Phil Waldeck Helmut Gansterer Wanderbrief Mai 2012
Denkmälern wie DS, Traction Avant...
 

Wanderbreif Mai 2012

Mein heutiger Brief aus dem Hotel de Crillon in Paris und dem Hotel Panhans am Semmering ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

25.05.2012 Autorevue Magazin

Die genannten Hotels sind Weltklasse und durch viele Ereignisse geschätzt, hier aber nur insofern von Bedeutung, als ich vor dem Crillon zum ­ersten Mal in eine Citroën DS (eigentlich: ID 19) gesetzt wurde und im Panhans den Kaufvertrag meiner eigenen DS 21 unterzeichnete.

Frauen sind klass. Das Beste, was man aus unserer Rippe ­machen konnte. Leider darf man sie nicht mehr häkeln. Seither glauben sie, Autofahrer wie du und ich zu sein. Das ist eine unhaltbare Theorie. Ich finde sie täglich in der Praxis widerlegt. Nehmen wir zum Beispiel die Rothaarige von heute morgen.

Wegen ihr brach der Verkehr Wiens zusammen. Sie stand an einer Engstelle wie festgenagelt hinter einem Möbelwagen. Für einen Moment glaubte ich, sie hätte ihr Wägelchen stillgelegt, ­einen mit Blumenfolien beklebten Citroën C1, der wie eine kleine Frühlingswiese den blau rauchenden Mörderstau anführte. Ein paar Feiglinge, die nur im Schutz ihrer Schüsseln tapfer zu Frauen sind, riefen das Naheliegende: „Brennende, foa!“ und „Rot­haarigs Hexengsindl“.

Als Dritter der Kolonne ging ich zu ihr:
„Küss die Hand, ­gnädige Frau, könnten Sie vielleicht Ihre Zitrone auspressen und den LKW umrunden? Einfach das Lenkrad nach links drehen.“
„Da ist eine Sperrlinie“, trotzte sie.
„Da ist aber auch ein Klavier“, sagte ich, „die LKW-Burschen tragen einen Bösendorfer ins Haus. Die kommen heute nicht wieder.“
„Wer zahlt meine Strafe, wenn ein Polizist zuschaut?“
„Ich nicht“, sagte ich. Sie fuhr dann trotzdem los. Die Margeriten und Dotterblumen wetzten mit empörtem Reifenquietschen ums Hindernis. Nun war ich die Bremse der Wartenden.

Auf dem Weg zurück zum Auto gab man mir neue Namen: „Depperter“, „Penner“, „Porsche-Prolet“. Wer in einem Elfer-Cabrio ­Schonung erhofft, sollte sich einen ausrangierten Rotkreuzwagen zulegen.

Nur Weiber schaffen es, dass man unschuldig ausgepfiffen wird. Männer und Frauen sind nicht kompatibel. Oder nur so wie Getriebe-Räder: Wo die einen einen Zahn haben, haben die anderen eine Lücke. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal sind Paragraphen-Kadavergehorsam (Sperrlinie!) und Geiz ­(Polizeistrafe!), die im Fall der Rothaarigen zum Stau führten.

Phil Waldeck Helmut Gansterer Wanderbrief Mai 2012

Der Geiz hat allerdings, wie man fair sagen sollte, mit Brutschutz zu tun. Mütter wollen immer genug Geld für die Kinder haben. Das ist ein fixes Ur-Programm, gilt daher auch für Jungfrauen und reiche Selfmade-Ladys. Ein Beispiel: Dieser Tage wartete ich lang an der Pagro-Kasse, um mein Rollmaßband zu bezahlen. Vor mir meine eigene, erstklassige Ärztin (Dienstfahrzeug: Audi TT Cabrio). Sie beglich einen Plastik-Spielzeug-Jeep Cent für Cent. Jede Münze holte sie stöhnend aus dem Geldbörsel. Die wartenden Hausfrauen störte das nicht. Sie machen es auch so.

Rollmaßband? Wozu das? Die Autorevue-Kollegen haben oft beteuert, dass ich für nichts Praktisches tauge. Tempi passati. Gute Männer entwickeln sich. Ich habe jetzt teures Hazet-Werkzeug. Damit hebe ich meinen Test-Motoren die Köpfe ab. Mit dem Rollmaßband überprüfe ich die Durchmesser der Kolben. Entweder testet man ordentlich oder nicht.

Meine Audi-TT-Ärztin hat dieser Tage einen kleinen Neurosenschub diagnostiziert. „Fast schon Monk“, sagte sie heiter. Glatter Unsinn. Auch ihre homöopathischen Stimmungsaufheller brauche ich nicht. Für mein sonniges Gemüt reicht der Ford Mustang Boss 302, der angeblich morgen in mein Gehöft trabt. (Er trabte an, ­siehe Seite 106, Anm. der Red.) Wenn das schief geht, ersäufe ich mich auch nicht in Altöl. Dann schraube ich irgendeinen Zylinderkopf ab und vermesse die Dichtung.

Der Citroën C1, die Blumenwiese der Rothaarigen, ist eines ­jener Globalprodukte, die mehrere Hersteller mit eigenem Gesicht und Namen vertreiben. Das ist kein Beinbruch, macht einen schlanken Großserienpreis, ist aber extrem atypisch für Citroën.
Historisch führte keine Weltmarke ein so tapferes, zeitweise ­waghalsiges Eigenleben. Die Erblinie Anders-als-Andere gab der Gründer André Citroën vor. Halb galt er als Genie, halb als ­grenz-irrer Innovator. Sein erstes Auto, der Citroën Typ A 10 hp, trumpfte schon 1919 mit Elektrik auf, mit Licht und Anlasser. Heutige Autohändler faszinieren seine Business-Erfindungen: Vertragshändler-Kette, Austausch-Ersatzteile, erstes Leasing, ­erste Leihautos, erste Berufsschule, erstes 13. Monatsgehalt, erste (einjährige) Garantie.

Auch nach seiner Epoche, die von Weltrekorden und merkwürdigen Militärfahrzeugen begleitet war, blieben viele Citroën-Produkte unvergessliche Knaller und Hingucker.

Die Oldtimer-Freunde vergöttern den Traction Avant, den ersten Frontantriebs-Citroën. Es gab diesen von 1934 bis 1957
als Modell 7 A/B/C und 11 CV (Vierzylinder) bis 15 CV (Sechszylinder). Dank seiner zeitbesten Straßenlage und Fluchtfähigkeit wurde er Gangster-Citroën genannt. Wobei der Anteil der neu­artigen, leichten, selbsttragenden Karosserie meist unterschlagen wird. Die Polizei döppelte anfangs auf starren Leiterwagen-­Chassis mit Blattfedern hinterher. Spätere Citroën-Highlights wie der Volks-Citroën 2CV und die „Göttin“ DS sind heute Teil der Allgemeinbildung. Wie der VW-Käfer sind sie beliebte Neben­darsteller in Kinofilm und TV, Tendenz steigend.

Ein Luxus-Citroën muss noch genannt werden, gerade in der Autorevue, die das Abartige immer angebetet hat: Der Citroën-Maserati, ein Gran Turismo mit italienischem Motor und franzö­sischer Luftfederung. Er ist der unerreichte Lackmus-Test für Leidensfähigkeit, das Traumauto der Selbstgeißler. Wenn er geht, also rollt und fährt und nicht im Koma liegt, soll er richtig klass sein.

Phil Waldeck Helmut Gansterer Wanderbrief Mai 2012

Die 1980er und 1990er Jahre gelten Autofreunden als Totes Meer. Tiefer und salziger ging’s nicht. Selbst Adrenalin-­Marken wie Alfa Romeo und Citroën bauten feige, fade Autos. Beide, wie auch viele Konkurrenten, rappelten sich wieder auf. Heute glaubt man wieder an Design-Mut.

Citroën griff die Idee auf, das Firmen-Symbol einer Pfeilverzahnung (mit der man vor den Autos viel Geld verdiente) zum neuen Gesicht zu machen, eine ähnlich glückliche Entscheidung wie das Großmaul bei Audi. Und man gab den Traum einer neuen, großen DS auf.

Der Citroën C6 war dieser Idee nahe gekommen. Als C6-­Tester und einstiger Besitzer einer DS 21 (mit elektromagnetischem Vorwählgetriebe und bordellroten Samtsesseln) weiß ich den C6 als beste DS aller Zeiten, aber er konnte in unserer Zeit nicht so steil aus der Masse ragen wie die Ur-Göttin ID 19 bis DS 23, die einst jeder welsche Politiker als „Stolz Frankreichs“ fuhr.

So schenkte man das göttliche Kürzel DS einer zukunftswichtigeren „Kompaktklasse mit Pfiff“. Der DS3 schlug voll ein, wie auch jetzt der größere DS4. Beider Fahrer, Waldeck nicht ausgeschlossen, dürfen sich darin ein bissl als Sébastien Loeb fühlen, dessen Weltrallye-Siegerautos das Label „DS“ polieren. Man fährt irgendwie aktiver. Man wird daher – und weil beide DS jungattraktiv sind – gern von eierschalenfeuchten Bullen gestoppt. ­Meinem DS4-Stopper widmete ich Waldecks besinnliches Monatsgedicht für die Freunde und Helfer. Robert Gernhardt hat es geschrieben:

Der Kragenbär,
Der holt sich munter
Einen nach dem andern runter.

Die Roller vulgo Scooters etablieren sich als ernste dritte Kraft neben Autos und Motorrädern. Italiener und Japaner haben diesen Markt aufbereitet, modisch-fröhlich vor allem mit Vespa (Zweirad-Bestseller Österreichs: Vespa GTS 300 Super), reisekomfortabel mit Suzuki Burgman 400/650 und Honda SW-T 400/600, temperamentvoll mit Yamaha T-max 500 und innovativ mit Piaggio MP3 300/500. Einen psychologisch wichtigen Segen gibt nun der mächtige Bike-Produzent BMW mit zwei 600er-Rollern, einen für Sport & Stadt, einen für Fernreisende. Ich bin für die ersten Seriengültigen, die nach Österreich kommen, gesetzt. Ich kann dann besser beurteilen, ob der Neustart nach den missglückten „Kabinenrollern“ gelang. Kleiner BMW-Sieg an der ­Nebenfront: Als Zubehör-Ganzheitler bietet man einen ersten perfekten Rollermantel für Fahrer in Anzug und Smoking. Das klügste Kleid seit Coco Chanels „Kleinem Schwarzen“. Es nützt allerdings den Scooters im Ganzen.

Die generelle Frage Roller oder Motorrad? kann ich jetzt schon leicht beantworten: auf lange Sicht je drei davon. Der wichtigste Test müsste daher Coop-Himmelb(l)au-Fertiggaragen und Car-Ports umfassen.

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