Phil Waldeck Helmut Gansterer Wanderbrief Oktober 2012 Mercedes Peugeot Ducati
Dank Mercedes SLK 55 AMG, dem frostigen Lungau und neuer Hi-Tech-Kleidung begriff Phil das Ende der Offen-Saisonen. Ab jetzt geht Frischluft auch in Herbst und Winter.
 

Wanderbrief Oktober 2012

So ist mein heutiger Brief aus dem Gasthaus Winter in Bodendorf und dem Hotel Hilton in Pittsburgh

13.11.2012 Autorevue Magazin

Männer ziehen sich gern in die Garage zurück. Man ist dort in bester Gesellschaft, der eigenen. Die anderen Anwesenden reden nicht ­zurück. Sie riechen interessant nach Benzin, Öl und Marder-Kacke. Und sie schenken das Gefühl, wichtig zu sein. Man greift zu S100 Dr. Wack, der besten Premium-Pflegemittelmarke, poliert die Chrom-Appliken des Carrera Turbo Cabrios, sprüht schneeweiße Schmiere auf die Kette der Yamaha MT-01 und frischt das blaufränkischrote ­Leder des alten Morgan Plus 8 auf.

Frauen haben nie verstanden, warum Männer die Stille der Garage lieben. Schon gar nicht verstehen sie die Freuden der Kfz-Pflege. Ihnen genügt es, selbst attraktiv zu sein. Das Auto soll gewaschen sein, das schon, sonst hat man eine schlechte Nachrede der Nachbarin. Aber Pflege des Interieurs, das man nur selbst sieht? Oder gar Pflege der Technik, die keine Sau sieht? „Sinn­loser Aufwand“, sagt das schöne, pragmatische ­Geschlecht.

Anders als ihre Großmütter sind heutige Frauen auch nicht ordnungsverliebt. Sie sind nur so weit ordentlich, wie es das schiere Überleben verlangt.

Viele Männer haben beim erstmaligen Blick in den Innenraum hübscher Weiberschüsseln wie Opel Corsa, Toyota Yaris und Citroen C 1 den Fortpflanzungstrieb verloren. Dabei kannten sie die Hölle noch nicht, das Innenleben von Frauenhand­taschen. Chirurgen, die Prada-Gucci-Hermès-Täschchen öffneten, klappten sie sofort wieder als inoperabel zu. Yves Montand sah in der Handtaschen-Unordnung ein Argument für den Entzug des Frauenwahlrechts, der Schauspieler Charles Laughton ein Argument für die Todesstrafe.

Ich mag nicht so streng sein. Möchte den Damen lieber erklären, was es mit der Liebe zur Autopflege auf sich hat. Es fängt damit an, dass Herren gern denken, weshalb die deutsche Sprache die ­separaten Worte „herrlich“ und „dämlich“ kennt. Es denkt sich leichter bei geistig anspruchsloser Tätigkeit in Garagen. Geduldige Lackpolitur begleitet den Denkprozess wie ein taktgebendes Metronom. Familienväter denken bei der Pflege auch an Werterhaltung. Der Philosoph Karl Marx sprach sogar von Wertsteigerung: Jede menschliche Mühe gehe in den Wert der Dinge ein. Was konsequent heißt, dass ein Kaffeehäferl mit jedem Abwasch gewinnt. So weit wollen wir aber nicht zustimmen. Zumal Karl Marx, wie man weiß, nicht alle Häferln im Schrank hatte. Generell aber gilt: Garagenarbeit bringt materiellen und spirituellen Gewinn.

Allerdings: Nicht jede Garagenarbeit ist sinnvoll. Was Nitro-Tuning betrifft, war das Heimwerken nie ratsam. Mein Cousin in Pittsburgh versuchte es dennoch, wie er mir weinend im Hotel Hilton erzählte. Er war gar nicht erfolglos. Beim ersten, zärtlichen Anfahrversuch durchbrach die Corvette das Garagentor, dann das Haustor, übersetzte in frohen Sprüngen die Straße und rodete den Zierpark vis-à-vis, samt Lincoln-Büste.

Alles in allem erweise ich den unbedankten Garagen meine Hochachtung. Sie sind Grals-Orte höchster Weihe, die eigentlichen Tempel der Neuzeit.

Als Evangelist der Roadsters und Cabriolets werde ich in kommenden Autorevue-Ausgaben ein neues Kapitel aufschlagen: wie man weit offen durch den Winter fährt, ohne dabei zu krepieren. Die Idee verdanke ich meinem bisherigen 2012-Darling, dem Mercedes SLK 55 AMG.

Bei einem Abstecher in den Lungau, den Kältepol Österreichs, kam ich in den ersten Herbst-Frost des Jahres. Zufällig testete ich gerade neue Funktionswäsche, Jacken, Anoraks und Handschuhe für Fahrten mit Bikes, Scooters und Fahrrädern. Irre Fortschritte. Erstmals begriff ich einen Spruch der Briten, die immer schon mit ihren Healeys und Blower-Bentleys „auf Achse“ zur winterlichen Planai-Classic anreisten, durch Eisregen und arschkalte Nächte: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.“

Wenn es nicht gerade schüttete, machte ich das Metallfaltdach des AMG-SLK gar nimmer zu. Offenfahren ist schon im Sommer eine Hetz. Aber in klirrender Kälte eine beispiellos beglückende, archaische Erfahrung. So arbeitete ich mich aus dem froststarren Lungau über St. Martin und Predlitz nach Murau vor. Im oberen Murtal, bei Bodendorf, strebte ich das älteste Wirtshaus der Steiermark an, das Gasthaus Winter, seit 1040 als Taverne genannt und nun von Heidelinde Micke und Sohn glänzend geführt.

Unweit davor stoppt mich ein fescher Polizist. Er steigt aus seinem überheizten Bullenkäfig, erfriert sofort und stammelt mit aufeinanderschlagenden Zähnen: „Sie mümüssen sich wowohl mit Gewalt au-au-ausnüchtern.“ Große Enttäuschung: Nu-nu-null Promille. Zum Trost trage ich dem Ordnungshüter mein monatliches Gedicht an die Freunde und Helfer vor, diesmal aus der Feder des großen Haiku-Künstlers Basho:

Die Hühner kakeln
Und Nieselregen nieselt
Ums alte Wirtshaus.

Ich bin kein Fundamentalist. Ab Oktober nenne ich immer auch Verlötete, die mir in Tests angenehm auffielen.

Beispiel 1: der Peugeot 3008 Hybrid4. Irgendwann erwartete man den Diesel-Hybrid, und die Franzosen haben die Nase vorn. Der 3008 löst sein Verbrauchs-Versprechen achtbar ein, falls du dich innig dem reizvollen Teamwork von Selbstzünder (163 PS) und Elektro-Motor (37 PS) widmest (ab 4 Liter und 99 Gramm CO2). Vier schlaue Fahr-Modi sind wählbar, von E-pur bis zu Allrad mit Diesel vorn und Elektro hinten, und eine Vollautomatik, die das Denken abnimmt.

Die elegante Karosserie freut auch jene, die ohne Hybrid die Preisspannweite der 3008-Varianten nach unten nützen wollen (grob 20 bis 40 Kilo-Euro). Ästhetisch erfreulich: das Ende des Peugeot-Panorama-Grills, der in manchen Modellen an den aufhauerischen, von mir so genannten „Proleten-Ferrari“ Testarossa erinnerte. 3008-Hybrid4-Fahrdaten: v-max = 191 km/h, 0–100 = 8,5.

Beispiel 2: der Seat Mii. Extrem kompakt und enorm praktisch. No nonsense, aber in Grundkomfort & Fahrleistung keineswegs freudlos. Auch hübsch, in der Testfarbe Rot sogar übermütig. Gegenüber den Schwestermodellen Up (VW) und Citigo (Skoda) tatsächlich „mediterran modern und klar“, wie Seat-­Designchef Alejandro Mesonero-Romanos sagt. Von den Frauen meiner Familie geliebt. Der 1-Liter-Dreizylinder mit 75 PS bezaubert in der Test-Version mit 172 km/h und ca. 4 Liter Verbrauch, der variable Kofferraum mit 251 bis 951 Liter.

Autos wie der Seat Mii sind ein Schlag ins Gesicht von kinderlosen ­Politikerinnen, die zugleich für Emanzipation und gegen das Auto auftreten. Für alle Mütter, speziell die alleinerziehenden und/oder berufstätigen, ist ein smarter Hausfreund wie der Mii ein Segen. Kein Vergleich mit der Hölle eines Lebens in Öffis. Preise: von 7.990 bis 9.390 Euro.

Seit meinem ersten Besuch des Seat-Design-Centers in ­Barcelona, wo ich klugen Sätzen des Reisegefährten und Design-Stars Gerald Kiska (u. a. KTM) lauschte, träume ich von einem billigen Seat-Mini-Roadster, als Zuversichts-Signal für Spaniens arme, arbeitslose Jugend, die ihre Träume derzeit nur an Motorradrennen und Fußball befestigen kann.

Stichwort Motorrad. Es gibt nur eines, was schöner ist, als recht zu haben: recht zu bekommen. Dieses Feingefühl hat jetzt die Pro-Bike-Fraktion der Autorevue. Speziell seit Audi die Edelschmiede Ducati kaufte. Der VW-Konzern sieht Auto & Bike als sinnvolle Einheit, wie zuvor schon Honda, BMW, ­Suzuki und KTM.

Nach dem Audi-Coup verstummt das Gerücht nicht, ­Mercedes habe die Ikone Guzzi im Visier. Wäre trotz Mercedes-­Dementi kein Wunder. Moto Guzzi ist eine Märchenmarke. ­Erstens ein musikalischer, historisch aufgeladener Name, der die unternehmerische Größe überschallt. Zweitens ist Guzzi, was Mercedes reizen könnte, „die klassische BMW von Italien“: längs eingebauter Zweizylinder mit Kardan-Antrieb. Der neue Kardan mit Momentabstützung gilt als vorbildlich, der neue Vierventil-1200-V2 mit 105 PS und 113 Nm als zeitgerecht. Nachteil der Guzzis: tendenziell hohes Gewicht. Vorteil: hohe Sinnlichkeit, addiert aus Exklusivität, lateinischer Schönheit und berückendem Sound.

Ob die beiden erdfernen Embleme – Adler und Stern – zusammenwachsen, ist ungewiss. Zumal derzeit jeder Auto-Hersteller mit jeder Bike-Firma spekulativ kombiniert wird. Sicherheitshalber habe ich aber die Moto Guzzi Bellagio als Test­exemplar angefordert. Sie ist das geometrische Mittel aller Modelle aus Mandello del Lario. Die einzige Guzzi mit 900 ccm.

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