Phil Waldeck Wanderbrief November 2010
Der Citroën DS3 verhält sich zum Mini ein wenig so wie ein Hund zu seinem Herrl, im Lauf der Jahre.
 

Wanderbrief November 2010

Der Mensch ist gar nicht gut. Drum hau ihm auf den Hut. Hast du ihm auf den Hut gehaun, dann wird er vielleicht gut.

27.04.2011 Autorevue Magazin

Alte Herren werden ihren Hunden immer ähnlicher – und umgekehrt. Irgendwann spricht der Hund deutsch und das Herrl bellt, und einer von beiden hinkt künstlich, je nachdem, wessen Hüfte zuerst steif wurde. So ähnlich kennen wir das auch von Medien und ihren Lesern. Oft greifen normale, reinliche, geistig hochwertige Menschen zufällig – gewissermaßen irrtümlich – zur Autorevue. Und siehe, bald danach haben sie einen Hieb, Castrol unter den Fingernägeln und Fliegen zwischen den Zähnen, bei gleichzeitig gelifteter Kreativität.

Nehmen wir beispielsweise den Franz Schwarz. Er wohnt „in der Nähe der Weinakrobaten Wohlmuth, Tement und Polz“, wie er schreibt, in der Südsteiermark also, wo der Mensch auch ohne Hund bellt. Er wandelte einen Waldeck-Wanderbrief zum ­Cartoon um, in feiner, farbiger Bleistifttechnik. Er wählte einen Wanderbrief, der vom Audi R8 Spyder in Villach erzählt. Mit ­einem lebenslustigen Greis auf dem Beifahrersitz röhrte ich damals im ersten Gang durch die Stadt. Wir schauten in den Himmel hinein, also unter die Röcke der feschen Villacher Weiber. Oder wir schauten von unten auf die anderen herab, was die Existenzgrundlage jedes Sportwagens ist. Dem Franz vorerst herzlichen Dank. Ich werde mich melden, sobald ich endlich bei meinem Freund Manfred Tement einkehre.

Ich mag Tement, seit ich Juror der legendären Weinverkostung der „Kleinen Zeitung“ im Steirereck auf dem Pogusch bin. Oft nächtige ich danach in der „Rehleinhütte“ der Reitbauer-Wirtsleute. Von der Terrasse der Rehleinhütte brandet ein ewiger steirischer Wald zum Horizont, von British-Racing-Green ins Hellblaue wechselnd, am Ende nahtlos in den Himmel laviert. Ein Gemälde von Caspar David Friedrich. Die Hütte selbst ist infam perfekt in ihrer Schein-Schlichtheit. Auch hier die übliche Reitbauer-Perfektion, von den authentischen Materialien bis zur Nespresso-Maschine, die selbst ich pilotieren kann.

Nun habe ich die Wahl zweier extra-vifer Brüder aus dem französischen PSA-Programm: Sportcoupé Peugeot RCZ und Citroën DS3. Ich reihe den DS3 nach vorne, weil er ab 16.000 Euro als Weihnachtsgeschenk für die Erbtante oder dich selbst eher leistbar ist.

Phil Waldeck Wanderbrief November 2010

Der DS3 übertrifft die Design-Philosophie seiner Markenbrüder, anders zu sein als die anderen, ins Waghalsige. Er schließt an die Zeit höchster Citroën-Originalität an, die in der Groß­limousine DS 19/21/23 ihren Gipfel erreichte. Er ist aber keine Präsidenten-Limo für De Gaulle, sondern ein gewitzter Kompaktwagen. Sein Name ist also korrekt und maßstabsgerecht. Das wesentliche Designmerkmal des DS3 ist die halbhoch gehisste, kecke Fahne der B-Säule, ferner die „goscherte Gosch’n,“ wie Wiener sagen würden, und die ganzheitlich freche Anmutung bis zum klassen, farbig lackierten Armaturenbrett. In Summe: Pure Lebensfreude. Eine räumliche Darstellung des Satzes „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.“ Nur Entmenschte werden diesen Design-Effekt mit langweiligen Lacken dämpfen. Ich liebte mein sonnengelbes Test-Exemplar mit schwarzem Dach. Es machte das herbstliche Weinviertel zur Provence im Frühling.

Wie gut das Design-Experiment gelang, sah ich gestern, als ich meinen Lieblings-Fotografen René Prohaska traf. Er fährt einen roten Mini, gleichfalls mit schwarzem Dach. Das glücklich schauende Volk wechselte unschlüssig von seinem Auto zu meinem. Was so viel heißt wie: Der DS3 ist ein Appeal-Konkurrent für den äußerst geglückten Mini. Ein Ziel, das ambitionierte, betont preiswerte Konkurrenten wie Suzuki Swift, Kia Picanto und Skoda Fabia nie ganz erreichten.

Wenn es um Preis-Leistung geht, hat der verlötete DS3 den Mini gut im Griff. Sein kleinerer Preis (bei nie ganz vergleichbarer, ähnlicher Ausstattung) wiegt das Prestige-Plus des „Mini by BMW“ auf. Nur bietet jener Mini auch ein fantastisches Full-Open-Air-Cabrio, der DS3 nicht. Wer aber eh nicht offen fahren will, hat nun eine Option mehr. Er möge die Empfehlung ernst nehmen, rund 5000 Euro auf die Benziner-Basisversion (16.000 Euro) draufzulegen. Dann erlebt er ein vollflinkes Vergnügen. Mein 1600-ccm-16-Ventiler THP 150 „Sport Chic“ Modell mit sechs Gängen und 156 PS spielte sich mit dem Seifenkistlgewicht von 1165 Kilo: 0–100 km/h = 7, 0–400 m = 15, 0–1000 m = 28 Sekunden, v-max = 215 km/h. Man nimmt dafür im Normmittel 6,7 Liter und gibt 155 Gramm CO2 auf 100 Kilometer. Mancher mag gerne hören, dass es auch einen Citroën DS3 mit dem merkwürdigen Namen „HDi 90 99g“ und 5-Gang gibt. Dreimal darfst du raten: 99 Gramm CO2, 3,8 Liter, 0–100 = 11,5, v-max = 180.

Citroën sollte dem liebenswürdigen und merkwürdigen, ­bisher einzig offenen Citroën, dem C3 Pluriel, auch ein DS3-­Cabrio zur Seite stellen, oder wenigstens einen Dreiviertel­offenen wie den Fiat 500 C, der mit einem smarten Sardinen­dosendach reüssiert. Dies wäre schon deshalb empfehlenswert, weil der DS3 die erste Zitrone ist, die emotional an den legendären, fünfsechsteloffenen 2 CV heranreicht.

Peter Huber, Österreichs „Mr. Kawasaki“, nützte ein Privileg. Er darf sich Frechheiten erlauben. Wir sind seit Hochschultagen befreundet. Er stellte im strömenden Regen die neue Kawa Z 1000 vor meine Tür. Sein Motto: „Phil nimmt sie auch dann, wenn es wochenlang schifft und der Eisbär steppt.“ Die zweite Frechheit war die spezielle Optik meines Testgeräts.

Zunächst: Die neue Z 1000 ist zirka doppelt so gut wie die vorherige, ein endgültig exzellentes „Naked Big Bike“, der Motor eine hochmoderne Wuchtbrumme mit 138-PS-Bums (110 Nm). Sie ist in Fahrleistung, Verbrauch und Preis (ab 12.999 Euronen) auf der jeweils beliebteren Seite, fährt sich leicht & lustvoll, mit sportlich-spät reagierendem ABS auch äußerst sicher. Sie wird von ihren zahlreichen Fans (einer davon mein Neffe Robert) nicht zuletzt wegen der Optik geliebt. Sie ist auf böse, fast teuflische Weise fesch, sofern sie normal lackiert ist, beispielsweise rot-weiß.

Wie aber sah mein Satan aus? Wie der feuchte Traum von ­Lilioms und jungen Vorstadtbuben. Goldene und kupferfarbene Teile (u. a. Auspuff-Cover, Auslassrohrgeflecht) trafen mit komplementärer Wucht auf einen Lack, der im Farbkreis vis-à-vis liegt, also viel Violett, je nach Lichteinfall ins Aubergine changierend, wie wir es von Schmeißfliegenflügeln kennen, die im Sonnenlicht auf der Kuhkacke schwirren. Der Sattel bot Schmäh ­ohne den schwarzweißen Schlangenlederlook. Die Folgen waren absehbar. Fremde Gentlemen wälzten sich winselnd in Regenpfützen und wiesen mit dem Finger auf mich. Moped-Maurerlehrlinge sogen mächtig an filterlosen Tschicks und beneideten mich rotwangig ums schönste Bike der Welt. Der Bulle, dem ich zwischen Tulln und Riederberg trotz Regens zu resch unterwegs war, ließ mich nach einem Blick auf die Schlangenhaut mitleidig ziehen. Er erntete logisch mein monatliches Dankgedicht an die Freunde und Helfer, diesmal von Bertold Brecht:

Der Mensch ist gar nicht gut
Drum hau ihm auf den Hut.
Hast du ihm auf den Hut gehaun
Dann wird er vielleicht gut.

Ich dachte dabei an Mr. Kawasaki-Austria, den boshaften Freund. Er wusste, was er tat. Er kennt meine Sensibilität. Er kennt meine Geschmacksreife. Er weiß, wie leicht ich mich geniere. Ich revanchiere mich nicht mit einem Schlag auf den Hut, sondern mit netten Worten, um ihn zu beschämen. Ich rufe in Erinnerung, dass Peter Huber (wie auch sein Bruder und Formel-Vau-Europameister Günther) ein Weltklassefahrer war. Mit seinem Ex-Partner Erich Glavitza besorgte er die Motor-Stunts von James-Bond-Filmen.

So wie Peter war auch Erich immer hochinteressant. Er fuhr zeitweise Profi-Motocross, wurde später achtbarer Philosoph und Hai-Forscher und ist Held meiner liebsten Rallye-Geschichte. Um sich am Vorabend der Selbstmörder-1000-Seen-Rallye zu entspannen, lud er im Hotel eine Finnin zum Tanz. Das gilt in Finnland, dem Land der bewegungslosen Trinker, als Maximum männlichen Temperaments. Fünf Finninnen hieben demgemäß mit Äxten auf Erich Glavitzas Hotelzimmertür ein, um ihn ­sexuell zu verwerten. Er konnte den Angriff abwehren, fuhr aber anderntags in der ersten Kurve geradeaus.

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