waldecks wanderbrief oktober 2013 bmw z4 hinten
Phil schätzt den 2002 geborenen BMW Z4 als solid-deutsche, waghalsig designte und für viele leistbare Fortsetzung alter englischer Roadster-Herrlichkeit à la Triumph-TR und Austin-Healey.
 

Wanderbrief Oktober 2013

Auch mein heutiger Brief aus dem „Gut Oberstockstall“, dem „Brandlhof“ in Radlbrunn, dem „Sodoma“ in Tulln, der „Traube“ in Feuersbrunn und der ­Vinothek in Kirchberg am Wagram ist ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

30.10.2013 Autorevue Magazin

Mancher Morgen ist leidlich.

Zum Beispiel der heutige. Der Schlaf war tief gewesen, ohne den üblichen Albtraum von dicken Politessen im Strafzettel-Bikini. Im Postkastl finde ich den maßgeblichen Ratgeber „Die Veteranenszene in Österreich“, eingeworfen von ÖMVV-Vorstand Werner ­Lutzky. Auf der nahen Dorfstraße peitscht ein voll-rot belederter Racer die 15 PS seiner 125er. Um die Zypresse im Vorgarten ­flattern Zitronenfalter.

Von der Terrasse, auf der ich meinen Kaffee schlürfe, über­blicke ich segnend den Fuhrpark. Ein seltsames Gemisch aus ­uralt, alt, neu, brandneu.

Vor dem Zaun brüderlich schlummernd die Autos. Links das brave Lasttier Ford Focus, auf dem Träger ein attraktives Elek­trofahrrad namens „acies GGT“. Daneben das unkaputtbare ­Family-Cabrio Chrysler Sebring, dann Lamborghini Gallardo Spider und BMW Z4. Im Car-Port kuscheln die Retro-Honda CB 1100, Yamahas X-Max 400 und BMW F 800 GT. Die Garage ist vollgerammelt mit E-Bikes (vulgo Elektrofahrräder vulgo ­Pedelecs), der neuen Leidenschaft einer ansonst bewegungsgestörten Familie. Die leergefahrenen Akkus saugen mächtig am Netz. Die nächstgelegene Ampel flackert und zeigt blaues Dauerlicht.

Apropos Farben:

schöne Lack-Palette der Testgeräte, eine Freude fürs Fotografenherz. Kein Dunkelsilber und Titangrau dabei, des braven Bürgers liebste, weil wiederverkaufswert­beständigste Farben. Ich sehe gleich drei Arten von Orange, ­obwohl keine Harley und keine KTM im Car-Port steht. ­Entdecke ich da eine neue Modefarbe?

Es ist gut, wenn ein Mann die Muße hat, seine Arbeit zu überblicken, ehe er ans harte Tagwerk geht. Schwer genug, das erste Fahrzeug festzulegen. Sicher nicht den Gallardo. Erstens kommt er erst im nächsten Heft dran. Zweitens bringt sein Kaltstart alle noch dunklen Fenster zum Leuchten. Ich bin keiner von denen, die sonntags um sieben Uhr den Rasenmäher anwerfen. Bin überhaupt der letzte Mann, der noch nie rasenmähte, noch nie grillte oder – um es gleich zu gestehen – jemals ein Schürzchen trug.

waldecks wanderbrief oktober 2013 bmw z4

Mein BMW Z4 sDrive 20i mit 185 PS aus 1997 ccm (ein Vierzylinder mit Twin-Turbo) meldet sich trügerisch ­manierlich im Leerlauf, beschert aber bald ein aktives Erwachen mit reschem Sound. Auf der A22 werden die Prospekt-Fahr­daten überprüft. Merke: Auch der Bulle ruht am siebenten Tag, also prüfen wir 0–100 = 6,9 Sekunden und 235 km/h und haken es ab. Dreierlei macht im Z4 eine Sonntagslaune.

Erstens das emsige Rühren im Sechser-Getriebe, das mir immer noch lieb ist, auch wenn die Argumente gegen Doppelkupplungs-Automatiken mit manuellem Eingriff allmählich ausgehen. In meinem Z4-20i kostet die Automatik zwar Aufpreis, aber nur 3 Zehntelsekunden von 0 auf 100 (= 7,2)  und kein Gramm Sprit mehr als das manuelle Getriebe.

Zweitens die ab 2012 verstärkte Hydraulik, die das Aufwerfen und Schließen des Alu-Faltdachs im Fahren ermöglicht, bis 40 km/h. Das ist wichtig. Als akkreditierter Botschafter der Roadster und Cabrios und Kabrioletts bin ich erniedrigt, wenn ich beim ersten Regenguss rechts ranfahren muss (mit Alarmblinker), um am Straßenrand das Dach zu schließen.
Das schenkt den armen Verlöteten, die an mir vorbeibrausen, ein Triumphgefühl, das mich umbringt.

Drittens die geglückte Lackfarbe „Valencia Orange Metallic“. Sie ist neu, seit der Z4 im März 2013 ein gründliches Facelift ­erfuhr. Er wird durch dieses Orange zur Sonne, der sich die ­Sonnenblumen zuneigen. Ich weiß das von meiner blonden Herzallerliebsten.

Im menschenleeren, flachen Tullnerfeld, wo jedes Polizeikappl auf zwei Kilometer Entfernung als Leuchtturban warnt, kenne ich private Testkurven mit Sicherheitszonen. Diese besagen, dass der Z4 nur vorsätzlich rausfliegen kann. Er hat Fahrwerks & Elektronik-Reserven, die nördlich der Mutgrenze liegen. Man kann dort, nahe der entzückenden Kultur-Stadt Tulln, beim Z4-20i-Flanieren entspannt über BMW nachdenken, den perversesten Edel-Fabrikanten, unberechenbar in Eigensinn und Courage.

Hier nur eines:

Man hätte den 1995 geborenen, in den USA gefertigten Z3 im Jahr 2002 vielleicht nicht gleich für den Z4 sterben lassen müssen. Zumal der Z4 nach dem großen Entwicklungssprung 2009 und dem Facelift 2013 und germanischer Fertigung (Regensburg) in die Nobel-Roadster-Klasse aufflog. Heutige Preisspannweite: 37.300 bis 66.600 Euro. Vielleicht wäre der Stoffdach-Z3, in maßvoll-bescheidener Weise fortgepflegt, zum deutschen Mazda MX-5 geworden.

waldecks wanderbrief oktober 2013 bmw z3

eit dem dramatische Upgrade 2009, der den Z4 in teure Nobel-Roadster-Sphären enthob, fragt er sich, ob der zierlichere Z3 (Bild links), hätte man ihn leben lassen, heute nicht ein ­germanischer Mazda-MX-5 sein könnte.

Ich genieße freilich meinen Nobel-Z4 als neu definierte, alt-englische Roadster-Herrlichkeit – offen, lange Schnauze, kurzes schönes Heck und Känguru-Konzept: Alle Kraft den Hinter­beinen. Da er echt schön ist, sowohl offen wie geschlossen, gebe ich mit dem Z4 bei Freunden nordwestlich des Tullnerfelds an wie ein Affe: Vinothek Kirchberg am Wagram, Gut Oberstockstall,  Brandlhof in Radlbrunn, Traube in Feuersbrunn.

Wenn du nur Kaffee trinkst, wie auf dieser Tour, hält dich kein Polizist an. Wenn du ein Achtel zu viel hast, alle. Sie haben dafür eine feine Nase, wie Trüffelhunde. Ich bin beleidigt, weil niemand meine Nüchternheit amtlich beglaubigt. Irgendwann bremse ich scharf vor einem Ordnungshüter und trage ihm mein Monats-Gedicht an die Freunde und Helfer vor, aus den Werken meines Lieblingsdichters Robert Gernhardt:

Um 12 Uhr 10 bin ich bestellt
Ich trau mich gar nicht hinzugehn
Es sei, ich hätt ein Alibi
Wer sah mich morgen, 12 Uhr 10?

Tullns Bürgermeister Peter Eisenschenk will mir, so raunt man, einen Orden umhängen, für Stadtverschönerung. Er sah mich mit der Honda CB 1100 ABS auf dem Hauptplatz, rundherum glückliche Bürger der Blumen-und Messestadt. Sie haben Motorrad & Fahrer gleich betend betastet, wie Devo­tionalien, die ewiges Leben verheißen. So was Anregendes hat man hier nicht mehr gesehen, seit Egon Schiele für seine Akte blutjunger Mädchen in Tullns Kerker geworfen wurde (heute: Schiele-Museum am Donauufer).

waldecks wanderbrief oktober 2013 honda cb 1100

Höhepunkt im derzeit rasantesten Retro-Bike namens Honda CB 1100 ABS, das jeden Parkplatz zur Bühne macht

Die CB 1100 ist das derzeit rasanteste Retro-Bike. Ihr optisches Herzstück, der tief verrippte luft-öl-gekühlte Vierzylinder, wirft 90 PS und 93 Nm auf 245 Kilo Gewicht (mit vollem 14,6-Liter-Tank). Beschleunigung zirka Porsche-911-S, v-max = 210 km/h. In den 13.000 Euro ist  enthalten: Eine fernreisetaugliche Sitzbank, die bewährten Honda-Combined-Integral-ABS-Anker, gute Stereo-Federbeine und massives Chrom für ewige Rostfreiheit, auch auf den echt-blechernen Kotflügeln.

Wenn du in Tulln mit einem Neufahrzeug angeben willst, führt nach wie vor kein Weg am „Gasthaus zur Sonne“ vorbei. Gerti, die Küchenchefin und Holde des Wirten Pepi Sodoma, stürzt mit einem gusseisernen Reindl heraus. Auf den vom ­Riederberg-Test glühenden, hochattraktiv geschwungenen ­Auslass-Rohren macht sie mir eine überirdische Retro-Eier­speise. Jetzt bin ich es, der sie scheu betastet, als wäre sie die ­Heilige Bernadette zu Lourdes.

Kapitel Schönheit, zweiter Teil: Das eingangs erwähnte ­Elek­trofahrrad „acies GGT“ (Modelle GGT 2.0 und 2.6 mit 250-Watt-Murl, Modell 5,6 mit 500 Watt Tret-Unterstützung, Preise von 1.490 bis 2.490 Euro). Klasses Design in Mattschwarz mit roten und weißen Farbtupfern. Passt perfekt zum Importeur und Ästheten Richard Winter, bekannt als Boss des Traditions-Musikhauses Gramola am Graben 16, Wien 1, das uns anspruchsvolle CD/DVD verkauft und zahllose Edel-Einspielungen schenkte. Den Namen „acies“ wählte Winter nach einem der erfolgreichsten, jungen Kammermusik-Ensembles Österreichs.

waldecks wanderbrief oktober 2013 acies ggt5.6

Der Ganzheitler Waldeck glaubt, dass schräge Zweiräder
die Vierradler perfekt ergänzen, ein ausgeglichenes Gemüt begünstigen und ewige Jugend schenken. Das fängt schon mit E-Fahrrädern wie dem schönen acies GGT 5.6 an

Ich spüre zwischen den beiden großen Zehen:

Ein großer ­indian summer (Altweibersommer) kommt auf uns zu. Wir werden darin noch spannende Bikes kennen lernen. Darunter BMW F 800 GT, Honda F6B Interstate und Yamahas X-Max 400. Auch im nahenden Herbst bleiben die schräglagentauglichen Zwei­räder aller Art (Fahrräder, Roller, Bikes) eine sinnvolle Ergänzung des Autos.

Die Zeiten, da man Motorrad fuhr, weil man fürs Auto zu arm war, liegen ein halbes Jahrhundert zurück. Heute gilt nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch. Die Biker sind nicht mehr die armen Spechte, sondern eher die Angekommenen. Sie haben auch schöne Autos. Allerdings: manche fahren noch Verlötete, deren Dach man nicht öffnen kann – und ich kenne sie alle.

Mehr zum Thema
pixel