BMW 6er Cabrio
Im Gegensatz zum BMW Sechser Cabrio schafft es ein Einkaufskorb nicht, andere in den Wahnsinn des Neides zu treiben.
 

Wanderbrief September 2011

Ein Brief aus der Villa Toscana sowie dem Schlosshotel Freisitz-Roith am Traunsee und der Galerie Zwach am Attersee

25.09.2011 Autorevue Magazin

„Rate mal“, befahl die engste Freundin, „wann meine Existenz in die Vollendung treten wird.“ Ich zögerte keine Sekunde: „Sobald du die Inkarnationsstufe des Mannes erreicht hast.“

Überraschenderweise nickte sie: „Ja, und zwar in Gestalt eines Autotesters. Da lernt man jeden Tag jemand schönen Neuen mit schönem Namen kennen. Am Montag einen Herrn Touareg V6 TDI Blue Motion, am Dienstag einen XC 90 V8 Momentum AWD, am Mittwoch einen Legacy Touring Wagon 3,0 H6 AWD, am Sonntag vielleicht einen Sir Continental Flying Spur Speed.“

Ich sagte: „Ich wusste gar nicht, dass du bei Autos so elitär und sachkundig bist. Bisher hast du immer beteuert, eine gute Schüssel auf Rädern müsse innen größer als außen sein und wie ein Einkaufskorb aussehen.“ Das sei gestern gewesen, sagte sie. Diese vernünftigen Autos erfüllten nicht den höchsten weiblichen Wunsch, die besten Freundinnen in den Wahnsinn des Neides und der Raserei zu treiben.

Da der Zufall in meinem Leben die Regel ist, hatte ich grad zufällig das Richtige für sie. Es gibt derzeit kein Auto, dem alle Weiber (und viele Männer) so gierig nachschauen wie dem ­aktuellen Sechser-Cabrio. Besonders mit der irren Lackfarbe des Testwagens, die je nach Lichteinfall an Geschmeide oder Champagner erinnert, bei ungünstigem Blickwinkel auch an den Urin eines Mannes, dessen Leber mit ihren Aufgaben wuchs.

Als westeuropäischer Gentleman ziehe ich die Farben kühl-technoider Weißmetalle vor. Doch da der Gelbstich alle Ladys entzückte und das männliche Fußvolk nicht zu stören schien, ­ergab ich mich willig dem Tester-Schicksal. Zumal ich bald einen Vorzug dieses merkwürdigen Métallisé-Lacks entdeckte. Die bacherlwarme Farbe auf der riesigen Motorhaube schenkte die Illusion, ich ritte unentwegt in die untergehende Sonne, ein einsamer Lucky Luke auf dem Weg in die splendid isolation, fort vom Geschwätz der Menschen, einzig begleitet vom Rauschen und dem zärtlichen Zupfen des heranstürzenden Fahrtwindes.

Die 94.000 bzw. 115.000 Euronen sind wohlfeil, da man einen wirklich neuen Sechser kriegt. Er ist nun aus jedem Blickwinkel glatter, unbemühter, eleganter. Anders gesagt: frei vom Ex-BMW-Design-Chef Chris Bangle, diesem heiteren Gesellen, der das Gestaltungsprinzip von Meeresbrandungen aufgegriffen hatte, mit wild ineinanderfallenden konkaven und konvexen ­Flächen, hübsch konterkariert durch vollflache Kofferraum­deckel im Heck, die wohl den Strand darstellten, auf den die ­wilden Wässer liefen.

Das Lineal zeigt nun sieben Zentimeter Längenwachstum des Neuen. Mein feinsinniger Kollege Wolfgang Hofbauer, der das 6er-Cabrio schon als Erlkönig fuhr, lobte ein wenig seifig, man könne auf den Rücksitzen sogar einen Kindersitz anbringen, als sei dies die Bestimmung der hinteren Reihe. Wahr ist: Sie ist nun Erwachsenen zumutbar, auch auf längeren Strecken. Dies gilt selbst für den Kofferraum. Für ein Cabrio ist er mit 300 Litern (plus 50 bei geschlossenem Verdeck) üppig. Ich finde ihn sogar sündhaft. Wer durch Roadster-Liebe lernte, nur das Notwendigste in seinen Tornister zu packen, und dieses tatsächlich wie ein ­Soldat mit kleinstem Packmaß zu falten, zu rollen und einzuschlichten, schrickt vor dem BMW-650i-Kofferraum wie vor einer Bärenhöhle zurück. Ich nahm in meiner Verlegenheit neben dem 11-Zoll-MacAir-Notebook noch einen mächtigen 23-Zoll-Monitor mit, einen Bugatti-Wintermantel mitten im August, einen Harrod’s Regenschirm und einen Original-Panama, damit die Wagenmeister und Bell Boys der Hotels nicht am Ende glaubten, der neue Penthouse-Gast sei eine arme Sau, die nichts im Kofferraum hat, aber güldene BMWs klaut.

Die Bezeichnung 650i im vorletzten Satz weist darauf hin, welchen Motor ich wählte: den 90-Grad-V8, 4400 Kubik, 407 PS, 600 Nm, mit Twin-Power-Turbo, vier Ventilen pro Topf und Direkteinspritzung billiger ROZ-91-Treibstoffware, um das Gröbste zu sagen. Aber besprechen wir das im Fahren.

Ich bin grad nach Westen unterwegs, Wien nördlich umkreisend, von Stockerau her. Unvermindertes Entzücken über die neue Autobahn-Donaubrücke. Du gewinnst bis zu einer Stunde nach St. Pölten zur Westautobahn. Wer jetzt noch ab Jettsdorf die Landstraße nach Krems und Wachau wählt, ist als wirklicher Kunstfreund und hoher Smaragdtrinker ausgewiesen.

Spätestens ab Ybbs plagen mich Bedenken. Habe ich den richtigen Motor gewählt? Erstens ist er so unheimlich leise. Und weil sein Bison-Drehmoment von 600 Nm in der kompletten Prärie andrückt, zwischen 1750 und 4500 Touren, bist du schon nach zehn Sekunden Unaufmerksamkeit mit über 200 km/h ­unterwegs, und ich rede vom Offenfahren, nicht vom flüster-­zischelnden Reisen unter dem Dachstuhl eines Hi-Tech-Verdecks, das die Dämmwerte der verlöteten Bürgerkäfige (copyright: Bike-Magazin „Reitwagen“) nur knapp unterschreitet.
Fazit: Mich würde das 650i Cabrio nicht 115 Kilo-Flocken kosten, sondern binnen kürzester Zeit 230 Kilo, zusammengesetzt aus Kaufpreis, Strafzetteln und freiwilligen Spenden ans notleidende Innenministerium, um den Deckel (für unsere deutschen Leser: den Führerschein) wiederzukriegen.

Ich plädiere, ob’s BMW gefällt oder nicht, aus tausend Gründen für den ur-bescheidenen 320-PS-Reihensechser im 640i ­Cabrio. Erstens: Der Sechszylinder ist für mich genetisch der BMW-Murl. Zweitens: Ich bin inzwischen so grün-infiziert, dass mir einstellige Normverbräuche sympathischer als zweistellige sind (hier: 7,9 statt 10,7). Drittens: mir geht beim „Kleinen“ (drei Liter Hubraum, Twin-Turbo) nichts ab. Die 5,4 von 0-100 statt 5,0 – so what? Viertens: Er gibt mir irgendwie das Gefühl, ein bissl mehr zu tun und besseres Feedback der Geschwindigkeit zu ­spüren, aber eigentlich auch nur, wenn ich die klasse Achtgang-Automatik mit Steptronic manuell bespiele. Fünftens: Für die 21.000 Euro Preisdifferenz ­fielen mir überwältigende Alternativen ein. Beispielsweise üppiger Zugriff auf die Regale der BMW-Optionen, darunter avantgardistischere des „Connected Drive“-Pakets.

Auf dem Weg nach Gmunden wähle ich die langsamere ­Strecke über das Thomas-Bernhard-Domizil Ohlsdorf. Dem dortigen Polizisten, der mich stoppt, weil er das Auto besichtigen möchte, sage ich daher nicht mein traditionelles „Monats­gedicht für die Freunde und Helfer“ auf, sondern ein paar Zeilen aus Bernhards Drama „Der Ignorant und der Wahnsinnige:“

Die Oper ist nichts für einen natürlichen Menschen.
Wenn wir den Schwachsinn, der in dieser
Kunstgattung herrscht, geehrter Herr,
mit der Gemeinheit der Zuschauer verrechnen,
kommen wir in den Wahnsinn.

In Gmunden wartet die schöne, auch im Service erfreuliche ­Villa Toscana auf meinen Gastauftritt. Ich referiere über „Cabrios, Oldtimer und Österreichs einzige italienische Bucht“. Eine entflammte Zuhörerin wirft sich danach konvulsivisch zuckend über den offenen BMW 650i. Dieser wiederum kokettiert mit den Luxus-Sport-Motoryachten der Familie Frauscher, die hierorts entstehen. Er fühlt sich diesen verwandt. Ich schaue derweil zum Schlosshotel Freisitz-Roith am anderen Traunsee-Ufer. Ob mein Lieblingszimmer am Abend noch frei ist? Notfalls wird mich die Patronin Susanne Lehner in ihrem Büro einquartieren.

Bis dahin steht noch ein Besuch an, in Schörfling am Attersee. Käthe Zwach, elegant, hoch gebildet, witzig und herrlich boshaft, führt die schönste Galerie Österreichs. Wir sitzen auf der privaten Seeterrasse und diskutieren über Gustav Klimt, der hierorts wirkte. Vollendete Stille der Landschaft, wie sie anderswo nicht mehr zu kriegen ist. Irgendwie passt das 650i Cabrio gut in dieses Ambiente, mit seinem Flüster-V8 und diesem Lack, der goldig funkelt wie die Gewänder in Klimts Gemälde „Der Kuss“.

Was Motorräder betrifft, erkenne ich dieser Tage beifällig das Bemühen von BMW, auch in niedrigen Preisregionen aufzuzeigen. Mein Test-Bike G 650 GS ist der neue Basis-Einstieg ins BMW-Logo, ein 48-PS-Einzylinder um 9.200 Euro. Die 650er wirkt erstaunlich erwachsen und in weiß-rot-schwarzer Optik richtig fesch, bietet Goodies wie ABS und Griffheizung, reißt mit entzückendem Knurren an, ist enorm wendig, kann Asphalt und Forststraße und wird wohl viele Verehrer finden, auch junge und weibliche. Marketingtechnisch genial: die individuelle Anpassung an Körpergröße und Komfort durch zwei windshield-Höhen und drei Sitzbank-Optionen.

Ein Detail enthüllt freilich, wie hart die BMW-Leute noch an sich arbeiten müssen, um die Welt der Budget-Buyers zu begreifen. Das Heck meiner G 650 GS trägt zwei kräftige Auspuffrohre – für einen Einzylinder? Ein Mirakel. Um dieses zu ergründen, wälzte ich mich ungeübt im Schlamm eines Parkplatzes. Ich verfolgte die Wege der toten Gase vom Auslasskrümmer des einsamen Zylinders bis zum Heck.

Ergebnis: Eines der Endrohre ist eine Fälschung, einen Zweizylinder vortäuschend, wo nur ein Einzylinder werkt. Echt ­peinlich. Das würde Japanern und Österreichern mit ihren ­traditionell prächtigen Einzylindern (z. B. Yamaha MT-03 und diverse KTM 690er, z. B. Duke) nie einfallen. Vorschlag an die BMW-Leute in Berlin: Das tote Endrohr gratis wie einen Blinddarm entfernen oder zu einer zylindrischen US-Mailbox um­bauen, in der man Zeitschriften und eine Stange Tschicks transportieren kann – bei gleichzeitiger Ersparnis eines Tankrucksacks. So könnte man, chinesisch gesagt, das Gesicht wahren.

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