Wanderbrief Waldeck Gansterer August 2012 Volvo
Die Prä-senile Bettflucht ermöglicht mir einzigartige Erkenntnisse, zum Beispiel: Der Volvo C70 ist eine ­hervorragende Yacht.
 

Wanderbrief August 2012

Ein Brief aus dem Hotel „Altes Kloster“ und dem Restaurant „Goldener Anker“.

10.09.2012 Autorevue Magazin

Meine prä-senile Bettflucht hat etwas Schönes.In der Stunde zwischen Wolf und Hund gehört die Straße nur mir. So auch heute ab viertel nach vier. Unter mir der behagliche, weit offene Volvo C70 D4 Kinetic, über mir der ­unendliche Sternenstaub. Für Momente weiß ich nicht, wo oben und unten ist. Ich schwimme auf dem Firmament, der Volvo macht auch als Yacht eine gute Figur. Zumal ich den 177-PS-Selbstzünder (2 Liter, 5 Zylinder) wie einen Schiffsdiesel von weit draußen am Meer höre, ein gehauchtes Nageln, leise und entrückt wie das Blech der Philharmoniker im Lohengrin. Ich mag diesen Rest eines Dieselnagelns als Leitmotiv für Geborgenheit.

Jetzt, gegen fünf Uhr auf der Flughafenautobahn, trifft aus ­Istanbul der erste Lichtstrahl ein. Er zeichnet vage Konturen in die fade Natur. Gottlob strahlt bald danach die OMV-Raffinerie in technischer Schönheit. Ich liebe Menschenwerk mehr als die hoffärtig-perfekte Natur. Jede Alu-Felge ist über den Enzian zu stellen, und jeder Bugatti-Achtzylinder über Hohlwege wie den Grand Canyon.
Der Volvo ist 4,58 Meter lang, 1,82 Meter breit, 1,40 Meter hoch und in der dritten Perfektionsstufe (ab 2009) 1,8 Tonnen schwer. Solider Maschinenbau. Auch der offene C70 setzt das wertvollste Erbe der Volvos fort, die Impression höchster Sicherheit. Und von Geräumigkeit. Mit Recht wird das Kürzel CC im Namen vermieden. Dieses steht für Coupé-Cabrio und weist auf beengte Beinfreiheit in den hinteren Rängen. Der Volvo hingegen ist ein „C wie Cabrio“, gut nutzbar für vier Erwachsene, mit üppigem 404-Liter-Kofferraum bei geschlossenem Verdeck und achtbaren 200 Litern bei offenem.

Alle Metalldachfalter-Fahrer reisen auf gleiche Weise nach Neapel: Anfahrt in der kühlen Nacht mit geschlossenem Verdeck und vollwertigem Kofferraum, die lokalen Fahrten nach Pompeji und Positano dann offen mit Weekend-Gepäck.

Bis Schwechat stören Frühflieger. Bei Fischamend erwachen ein paar Hunde, die Nachtigallen der Dörfer. Dann habe ich die gute Straße wirklich für mich. Die V-max von 215 km/h erreiche ich mit der seidigen Geartronic auch offen, trotz verwirbelter Aerodynamik. Die Acceleration, wie kultivierte Volvo-Fahrer zur Beschleunigung sagen, liegt bei 0–100 = 9,9. Ein Volvo hetzt nicht. Wer es dennoch hurtiger will, nimmt das manuelle Getriebe (bringt zirka 5 km/h mehr und 0,1 sec weniger) oder gleich das Modell C70 T5 Kinetic mit 230 Turbo-Benzin-PS (235 km/h, 0–100 = 7,8) und einem Grundpreis von 46.000 Euro, 4.000 Euro über meinem Test-D4, der wieder 2.000 Euro über der Diesel-­Variante D3 (150 PS) liegt, die psychologisch geschickt mit ­„Unter 40“ lockt, nämlich 39.990 Euro.

Billig ist das alles nicht. Preiswert darf man es nennen. Die Verarbeitung ist hochwertig, das Feeling entschieden luxuriös, die Design-Idee einer frei geschwungenen Mittelkonsole schenkt noch den Zauber skandinavischen Designs à la Bang & Olufsen. Dazu kommt, dass das von Pininfarina gezeichnete Volvo-­Cabrio, obwohl seit 2006 auf dem Markt, als selten und schon deshalb als wertvoll empfunden wird.

Zur technischen Prüfung fehlte noch einiges. Zunächst offenes Wedeln und Frischluft-Vollbremsungen aus 200, 130 und 100 km/h. Ergebnis: Spurtreue und Torsionsfestigkeit. Dann ­Begutachtung des dreiteiligen Dachs mit beheizter Glasheckscheibe.

Die schlechte Nachricht zuerst: endlose 30 Sekunden für Auf & Zu. Grund: Die zentrale Ansteuerung der drei Dach-Segmente, die höchste Betriebssicherheit garantiert, aber gleichzeitig-­synchrone Abläufe ausschließt. Ästheten schätzen Folgendes: Die drei kompakten Dach-Segmente (statt zwei großen) ermöglichen einen stolzen, limousinenhaften Neigungswinkel der Windschutzscheibe und durch Russische-Puppen-Verschachtelung den knackigsten Hintern der Viersitzer-Blechfalter-Welt. Weiters schön, dass man weder außen noch innen Scharnierln wahrnimmt. Selten hat ehrwürdige Gediegenheit mit heutigen Ansprüchen so befriedigend verkehrt. Dies gilt auch für den ­Verbrauch. Der Fünfzylinder-Lohengrin im C70 D4 hebt sein mächtiges Schwert von 400 Nm schon auf den ersten Metern. Genauer: von 1750 bis 2750 Touren. Sechseinhalb Liter auf 100 km sind machbar für alle Fahrer, die spontane Kraft bei niedrigen Drehzahlen zu nützen wissen.

Die Test-Tortur ist vorbei. „Meine Pflicht hab ich getan“, ­singe ich wie Florestan in Beethovens Fidelio. Jetzt die Kür, der reine Genuss des offenen Reisens am Ende der Nacht. Di notte le cose parlano, sagte Federico Fellini. In der Nacht fangen die Dinge zu sprechen an. Mir genügen dafür Freunde wie Heinz Marecek.

Ich schiebe sein neues Hörbuch in den CD-Schlitz des Volvo:  „Ich komme aus dem Lachen nicht heraus“ (Edition-O-Ton, ­Verlagsbüro Schwarzer). Es lehrt auch Grantige das Lächeln. Fürs Hören-im-Fahren darf ich es nicht empfehlen. Bei manchen Pointen der komödiantischen Allzweckwaffe Marecek (Theater-Film-TV-Schauspieler, Regisseur, Autor, Philosoph) biegt man rechtwinkelig in die Prärie ab. Dies gilt auch für eine zweite Neuerscheinung der Edition-O-Ton, Thaddäus Podgorskis „Geschichten aus dem Hinterhalt.“ Besser daheim hören, auf der Couch. Wer liegt, biegt nicht ab und kann nicht mehr fallen.

Hainburg naht. Gesegnete Gegend. In Carnuntum die östlichste Römer-Provinz. In Göttlesbrunn der Bienenfresser-Zweigelt von Hans Pitnauer.  In Hainburg die Küchenkünste im Restaurant „Goldener Anker“ und im Hotel „Altes Kloster“, beide geführt von Michaela Gansterer. Nicht verwandt mit meinem Kumpel Helmut A. Gansterer von trend-profil. Als Geburtstagskind habe ich an diesem Tag dennoch Privilegien. Ich lasse zum Frühstück warm decken, auf der Freilichtbühne des Goldenen Ankers, exakt auf Donauhöhe. Eine Welle würde mich samt Trüffel-Saibling in die Slowakei spülen.

Nur den Braunsberg sehe ich dort ungern. Nahm einst im Triumph TR 4A am gleichnamigen Rennen teil. Würdeloses ­Abschneiden. Zwar nicht Letzter geworden, aber gedemütigt von einem Austin-Healey-Frogeye mit nominell 42 PS. Arg viel Hohn. Dass die Froschaugensau später wegen üppiger Nitro-­Beigaben rückgestuft wurde, erfuhr kaum einer der Spötter. ­Vielleicht habe ich das Nitro auch nur geträumt. Zur Rettung der Selbstachtung ist einem nichts zu blöd. Irgendwann beklagt ein Polizist die schlampige Parkstellung meines Volvo C70 D4. Ich bedanke mich, korrigiere und sage ihm mein Monatsgedicht an die Freunde und Helfer auf. Ich wähle Christian Morgenstern:

Bei einem Irrlicht in der Näh
Trink manchmal ich den Fünfuhrtee
Doch weil sie leider Böhmisch spricht
Verstehen wir einander nicht.

Autohandel kann hoffärtig sein. Bike-Handel nie. Ein weiteres Beispiel dieser Erfahrung: 2-Rad-Börse-Süd, 5000 m2, Mil­lionen Mitarbeiter und kein Arschloch darunter. Jeder locker. Wirklich jeder kümmert sich um einen Herumirrenden und hängt sich ans Handy, um dein Problem zu lösen. Keiner sagt, dafür bin ich nicht zuständig.  Das ist in freier Wirtschafts­wildbahn so selten wie eine ORF-Talkshow ohne tödliche Peinlichkeit. Außerdem gibt’s in der 2-Rad-Börse-Süd das Reitwagen Café, benannt nach einem Magazin, das durch Unkorrektheit in Ernährungsfragen alle Biker für sich gewann.

Ich möchte in der momentanen Hitze zwei extra-coole Bikes empfehlen, die unter der Schmerzgrenze von 10 Kilo-Euronen zu kriegen sind.
Falls schiere Schönheit, Bravi-Rufe der Umwelt, Retro-Design, wartungsfreier Kardan und ein demgemäß quer zur Fahrtrichtung gespreizter 750er-V2 gefragt sind, dessen kerniges Bollern man sich wie Thomas Hampson als Don Giovanni in der Blauen Grotte von Capri vorstellen darf, sind drei Versionen der radikal erneuerten Moto-Guzzi-V7 angesagt: Stone, Special, ­Racer. Als V7-Aficionado wurde Roland Düringer kenntlich. Er erklärt, warum die 50 PS dieser Retro-Queen auch für erfahrene Biker wie ihn genug sind. Er hat sich eine V7 umgebaut. Sie ist unwesentlich verschlimmbessert.

Falls radikale Universalität von City bis Weltreise bei gleichzeitiger Leichtigkeit im Handling gefragt ist, stelle ich die neue Suzuki V-Strom 650 ABS in eine schmale erste Reihe. Die Edi­tion „Crossover“ bietet sinnvolle Dreingaben wie Navi, Hauptständer, Alu-Topcase, Windshield und  Handprotektoren.

Meine Extra-Freude: Im Top-Case findet millimetergenau ein Abus-Kofferl Platz. Dieses begleitet mich auf den Elektrofahrrädern KTM e-Fun und Puch Kraftwerk und fasst alle Werkzeuge, die ich für den Nobelpreis brauche. Also Apple Mac Air 11 Zoll, Systemkamera, Schreibheft, Füllfeder und August Schmölzers Grundschule der deutschen Grammatik. Endlich kein Umpacken mehr! Frauen werden die Freude darüber nicht verstehen. Für einen Mann aber macht es den Unterschied von Sommer und Hochsommer.

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