Phil Waldeck Wanderbrief Helmut Gansterer März 2013
Phil schätzt, dass der Phaeton die Manieren seiner Piloten drastisch verbessert.
 

Wanderbrief März 2013

Ein Brief aus dem Raucher-„Rendezvous“ des Hotel Sacher in Wien und dem Hotel Russischer Hof in Weimar.

02.04.2013 Autorevue Magazin

Ob ich eigentlich immer gut aufgelegt sei, fragte die TV-Journalistin. Ich verneinte: „Da müsste man ja ein Trottel sein.“ Es gebe sogar einiges, was mich täglich nerve. „Frauen?“ fragte die Kollegin. „Auch“, sagte ich, „das gilt aber nur für Society-Hohlköpfe, also Blondinen mit hohem arbeitslosen Einkommen.“ Daneben ärgere mich jeder Wintertag, und die Möglichkeit, vielleicht doch nicht als Einziger unsterblich zu sein.

Obwohl ich da schon gescheiter wurde. Das sagte ich aber nicht. Ein bissl blöd sein wirkt im Fernsehen oft sympathischer. Tatsächlich begreife ich allmählich, dass ohne Tod das Leben und ohne Winter der Frühling fad wäre. Außerdem lerne ich im Winter oft klasse, verlötete Autos kennen, in die mich zu anderen Jahreszeiten kein Ochse hineinbrächte. Ab April müssen die Roadsters und Cabrios her, sonst ersticke ich.

Zu meinem Dauer-Darling gegen die Schrecken des Eises und der Finsternis wurde der VW Phaeton. Eine vornehme Allrad-Großlimousine, die man ungern nur „Auto“ nennen würde. Auch vornehm produziert, in einer „gläsernen Manufaktur“ zu Dresden. Die Motoren, selbst die sparsamen Varianten, sind mächtig andrückende Vollblüter.

Vollends faszinierend das Interieur. Als Porsche-Evangelist wittere ich eine gewisse Quer-Verwandtschaft: clean, luftig, ­aufgeräumt, angenehm straff. Kein kuschelweich schwellender ­Luxus mit Spitzendeckchen für Haremsdamen. Die Lederverarbeitung, begünstigt durch die familiäre Nähe zu Bentley, ist mindestens unübertroffen, wahrscheinlich die beste des Marktes. Insgesamt ist der Innenraum von einer Klasse und Klarheit, die automatisch zur Reinheit des Denkens beiträgt. Das können sonst nur die Mönchszellen des Stiftes Melk, die aber in puncto Geschwindigkeit unterlegen sind.

Ich schließe nicht aus, dass der VW Phaeton insgesamt günstig auf die Kultur des Piloten einwirkt. Man badet gern vor dem Einstieg, bürstet die Fingernägel, wählt rahmengenähte Schuhe und Anzüge aus dem besten Stoff. Etwa innerhalb der Boss-­Linie das Spitzenlabel Baldessarini, zumal man für dieses einen smarten Slogan fand, der perfekt auch zum Phaeton passt: „It separates the men from the boys.“ Buben brauchen was zum Angeben. Das geht mit Audi, BMW und Mercedes leichter als mit Volkswagen. Gestandene Männer hingegen sind dem Understatement nicht unhold.

Mindestens zwei Freunde dieser Art haben mir auf Knien für den Phaeton-Tipp gedankt. Der eine ist Michael Aufhauser, ­Herzibinki aller Tiere, die er in Gut Aiderbichl verwöhnt. Spe­ziell bei Events, die der Geldaufbringung für neue, tierische ­Ideen dienen, sagt Michael gern mit listiger Bescheidenheit, er fahre ­einen Volkswagen. Der Zweite ist Hannes Steiner, als Boss des Salzburger Ecowin-Verlags erfolgreich. Er hat persönlich als Verleger und indirekt über seine Bestseller-Autoren mehr „Buchliebling“-Auszeichnungen (Österreichs Leser-Oscar) auf sich versammelt als alle Konkurrenten. Mit einem günstig erworbenen Phaeton in „ladenneuem, von der Manufaktur überprüftem Zustand“ macht er nun seine geschäftlichen Langstreckenfahrten von der Pflicht zur freudvollen Luxus-Kür. In seiner Euphorie über die „Ökonomie des Phaeton“ spricht er gar von einem 8-Liter-Schnitt pro 100 Kilometer, den ich selbst, um es gleich zu gestehen, nie geschafft habe.

Vielleicht wurde ich auch deshalb bei Ybbs per Radar gestoppt. Wie so oft in den letzten Jahren traf ich dabei einen gut geschulten Polizisten an, der mich höflich behandelte und gut wegkommen ließ. Ich dankte mit meinem Monatsgedicht für die Freunde und Helfer. Den Reim entnahm ich den Werken Robert Gernhardts.

Ich weiß nicht, was ich bin.
Ich schreibe das gleich hin.
Da hab’n wir den Salat:
Ich bin ein Literat.

Die Zärtlichkeit meines Phaeton-Urteils wurzelt in einem Event und einer Reise. Der Event: Die Porsche-Holding ­hatte im Salzburger Kongresshaus seine 550 internationalen ­Manager versammelt. VW-Pharao Ferdinand Piëch brachte als Überraschung und Schmuck den damals ersten Phaeton mit. Ich durfte ihn als erster Firmenfremder betreten, weil ich mit dem Festvortrag „Das Auto als Gottesbeweis“ (oder so ähnlich) gedient hatte. So erfühlte ich zunächst die genannten Vorzüge des Phaeton-Interieurs.

Die Bewunderung der Fahrleistungen kam erst Monate später. Da chauffierte ich meine Holde als Künstlerin zu einem Auftritt mit Ästhetik-Professor Bazon Brock nach Weimar. Die Hinfahrt blieb unvergessen. Thüringen und Sachsen lagen zur weißen Märchenlandschaft erstarrt. Eislutscherwälder rings­herum. Die Autobahnen gesprenkelt mit gestrandeten Autos. Der VW Phaeton drückte sich mächtig, satt und lautlos-schnell durch den Schnee. Ich segnete mit leutseligem Winken die ­tapferen Einsatzkräfte, die mit zuckenden Blaulichtern und Gelblichtern unterwegs waren. Der feine Rauch meiner ägyptischen Zigaretten stieg derweil schmal und ungekräuselt hoch. Zugfreie Belüftung und Heizung war auf Piëchs Pflichtenheft für den Phaeton weit oben gestanden. An solche Fahrten denkt man auch Jahre danach gern zurück.

Das Leben lehrt nicht viel. Aber ein bissl was doch. Zum ­Beispiel, dass Regeln, die man sich selbst auferlegt, für den Hugo sind. Es sei denn, man ist Masochist. Dann genießt man, dass sie beim Ansturm der ersten Ausnahme zerbrechen. So meine Regel, eine im Wanderbrief besprochene Automarke im nächsten Wanderbrief nicht zu nennen.

Nach viel Citroën im Februar nun doch noch ein wenig ­Citroën im März. Grund der Ausnahme: Bezauberung durch den plötzlich vor der Tür stehenden C3 Red Block. Ein fesch-­freches Kompaktauto um 21.090 Euro (kein Cent mehr, kein Cent weniger), das die Frauen und Kinder der Familie spontan liebten. Und ich eigentlich auch. Zunächst wegen der zeitgemäßen Daten des Modells eHDi 110 Airdream: Diesel, 112 PS, Sechsgang manuell mit Stop/Start, 3,8 Liter Normverbrauch, 99 Gramm CO2.

Konzept und Optik des Sondermodells kommen aus dem ­Labor kluger französischer Psychologen. Kleine Veränderungen, großer Effekt, quasi die Definition von Quantensprung. Von grauer Maus zu Zaubermaus. Die Maßnahmen wirken einzeln unspektakulär und keineswegs neu. Zum Beispiel: Chassis um 25 mm tiefer gelegt, sportliche Federung, große 17-Zoll-Alu-­Felgen im Templer-Kreuz-Look und mit entzückender, roter Rad­nabenabdeckung. Nur das notwendigste Elektronik-Fett, aber doch dort, wo man es heute nicht mehr missen will (Klima-­Automatik, Park-Sensor hinten, Bluetooth-Freisprech und USB, hintere Fensterheber, Außenspiegel verstellbar, einklappbar, beheizbar). Und eine Außen-Innen-Farbwahl, die endlich wieder eine Absage an die mausgrausilberne Nummer-sicher-Fraktion ist: außen praktisch schimmernd schwarz (Shark Grey Metallic) mit Kontrast-Chromleiste unter den Seitenfenstern, innen rotes Leder, feines Lederlenkrad, Armaturenblende und Mittelkonsole klavierlackschwarz, Einstiegsleiste und Fußstütze echt Alu.

Mein Déjà vu: Mit ähnlichen Farb- & Material-Ingredien­zien gefiel mir ein Morgan Plus 4 erst vor zwei Jahren ganz ­besonders. Und wieder einige Jahre davor ein Jaguar XK 120 auf dem Lido von Venedig, vor dem Hotel Excelsior, wo Luchino Visconti einst (1971) Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ verfilmte, in grandiosen Farben.

Meine Prognose: die fad-vernünftige Farbwelt der Heutigen wird neuen Farbwünschen der Jüngeren weichen. Man wird ­zumindest wieder die Farbphantasie der klassischen englischen Autos ­fordern, die starke Grundfarben boten, aber auch in gemischten Sekundärfarben (Lindgrün, Lichtblau, English White, ­Tangerinrot) und Zweifarblackierung entzückten. Grau kam nicht vor.

Mein Tipp für die Auto-PR-Manager, darunter manche Freunde: Reißt das Ruder herum, ehe es Euch niederreißt. Ihr seid mitschuldig am oft unfrohen, nebeligen Erscheinungsbild des Autos. Selbst Testautos werden von Euch meist mausgrau angeliefert, als Perversion des heutigen Sparzwangs der Auto­hersteller. Wichtig ist nicht, ob das Foto in der Zeitung gut kommt und Begehrlichkeit weckt. Sondern, ob das Testauto noch einen sicheren Käufer findet, der Grau und Dunkelsilber liebt, weil man den Schmutz drauf nicht sieht, und der seinerseits schon im Moment des Kaufs an den Wiederverkauf denkt. Mit Leidenschaft und Freude, die das Auto braucht wie nie zuvor, hat das nichts zu tun. Der logische Endpunkt der heutigen Ödnis wäre der Stealth-Lack: die Unsichtbarkeit. Ihr werdet das klug verhindern. In einer kleinen Nebenrolle auch wir, die Autorevue.

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