Wanderbrief Gansterer Waldeck Juli 2012
Ich fiel oft vom Bike, meine Liebe dazu blieb unverletzt.
 

Wanderbrief Juli 2012

Mein heutiger Brief aus dem Hotel Sacher und den Tresdorfer Stub’n ein Ruf deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

18.07.2012 Autorevue Magazin

Ich weiß zwar nicht, ob’s interessiert, aber mein Leben ist eine Tragödie. Ich fahre gern mit Rennwagen auf Rennkursen, verliere aber 30 Sekunden, pro Runde. Ich reite gerne Bikes, falle aber oft herunter. Und ich habe viele Ideen, kann sie aber nicht bewahren. Sie suchen mich immer dann heim, wenn ich keine Hand für Bleistift oder Diktaphon frei habe. Wenn ich am Geweih einer Harley hänge beispielsweise, oder an einer Bartheke, wo die Linke am Glas und die Rechte an der Marlboro befestigt ist. Oder beim Bergaufwandern, das ich nur auf allen vieren schaffe. Am besten geht’s noch in Cabrios mit guten Sport-Automatikgetrieben, in denen man manuell herumrühren kann, aber nicht muss, also notfalls eine Hand fürs iPhone frei hat, das ein passables Diktiergerät ist.

Jüngstes Diktat an mich selbst: „Die Freunde in der Autorevue haben sicher verschlafen, dass der MGB jetzt 50 wurde. Übernehme notfalls die Story. Aber eigentlich ungern. Zwar größte MG-Wertschätzung, aber wenig MG-Erfahrung. Bin besser gerüstet für Triumph TR, Jaguar XK & E und immergrüne Morgans.“

Dieser Tage traf ich einen Linzer Autofreak aus dem Freundeskreis von Wirtschaftskammer-King Christoph Leitl. Ich nenne ihn pseudonym Stoffl, weil er ein sensibles Unternehmen führt, praktisch in Geheimdienstrang. Stoffl nenne ich ihn, weil er sich zuletzt mit reschen BMW-Ritten dramatisch verjüngte und jetzt an plüschig-sportliche Steiff-Tiere erinnert, was als Tarnung taugt.

Stoffl fragte, ob ich das neue BMW 6er Gran Coupé, den Viertürer, schon gefahren sei. Natürlich nicht, sagte ich. Er müsse doch wissen, dass ich in Verlöteten keine Luft kriege. Wusste er aber nicht, weil ich eine falsche Sau bin. Ich hatte jüngst das BMW-Einser-Cabrio seiner Frau mit echter Begeisterung und seinen BMW X6 mit geheuchelter Begeisterung gefahren, um ihm nicht weh zu tun. Tatsächlich war ich im X6 geschüttelt vor Entsetzen über die Idee, man könne 2,6 Tonnen Leergewicht ­camouflieren, indem man das oberste Stockwerk eines Hochhausautos als Coupé modelliert. Nur das Active-Hybrid-Modell bewahrt den X6 davor, als zeitfremdeste Idee der Münchner in die Autogeschichte einzugehen. Dass der X6 als Crossover-Kopfgeburt der BMW-Marketing-Pythia deren Orakel recht gab und ein Vielgekaufter mit hoher Gewinn-Tangente wurde, nehme ich freudlos zur Kenntnis. Ein neureicher Russe ohne X6 mit dem 408 kW-Murl ist praktisch nackt. Ein Wechsel Stoffls zum neuen viertürigen Gran Coupé wäre blindlings eine Verbesserung.

Meine BMW-Lieblinge, also die aktuellen Offenen, haben laut meinen Testprotokollen allesamt fein zugelegt, auch in Energie-Effizienz. Gilt auch für die arg-attraktiven, das understatement nicht extra suchenden Sechser-Cabrios. Man kann ­damit beim Café-Flanieren in Monte Carlo, Kitz und Dubai punkten. Aber auch als lebensfroher Unternehmer oder Politiker seine 100.000 Kilometer pro Jahr übersonnen. Es gibt genug ­Innenraum für Chauffeur und Schlafsitz und BUK (für norddeutsche Protestanten: katholischer Beischlaf-Utensilien-Koffer).

Beim Roadster Z4 nehme ich meine Vorweg-Kritik am faltbaren Metalldach zurück. Auch durch dessen perfekte Halbkugelform wurde er zum Traumauto fürs ergriffene Publikum, mit geschlossenem Dach durchaus vergleichbar den fixed-head-Coupés der versunkenen Jaguar-XK-120/140-Linie. Beim Dreier-Cabrio bin ich noch unschlüssig, ob man mit dem metallenen CC-Dach nicht auf die falsche Fraktion im BMW-Haus hörte. Das mag daran liegen, dass ich in eigenen, wasserdichten Stoff-Dreiern einst glückliche Jahre an Straßenrändern schlief, vom prasselnden Zelt-Regen in fromme Träume geleitet.

Ein Einser-Darling: das Einser-Cabrio. Ein BMW-Meisterstück. Bis dahin galt als undenkbar, das Motto „Freude am Fahren“ ins Souterrain der Kompakten zu verpflanzen. Man kriegt dieses Cabrio beliebig sparsam und beliebig wild, von 143 bis 306 PS. Hauptvorzug: der Heckantrieb. Ich bin nicht sachverständig genug, dessen Zauber technisch zu erklären. Es mag mit idealer, horizontaler Gewichts-Waage zu tun haben; mit einer Entkoppelung von Lenkung und Antrieb; mit einem Anschieben statt dem agrarisch bewährten Hinterherziehen der Fronttriebler. Der Einser läuft aus der flachen Hand, wie reibungslos.

Das Allerbeste: durch die relativ lange Bughaube des Einser hast du das Gefühl, in einem kompakten Zweisitzer-Roadster zu fahren, mit enormen zusätzlichen Stauräumen auf den Rücksitzen. So ist das Einser-Cabrio der Mazda-Miata-MX-5 für Weltreisen, ideal für Paare, die einander je enger je lieber verbunden sind. Ab knapp 6 Liter auf 100 km und 32.950 Euro ist man dabei.

Christian v. Kornherr, von Gottes Gnaden Chefredakteur und Herausgeber dieses Automagazins, ist mein Chef. Früher war ich seiner, in einem Magazin namens „trend“, wo es um weltliche Dinge ging. Seit Jahren wiedervereint in der Sakristei des Ordens-Klosters „Individualverkehr“, bemühen wir uns um friedliche Ko-Existenz.

Das funktioniert so: Was er sagt, gilt, was ich sage, ist gestrig und lehrerhaft. Ich bin damit einverstanden. Es genügt mir, Recht zu haben, ich muss nicht immer Recht bekommen. ­Obwohl genau dies mit dem klassen, neuen Oldtimer-Teil der Autorevue geschieht. Ich habe seit Jahren auf Knien gebeten, die alten Zauberschüsseln gemeinsam mit den Neuen in die ­Zukunft zu ziehen. Ein Bugatti Atlantic sei Skulpturen wie dem „Sonny Liston“ von Hrdlicka formal ebenbürtig, nur schneller. Da kommt jetzt viel Schönes auf uns zu.

Ist damit der Weg zum endgültigen, kugelrunden „Kult-Motormagazin“ (Porsche-Magazin „Christophorus“ über die Auto­revue) ausgereizt? Mitnichten. Noch frieren die Bikes im Schatten. Es gibt aber eine konspirative Zelle von Zweiradrebellen. Susanne Hofbauer, vif wie Asterix und sexy wie Falbala, kämpfte schon als Jungfrau für eine Aufwertung des Motorrads. Sie schulte jeden ­Redakteur mit A-Schein heimlich aufs Bike ein, auch mich.

Unvergesslich ihr erster Befehl: „Der Lenker ist nicht zum Lenken da.“ Praktisch tödlich ihr zweiter Befehl: „Die Blickführung ist das Alpha und Omega. Schau ans Ende der Kurve, das Bike findet von selbst dahin.“ Dieser Ratschlag war pädagogisch lückenhaft. Es fehlte der Hinweis, zügig am Gas zu bleiben. So ging ich vom Gas, blickte ans Ende der Kurve, befuhr die Sehne des Kreisbogens und stürzte in eine 800 Meter tiefe Ennstalschlucht. Dennoch humple ich weiterhin mit voran. Es rührt mich unendlich, dass mir die Frau Lehrerin den Lieblingssatz meiner Oma in die Schlucht nachgerufen hat: „Vor Angst gestorben ist auch tot.“ Fazit: Auch hier im front-of-the-book ist das Thema BIKE warmzuhalten für eine Zeit künftiger Festmahle. In diesem Wanderbrief, der eine Art BMW-Special ist, beispielsweise mit drei BMW-Bike-Begegnungen.

Erstens: F 650 GS. Bin glücklich, auf Gran Canaria eine BMW zu kriegen. Im Vorjahr sagte der Vermieter noch, BMW und KTM seien zu teuer. Jetzt also die F 650 GS. Optisch gut gepflegt, vertrauenerweckend, aber unüblich laut und eher zäh im Vulkan-Gebirge. Haben sie mir, wie ich später denke, eine ausgeglühte G 650 GS untergejubelt, mit einem Zylinder und 50 PS statt der 71 PS der zweizylindrigen „F“? Um es bekümmert zu gestehen: Ich zähle nicht dauernd die Zylinder nach. Resümee: ein weiterer Edelstein im Collier meiner Hoppalas.

Zweitens: G 650 GS Sertao. Enorm preiswertes Leichtgewicht, Einzylinder, 50 PS, die normale „G“ als Storch und Stelze, tolle Idee, benannt nach einer Halbwüste Lateinamerikas. „Bravo“-­Rufe meines Sohnes und Co-Testers Georg. Kaum ein Bike ­provoziert den Spieltrieb wie dieses, inklusive kontrollierter Wheelies und Stoppies.

Drittens: K 1600 GTL. Der schlankste und wendigste 6-Zylinder-Welttourer ever. Man hat aus Fehlern der Vorgängerin K 1200 LT (Luxus-Tourer) gelernt. Diese K ist K-Dur. Man fährt mit ihr sportlich, unangestrengt, übermütig, komfortabel, Hammarskjöld liegt gleich nach Tulln. Alles passt, man muss nur richtig einparken. Der Verzicht auf einen Retourgang sorgt für eine letzte Spur von Stress. Auf diesem Über-Bike ist man auch dem Wagenmeister des Sacher willkommen.

Schleiche im weißblauen Einser-Cabrio durchs abenddämmernde Weinviertel. Das Land liegt friedlich erschöpft nach dem heißen Tag. Die Felder knacken durstig und riechen nach Zimt. Ich habe an der Straße nach Laa die beliebte Tresdorfer Stub’n genossen, halte die warme Stirn in den Wind, höre Ernst Moldens listige Wienerlieder (CD: „Ohne di“) und ärgere mich ausnahmsweise über einen Polizisten. Steht mitten auf einer elendslangen Geraden als einzige Verkehrsgefährdung. Ansonst kein Problem. Ich verbrenne den DAC-Veltliner wie ein Krematorium die Pappelsärge. Nullkommazwo Promille. Irgendwie dennoch verärgert. Sage ausnahmsweise mein „Gedicht an die Freunde und Helfer“ erst auf, als die Uniform im Rückspiegel zum Punkt wird. Ich wähle aus Robert Gernhardts Werken:

Es ist der Hahn in Lieb’ entbrannt
So feurig gleich zum Huhn gerannt
Da fiel er auf die Goschn
Schon war der Brand erloschen.

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