waldecks wanderbrief november 2013 lamborghini 350 gt
Phils Lamborghini-Kenntnisse fingen mit Sitzproben in den ältesten Lambos an, im 350 und 400 GT.
 

Wanderbrief November 2013

Mein heutiger Brief von der „Titanic“ und aus „Casablanca“ und dem unauffindbaren Gourmet-Tipp „Goldenes Bründl“ nahe Korneuburg im Weinviertel ist ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

29.12.2013 Autorevue Magazin

Wir Männer sind stark. Besonders alle Auto­revue-Männer, Leser wie Schreiber. Komisch nur, dass wir öfter heulen als die angeblich empfindsamen Weiber. Im Schutz der Kino-­Finsternis sind wir waschelnass, wenn Rick in Casablanca vom „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ spricht. Oder wenn die Titanic untergeht. Oder wenn wir im wahren Leben den ganz großen Abschied nehmen: die letzte Ausfahrt im ersten eigenen Auto. Mein Renault 4CV war damals eine Badewanne voll Salzwasser. Ich werde als Heul-Suse allerdings vom Neffen Robert übertroffen.

Seine Sentimentalität fällt besonders auf, weil sie im Kontrast zu seiner Selbstdarstellung steht. Er liebt die schwachsinnigsten Macho-Sprüche („Wer später bremst, ist länger schnell“). Doch wenn er seine japanischen Supersportler à la Yamaha R1 und Honda Fire­blade mittels Brandrodung der Höllentalwälder verschrottet, was oft nur einmal pro Jahr vorkommt, wird’s für die Familie peinlich.

Ich leide unter der Phantasie seiner geschluchzten Ausreden.

Meist hat Robert einem „Schwachsinnigen“ durch sein Ausweichmanöver das Leben gerettet. Einmal war’s eine gerissene Kette, einmal sogar ein Kolbenreiber, der mit den Zweitaktern praktisch ausgestorben war. Unter dem „Ölfilm-Riss“ (Robert) vermutete ich eher einen Filmriss im Hirn. Die Sabine, seine Holde, ist noch schlimmer dran als ich. Sie weiß dann, dass sie wieder wochenlang einen Rambo im Bett hat, den sie in den Schlaf singen und windeln muss. Er wird erst wieder trocken, wenn die neue Maschine im Hof steht.

waldecks wanderbrief november 2013 lamborghini miura

Den Miura fuhr er bei der Ennstal.

Ich erzähle das, weil ich gerade verdächtig oft meine Hartlauer-Sportbrille reinige, und gleich auch die Augen. Ich stehe vor dem unauffindbaren Gourmet-Geheimtipp „Goldenes Bründl“ nahe Korneuburg, wo ich Gleichgesinnte weiß. Wahrscheinlich zum letzten Mal bin ich im Lamborghini Gallardo Spyder unterwegs, dem so genannten „Baby-Lambo“. Er ist mir ans Herz gewachsen. In den zehn Jahren seiner Bauzeit hat er mir zehnmal Freude gemacht. Die Einzel-Freuden zähle ich auf, ohne sie zu werten. Sie stehen alle im gleichen Rang.

Erstens: Die Wochen mit dem Gallardo waren immer von Heiterkeit überwölbt.

Er nahm selbst den Montagen die Verdrießlichkeit. Man sah ihn gern von schräg oben im Vorgarten stehen, flach eingeduckt in den Rasen, von den englischen ­Heckenrosen („Ah, ein Italiener!“) beschützend eingefasst, schön, avantgardistisch – und merkwürdig solide, wie in einer Silvesternacht aus Blei gegossen.

Diese Aura trügt nicht. Er ­verbindet die einst weit entfernten Begriffe Solidität und Italo-Technik. Er ist im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, wie wir VW-Audi nach dem ­Erwerb von Lamborghini und nun auch Ducati nennen wollen, ein funkelnder Schmuck.

Zweitens: Dem enthusiastischen Publikum mache ich mich gern als Besitzer des Gallardo kenntlich.

Das Wort „Tester“ törnt sie ab. Es nimmt ihnen die Freude, ein Glückskind berühren zu dürfen, das täglich (Daten des Spitzenmodells LP 570-4 Spyder Performante) einen 5200-Kubik-V10 mit 570 PS auf ca. 325 km/h v-max treten darf, 0–100 km/h in zirka 3,9 Sekunden. Auch wird oft als Gottesurteil aufgefasst, dass einer sich die 270 Kilo-Euronen (oder die 195 Kilo fürs Basis-Coupé) leisten kann. So einem Glückskind sieht man auch nach, dass es sich beim Aussteigen über den Gehsteig abwälzt, wie dies am Anfang ­meine Art war. Heute, nach zehn Jahren keineswegs gelenkiger, aber aller Tricks kundig, betrete und verlasse ich den Gallardo mit der Eleganz eines Clint Eastwood in der Schwingtür des Tombstone-City-­Saloons.

waldecks wanderbrief november 2013 lamborghini gallardo spyder

Den Gallardo Spyder testete er in allen zehn Jahren seiner Existenz mit wachsender Liebe. Nun, da er endlich elegant ein- und aussteigen kann, erwartet er bang dessen Nachfolger Cabrera.

Drittens: der Sound.

Korrekter: die Sounds. Es gab da viel zu genießen und Neues zu lernen. Zunächst der Kaltstart. Beim ersten Mal drückte ich gleich wieder den Start-Stopp-Button und schlich gebückt davon. Der Gallardo hatte nicht nur die Nachbarn geweckt, sondern die vier Kilometer entfernte Bezirkskreisstadt. Früher ­bemühte man sich um niedrige Startdrehzahl zur Schonung des kalten Aggregats. Heute, im Zeitalter der Nyasil-Beschichtung, schickt man die Kolben notfalls trocken auf die Reise. Wichtiger ist schnelle Erhitzung von Wasser und Öl. Der Gallardo hebt also gleich mächtig an, zirka „Zarathustra“ von Richard Strauss.

Nächstes Sound-Kapitel: das automatische Zwischengas beim kupplungsfreien Runterschalten per Flappe. Heute keine Rarität mehr, aber im ersten Jahr dieser Innovation ein Schrecken: viel brutaleres Zwischengas, als man selber immer in manuellen und peduellen Roadsters gegeben hatte. Dank Gallardo begriff ich nun, warum die Synchronringe meiner Oldies wie Triumph-TR und Jaguar-E gekratzt hatten. Es lag nicht am Alter der Boliden, sondern an meinem viel zu gefühlvollen Zwischengas, das nie ein machtvoller Zorro-Hieb, sondern immer ein Zirpen war.

Fehlt noch der Fahr-Sound. Was soll ich sagen? Er hält alles an reizvoll-schmutzig, was die Zündfolge eines Zehnzylinders verspricht. Ist anderseits sozial-verträglich, wenn du abends als müder, braver Bürger die korrekten 130 Autobahn-km/h im höchsten Gang fährst. Dann sind die tiefen Frequenzen angenehm. Dein Denkerhaupt wird im offenen Spyder vom Fahrtwind umspielt und du löst wie nix alle großen Fragen.

Auch die Erinnerungen treten scharf hervor.

Zum Beispiel an die Ennstal-Classic-Rallye, die meine Liebe zu Lamborghini begründete. Dort war mir eine Sitzprobe in den ersten Lambos 350 GT und 400 GT (1963 bis ’68) vergönnt. Den legendären ­Miura (1966–1973) fuhr ich selbst, als Günstling der Ennstal-­Könige Zwickl & Glöckner, in perfektem Museumszustand. Der Miura war einst mit 350-385 PS und 290–300 km/h der Ferrari-Schreck. Co-Pilot Peter Allmayer-Beck und ich saßen schief und unbequem in einer verlöteten Sauna, waren dennoch beglückt. Erstens wegen der abenteuerlichen Kraftentfaltung. Zweitens kannten wir den Marktpreis. Schon für Zustand 2 (gut, aber nicht Museum oder Concours d’Elegance) rund 400.000 Euronen.

Im Ennstal-Classic-Zentrum Gröbming, inmitten der anfangs irritierten Polizisten, trug ich einst mein erstes Gedicht an die Freunde und Helfer vor, schon damals aus den Werken von Robert Gernhardt:
Dichter Dorlamm stiftet einen Bund
Zwischen sich und seines Nachbarn Hund.
Einen Bund, der ungefähr besagt,
dass ein jeder tut, was ihm behagt.

Gestern lief der frühe Alain-Delon-Film „Oktober in Rimini“ im Fernsehen. Zwei der Hauptdarsteller: ein „Gangster-­Citroën“ 11 CV Traction Avant und ein roter Lambo Miura. ­Sobald dieser ins Bild kam, gab ich meiner Liebsten sachdienliche Hinweise. Das hat sie sicher genossen.

Was ich ihr bis heute nicht sagen kann:

Warum Traktor-­Fabrikant Ferruccio Lamborghini ab 1962 auch Supersport­wagen baute und welche Rolle dabei sein Hass auf Enzo Ferrari spielte. Es gibt dafür vier Theorien. Man kann sie in der Fach­literatur nachlesen. Ich glaube an eine fünfte: Sie ritterten als Nachbarn um die gleiche Nachbarin.

waldecks wanderbrief november 2013 bmw f 800 gt

Wie schnell sich auch bei Bikes die Zeiten ändern. Das gestern noch gelobte Mittelklasse-Touring-Bike BMW F 800 ST weicht der dramatisch besseren BMW F 800 GT, die selbst mächtigeren Reisemaschinen Konkurrenz macht.

Erlkönig-Jäger sagen, der Nachfolger Cabrera bewahre alles Schöne des Gallardo.

Gott befohlen. Dann besuche ich den deutschen Manager in St. Agata mit Blumen. Der neue Name ist freilich nicht zeitgemäßer als der alte. Er bezeichnet wie viele Lambo-Namen einen tapferen Kampfstier. Was freilich zum dynamischen Stier im Lamborghini-Wappen passt. Gegen diesen wirkt der Hengst im ­gelben Ferrari-Grund wie ein apportierender Lipizzaner.

Kleiner Geh-Gips nach Trial-Trials, also keine Bikes unterm Hintern. Aber eine nachgeholte Erinnerung an zwei klasse Test-Zweiräder.

Der Scooter X-Max 400 von Yamaha ist der aktuelle kleine Bruder des Bestsellers T-Max 500, der als bike-ähnlichster Roller in den Scooter-Ländern Italien und Frankreich 180.000 Mal ­verkauft wurde. Der X-Max 400 greift wesentliche Talente des Bruders auf, unterläuft aber mit 5.999 Euro dessen unzeitgemäßen Hochpreis.

waldecks wanderbrief november 2013 yamaha x max 400

Und bei Scooters stärkt der frische Yamaha X-Max 400 dem teuren Bestseller T-Max 500 den Rücken.

BMW, in den großen Elite-Klassen gut aufgestellt, hat im Jahr 2006 auch auf die Vernunftklasse 800 ccm gesetzt. Mit einem ­österreichischen Reihen-Zweizylinder der Genies von „Rotax“ (BRP-Powertrain) in Gunskirchen, die dafür das Massenausgleichs-Pleuel erfanden. Der Tourer F 800 ST wich nun dem dreidimensional verbesserten F 800 GT. Stärker (jetzt 90 PS) und stabiler und wendiger, mit gutem Wetterschutz und Koffer-System und wartungsfreiem Riemen-Antrieb. Die verehrte Kollegin Eva Breutel, Italien-Korrespondentin der größten Fachzeitschrift Motorrad, sieht die handliche F 800 GT sogar als Alpen-Master vor den größeren Bikes. Preis in Österreich: 11.800 Euro.

Mehr zum Thema
pixel