Elmex Sensitive
 

Wanderbrief Oktober 2011

Ein Brief aus dem Hotel Sacher in Wien und dem Edel-Restaurant Goldenes Bründl im Weinviertel.

27.10.2011 Autorevue Magazin

Eben noch hatte mich ein Alptraum in den Krallen, eine Mischung ungustiöser Schwarzweiß-Grafiken von Goya und Kubin, eingebettet in den beklemmenden Schwarzweißfilm „Letztes Jahr in Marienbad“. Doch siehe, keine fünf Minuten später finde ich mich springlebendig in einem naiv-bunten Bild von Rousseau wieder. Der Fahrtwind bläht die Nüstern, ich grüße die Schafgarbe am Wegesrand, applaudiere dem Tschilpen der Spatzen, als wäre es Gesang, und schicke jedem entgegenkommenden Weib das Kusshändchen.

Es ist uns ein Auto geschenkt, das in neuer Weltrekordzeit aus tödlichem Schlaf ins trillernde Leben führt. Der Sprung in die Bermudas, ins Leiberl und in die Sandalen, elektrischer Blitz-Zahnputz und die neun Sekunden, die das Stoffdach braucht, um sich aufzufalten und niederzulegen, und schon sträubt sich das locker geordnete Lockenhaar im Sturm von 100 Stunden­kilometern.

Keine fünf Minuten dauert dies alles miteinander. Da finden selbst die ein bissl faden 12 Sekunden von 0–100 noch Platz, die der brave Common-Rail-Vierzylinder braucht, der 105 PS aus 1600 Kubik kitzelt. Er nimmt dafür im MVEG-Zyklus auch nur 4,4 Liter. Das entschädigt für die Entschleunigung, die beim ­Offenfahren sowieso nicht verkehrt ist. Außerdem gibt’s dieses ­Cabrio auch mit einem 2,0-TSI-Benziner, der per 210 PS die ­Sache in 7 Sekunden erledigt und dir mit offenen 230 km/h die letzten Federn vom Skalp rupft.

Diese Daten reichen meinen klugen Leserinnen und schönen Lesern, um zu wissen, worum es geht. Ums neue Golf Cabrio, das ich zum neuen Ur-Meter für aktives Erwachen erhebe. Das hat nur am Rande mit der Rekordzeit fürs elektrische Abwerfen der Stoffdachs zu tun, sondern mit der sorglosen Unbekümmertheit, mit der du dich ins Auto wirfst und einfach losfährst, ohne an irgendwas denken zu müssen – ein ideales Biotop für Leute wie unsereins, die ungern denken.

Lamborghini Murcielago

Als dialektische Antithese dieses Vorzugs nenne ich den ­offenen Murciélago, von Lamborghini nach spanischen Kampfstieren benannt. Ich hatte ihn herzlich gern und rufe ihm ein ­respektvolles „Adios, señor“ nach, denn ausgerechnet jetzt, da ich nach Jahren lernte, ihn korrekt auszusprechen, mit gespucktem „c“ und Betonung aufs „e“, hat man einen Nachfolger ernannt. Ehe ich mit diesem Stier auf die Straße und in Fahrt kam, vergingen Stunden einer geistigen Zurüstung und meditativen Wappnung, um endlich entspannt mit zirka 2000 PS und zwei Meter Breite umzugehen.

Beim Golf Cabrio steigst du in einen Golf ein, in eine seit Jahrzehnten perfektionierte Normhöhle. Auch die Armaturenlandschaft kennt man. Man hätte sie vielleicht gern kecker, irgendwie offen-sonniger, aber dann wären sich wahrscheinlich die 27 Kilo-Flocken nicht ausgegangen, ein fairer Preis für ­germanische Qualität, erstaunlich kommode Viersitzigkeit und hohen Werterhalt.

Letzterer ist gesichert. Dieses Cabrio ist auch ein Ur-Meter für gefällige Schlichtheit, die sich optisch nicht abnützen wird, vergleichbar dem letzten Stoffdach-SL von Daimler-Designer Sacco, der das „reduce to the max“ auf die Spitze trieb. Hier wie dort gellten die Design-Studios von den Schmerzschreien junger Designer wider, die sich gern mit spannenden Details verewigt hätten, aber immer eins auf die Finger kriegten.

Früher Morgen also. Das Weinviertel eine Rousseau-Leinwand, ich praktisch ein Franz v. Assisi, ganz eins mit der Schöpfung, den Tieren der Weinfelder, Wälder und Haine, bald ­pfeifend im Himalaya der Leiser Berge unterwegs, vom fast 400 Meter hohen Buschberg auf adrette tschechische Atom­meiler blickend, die in der vom Nachtregen gereinigten Luft in der Ferne zu sehen sind.

Die Gangart im 105-PS-Diesel entspricht dem, was man beim Motorrad „Cruisen“ nennt, vielleicht auch dem Charakter der Wanderungen des Joseph v. Eichendorff, der im Weinviertel sein beschaulich-witziges Buch „Aus dem Leben eines Taugenichts“ schrieb. Die Schrittweite steuere ich manuell in fünf Gängen, ein Selbstzünder braucht nicht mehr.

Die Fahrt kriegt etwas Mantrisches, einen Flow, der meine verklumpten Moleküle löst und stromlinienförmig formatiert. Und darf ich was sagen? Wenn du übermütig wirst und mit der Mörderdrehzahl von 4400 im niedrigen Gang eine der verblüffend auftauchenden, größenwahnsinnigen Serpentinen nahe Niederhollabrunn begehst, die sich einkringeln wie der Magennerv nach dem Schilcher, kannst du trotzdem die Engel singen hören. Vor dem Abflug bewahrten mich diverse, optionale „Technik-­Pakete“, die mit „Komfort-Paketen“ den Preis auf knapp unter 30 Kilo heben. Sie wurden von der Porsche-Holding extra für ­Österreich geschnürt und knapp kalkuliert, highly recommended.

Elmex Sensitive

Überlebte Fast-Abflüge schärfen den Geruchssinn. Unverzüglich roch ich die widerliche Frische meiner türkisen Elmex-Zahnpasta. Ich verwende sie, weil sie doppelt so teuer ist wie ­andere und weil mein Zahnarzt sagte, sie verhindere bis zum Hunderter, dass dir in einem Morgan Roadster die Einser aus dem Oberkiefer fallen. Es war Zeit fürs Durchatmen und Frühstücken, also den köstlichen, ersten Tschick des Tages. Dem Cop, der das neue VW Cabrio besichtigte, es war sein erstes, sagte ich mein monatliches Dankgedicht für die Freunde und Helfer auf, natürlich von Eichendorff:

Mir ist, als müsst ich singen
So recht aus tiefster Lust
Von wunderbaren Dingen
Was niemand sonst bewusst

Schwere Kost irgendwie, aber man ist der Gegend verpflichtet, durch die man fährt.

Ich bin nicht blind dafür, dass es an verhangenen Tagen auch Verlötete gibt, die Freude machen, zuweilen viel Freude um überraschend wenig Geld. Ich weiß schon, dass es diesen Begriff heute eigentlich nimmer gibt. Aber mir fiel mindestens das Wort „enorm preiswert“ ein, wann immer ich eine der prächtigen Sport-Editionen von Ford fuhr. Unvergesslich etwa der orange Ford ST, den ich von Lech aus über den Arlberg erlebte. In ­meinem Wahn fühlte ich mich selbst-aktiv an glücklich-furchterregende Fahrten erinnert, die mir die Freunde Wittmann und Stohl auf Mitsubishi Evo in den Wäldern rund um Wittmanns prächtiges Golf-Areal boten.

Beinah noch mehr Freude, weil zärtlich der Jugend zugewandt, machte zuletzt der Ford Fiesta Sport Plus. Erstens schaut er affengeil aus. Er bietet, was je jünger, je wichtiger ist, ein ­magnetisches Aufregerpotenzial wie ein zehnmal so teurer Ferrari, in toll abgemischtem Ford-Blau mit weißen Streifen. Zweitens bietet er um den Billapreis unter 20 Kilo (also 19.990 Euro) ein rasantes Leichtgewicht mit 134 PS und einem leistbaren ­Autorevue-Testverbrauch von nur sieben Litern selbst bei voller Nutzung der Heilkräfte des 1,6-Liter-Saugers mit variabler Ventilsteuerung. Damit das Projekt „Jugend forscht“ und „Waldeck forscht“ nicht bös ausgeht, ist das straffe Fahrwerk noch schneller als der Murl und greift im Ernstfall lehrerhaft elektronisch ein. Nicht zuletzt diesen Modellen verdankt Ford bis heute seinen Spitzen-Sympathiewert unter den US-stämmigen Marken.
Als Open-Air-Freak hofft man, dass Ford wieder mal ein Kompakt-Cabrio versucht, das eher die sportlichen Gene der Marke aufgreift. Der erfolglose Ka-Roadster war entzückend, aber artfremd auf lieb getrimmt. Wirklich wild ist auch der ­Focus CC nicht. Gleichwohl verdiente er mehr Marketing-­Support, da er innerhalb der Klappdach-Fraktion zu den Attraktiveren zählt und mit dem größten Kofferraum punktet.

Honda VFR 1200

Man feiert, wenn ich es richtig verstanden habe, 50 Jahre Honda im deutschsprachigen Raum. Ich habe dies in frommer Stille nachvollzogen. Bei Autos in respektvoller Erinnerung an sagenhafte, hoch-individuelle Roadsters wie den Zwerg S-800 und den „Drehzahlkönig“ Honda S-2000.

Bei Bikes testete ich mich durch alles, was den Flügel trug, darunter viele Innovationen. Ich suchte nach dem gemeinsamen Nenner. Ich fand drei Schlüsselworte. Erstens: SILKY, also das gewisse seidige Etwas, das alle Hondas in Verarbeitung und Haptik auszeichnet. Zweitens: TECHNIKSTREBER, der weltgrößte Zweiradhersteller hat immer noch den Ehrgeiz eines Musterschülers, der bei Innovationen summa cum laudae anstrebt, darstellbar u. v. a. am Airbag der Goldwing oder der Automatik und doppelschaligen Windführung des Kardan-Sporttourers VFR 1200 F. Drittens: UNKAPUTTBAR, selbst Ei-frische Produkte wie der Crossrunner oder der Groß-Roller SW-T600 ABS wirken vollreif und unverletzlich. So machen Jubiläen Sinn.

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