte ich nun überall arbeiten. Und genau das brauchte ich.
Freunde, die meinen Vater ehren möchten, sollten daher ­einen neuen Picknick-Trend begründen, unter dem Naturruf „Alois-befiehlt-Countryside“ (ABC). Hoch mit dem ­Strohkoffer auf die Heckklappe von MX-5 und MG-A, und auf nach Laxenburg und ähnliche romantische Orte. Mobile iPod-Anlagen werden Schubert spielen. Und neun Monate später wird niemand mehr klagen, dass Österreich unfruchtbar sei.

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