Wanderbreif Juni 2012 Waldeck Gansterer Bentley
 

Wanderbrief Juni 2012

Mein heutiger Brief aus dem Gut Oberstockstall in Kirchberg am Wagram.

26.06.2012 Autorevue Magazin

Dieser Tage stand ich unangemeldet in der Bentley-Tür. Alles in mir, sagte ich zu den Gentlemen, schreie nach einem Ausflug im Continental GTC. Beim Frühstück habe mich eine Mangelkrankheit erwischt. Nach Monaten in kleinen, federleichten, grundgrünen Dieselturbos, Elektroautos und Hybriden sei ich der Vitamine Luxus und Speed verlustig geworden. Nur der ­nobelste Wirkstoffkomplex GTC (lateinisch: Gran Turismo ­Convertibile) könne das Hinwelken eines blutjungen Motor­testers weit vor seinem Ablaufdatum verhindern.

Da fragte man bei Bentley erschrocken, ob es ein GTC in midnighttitan sein müsse, wie bei der letzten Beisetzung, oder ob es einer in brightoceanbluemetallic wie bei meinen zahlreichen, eigenen Hochzeiten sein dürfe, denn so einer sei grad ­zufällig aufpoliert in den Showroom gestellt worden.

Es ginge heute rein ums Medizinische, beruhigte ich. Die ­Farbe der Pille sei egal. Auch der Motor könne beliebig gewählt werden. Der doppelt aufgeladene Sechsliter-W12 müsse keineswegs die 630 PS der Supersport-Typen, nicht mal die 610 PS der Speed-­Typen aufweisen. Zur schnellen Gesundung, als eine Art Kinder-Aspirin, würde auch der Standard-Murl mit 560 PS genügen. Wie gesagt, so getan, ich bekam auch noch einen ­Müsli-Riegel.

Ambulante Behandlung dieser Art ist nur für innige Hausfreunde denkbar. Dieser Titel fiel mir als Geschenk zu. ­Erstens durch philosophische Gleichstimmung mit Robert Engstler, der früh und jung als hiesiger „Mister Bentley“ galt, weil er auch ein sagenhaftes Gespür für die neuen Reichen in ­allen Ex-Kronländern der österreichischen Monarchie bewies.

Zweitens dadurch, dass ich von Bentley eine Wild Card für künftige Oldtimer-Rallyes erhielt, weil ich mit Navigator ­Allmayer-Beck einen Ex-LeMans-Sieg-Jaguar heil über die Enns­tal-Classic-Rallye brachte, durch die Nachtetappe trotz Licht­ausfall, durch die 600-km-Königsetappe über fünf Pässe trotz Blechsessel, inferiorer Bremsen und unsynchronisiertem Getriebe. Man sagt sogar, der Rennwagen sei nachher freier gelaufen. Seitdem hängt ein Porträt der österreichischen Ennstal-Helden in allen Jaguar-Museen. Das will Bentley auch. Wir lernen daraus: Auf der Grundlage von Schmerz gibt es korrekte Privilegien, beispielsweise Blitzhilfe bei Vitaminverlust.

Für meine Ur-Zuneigung zu Bentley brauchte es freilich weder Robert Engstler noch die Ennstal von Helmut Zwickl & Michael Glöckner. Diese Zuneigung besorgte John le Carré. Seit seinem unbekannten, aber besten Roman „Der wachsame Träumer“ gilt mir ein ledergefütterter, gut gepolsterter Bentley als Inbegriff der Geborgenheit. Und in einer TV-Doku erzählte Carré, wie er in Cornwall abends auf dem warmen Dach einer Bentley-Limousine lag, mit seinem von Scotch erfrischten Vater, dem er dort erstmals nahe kam. Der logische Plan, meinem ohnehin liebevollen Zeuger einen Bentley zu kaufen, scheiterte. Ich schaffte nur ein gebrauchtes, wie stardust schimmerndes Mercedes-280-CE-Coupé.

Ein Merkmal des GTC: Immergrüne Freude, als wär’s zum ersten Mal. Seit der deutschen Pflege laufen Bentley-Cabrios flockig. Es ist, als habe man erfolgreich mit der Schwerkraft verhandelt. Sie wirken halb so lastig wie die offenen Brit-Bentleys.

Unvergesslich die Corniche Convertible, die dich an jede Kurve schob, als hättest du den Großglockner im Rucksack. Selbst das Azure-Cabrio, unendlich besser als die Corniche und im Endstadium schon germanisch veredelt, verschaffte mir noch Gänsehaut, mit HTL-Hollabrunn-Schülern als Passagieren, ich habe diese Story schon erzählt und will sie nicht wiederholen.

Nun also wieder im Continental GT Convertible. Leichtlauf, beinahe ein Porsche-Panamera-Freilaufgefühl, in Stuttgart sailing genannt. Das Dach weit offen, komme ich meinem Nebenberuf nach, Botschafter meines Heimatlandes zu sein, dem ich wegen der Vielfalt seiner Reize einen neuen Namen gab: Die Vereinigten Staaten von Niederösterreich.

Ich treibe mich gern im Weinviertel herum. Schon wegen des Namens. Mich rührt das Spezifikum „Viertel“. Die Bescheidenheit, die da durchklingt, rührte auch das Herz von Künstlern. Sie ließen sich hier gern nieder, beispielsweise Komarek, Staretz, Nitsch und Turrini, oder sorgten dafür, hier gleich das Licht zu erblicken wie Korab und Löffler. Selbst Ursula Pasterk, einst als profil-Autorin und mächtige Wiener Kultur-Politesse eine grausame Jungfrau, wurde schnurrig und lieb, seit sie rituell in einem Dreieck friedlicher Orte unterwegs ist: Kathmandu, Café Engländer (Wien 1) und Weinviertel.

Ich mag diese Gegend, die man in der Schule sauertöpfisch als „Viertel unter dem Manhartsberg“ lernen musste, aus zwei weiteren Gründen. Erstens finde ich sie in Beethovens Sechster Symphonie „Pastorale“ musikalisch perfekt abgebildet, obgleich der Meister den Wienerwald im Sinn hatte. Zweitens ist das Weinviertel bullenfrei. Und zugleich das beste Testgelände der Welt.

Man übertreibt ja eh nicht, aber die „heilige Leere“ (Robert Walser) ermöglicht halt kleine Prüfungen, die hier weder Mensch noch Tier noch Natur beschädigen. Ah, wie reizvoll ­diese langen Alleen, der meist gute, dann wieder krass wechselnde Bodenbelag. Und ein dreifaches Ah! der kontrapunktischen Mehrstimmigkeit der langgeschwungenen und progressiv eingeringelten Kurven.

Letztere liegen gern boshaft und unangekündigt hinter ­Kuppen. Sie sahen schon oft das Weiße im Auge von Fahrern, die nach dem Kuppenabflug plötzlich nur noch das weite Land erblickten, doch keine Straße mehr; die dann im pipifeinen BMW und Audi in Äcker und Wiesen rumpelten, vorbei an ­gähnenden Feldhasen, deren Löffelstellung besagte: „Ohgott, schon wieder, stammen wir wirklich von diesem Trottel, dem Menschen, ab?“ Bentley GTC: alle Weinviertel-Prüfungen glänzend bestanden, auch die unverhofften, darin freilich begünstigt durch 4-wheel-drive und Bremsen wie Titanic-Anker. Allerdings auch diese Entdeckung: Bullenfrei ist das Weinviertel nicht mehr.

Ich werde an einer Stelle, die nichts mit Verkehrssicherheit, nur mit Autofahrer=Kuh=Melken zu tun hat, aufgehalten. Wie so oft begegne ich aber verständnisvollen Polizisten. Ich schenke ihnen mein Monatsgedicht an die Freunde und Helfer, die so sind wie sie. Es wurde von Theodor Kramer geschrieben, der in Niederhollabrunn aufwuchs, unweit von meinem Tatort:

Oft scheinen Tag
und Nacht
sich zu vermischen,
dann ist es wohlgetan,
sich aufzumischen;
auf dieser Welt ist man
nur einmal da:
das Leben braucht
ein bisserl Paprika.

Nachtrag zum offenen ­Bentley-Conti-GT: Alles an ihm ist Yacht. So gilt auch der Yacht-Satz: Wenn du nachdenkst, ob sie leistbar ist, bist du schon zu arm dafür. Er kostet ab 258.000 Euro, in einer nach oben weit offenen Zurüstungs-Skala. Der GTC gilt als Darling der erfolgreichsten Profi-Fußballer. Da diese jünger sind und besser sprechen als unsere Nationalräte, ist dies keine Abwertung, sondern ein Kompliment.

Ich mache keine Einschübe, die den klugen Leserinnen und schönen Lesern nichts bringen. Auch diese Notiz über Mag. Hermann Becker, den viele nicht namentlich kennen, ist als nützlich gedacht. Sie zeigt, dass auch laue Zeiten lässige Helden kennen.

Wanderbreif Juni 2012 Waldeck Gansterer Bentley Porsche VW Becker

Hermann Becker tritt jetzt in den Unruhestand. Nominell war er der beste Auto-PR-Manager. Sein Wert für die Porsche-Austria-Holding ist unbezifferbar. Philosophisch ist er ein Ethik-Evangelist. Er tat, was er für richtig hielt. Viel öfter, als er seine ohnehin guten Produkte lobte, verteidigte er kritische Journalisten vor seinen Chefs. Sein Gerechtigkeitssinn, seine Dezenz und seine fast irre Bescheidenheit machten ihn zum Top-Vertrauten der bekannt harmonischen Porsche-Piëch-Familien. Auch hier kann unmöglich gesagt werden, wie viel er an elender, billiger Publizistik verhinderte und an sinnvoller Publizistik begünstigte.

So weit ich es sehen kann, stieg in dieser Branche noch keiner, der so extrem gefordert war, so staubfrei aus seinem Berufsleben. Ich stelle mir vor, dass er nun gepeinigt viele Ehrungen ­erduldet und sich dann weit weg begibt von uns allen. Zu den Kindern vor allem, die ihm nach dem Tod seiner Frau alleine ­anvertraut sind, und als glänzender Reiter zu den Pferden, die in ihrem oft rätselhaften Verhalten angenehm an die Porsches und Piëchs erinnern mögen.

Obgleich keiner Heldenverehrung fähig, werde ich das Gut Oberstockstall am Wagram öfter besuchen, als ich vorhatte. Dort traf ich Hermann zum ersten Mal. Und ich werde jede Gelegenheit nützen, den Porsche 911 Speedster zu fahren, den ich damals testete. Der Titel der Geschichte, die ich damals schrieb, wirkt im Rückblick wie von Geisterhand diktiert und auf Hermann Becker gezielt: „Die Hoden des Herkules“.

Wanderbreif Juni 2012 Waldeck Gansterer Bentley

Mehr zum Thema
pixel