Waldeck Gansterer Wanderbrief März 2011
Gut gereist bin ich im BMW X3 als auch im Hyundai i30.
 

Wanderbrief März 2011

Mein heutiger Brief ist aus dem türkischen Kiris-World-Resort und dem Hotel „Dorint am Goethepark“ in Weimar ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

14.05.2011 Autorevue Magazin

Ich sag’s ungern, aber ich bin als Test-Kolumnist untragbar. Mir fehlt als Kritiker das Grant-Gen. Meine Strenge ist ­beklagenswert schlecht entwickelt. Sie liegt auf dem ­Niveau einer fünfzehnjährigen Südsee-Nonne. Umgekehrt ist meine Liebe zu jedem Mobil uferlos, das mich schnell an einsame Orte bringt, weit weg von den Versammlungsorten des Volkes, für die unsere Öffis zuständig sind. Selbst die ärgste Rostschüssel und das hinigste Schrott-Bike habe ich gern. Mir geht es wie André Heller, wenn er über die Weiber singt: „Mir ist keine Einzige zu gut und keine Einzige zu schlecht.“

Gewiss: Die Tage mit Elfer-Cabrios und Baby-Lambo-Spyders sind was Besonderes. Aber wenn es draußen bitterkalt stürmt, halte ich es auch in Verlöteten aus. Und es müssen nicht immer die Premium-Marken sein. Als Beispiele für meine charakterlose Anpassungsfähigkeit nenne ich einige Verlötete, die mir Freundinnen, Wirte und ­Hoteliers borgten, weil mein eleganter Test-Racing-Roadster wieder einmal im Straßengraben lag (mit Spurstangen, die ­ausnahmslos vor dem Graben, nicht erst im Graben gebrochen waren) oder weil meine kompakten Offen-Herzis à la MX-5, Cooper-S-Cabrio, 207cc, Elise, Einser-Cabrio und Boxster gerade beim Service gesäugt und gewindelt wurden.

Besonders viele merkwürdige Leihautos fuhr ich in der ­Frühzeit der angewandten Elektronik, als ausgerechnet die teuersten Manager & Minister-Modelle an den Straßenrändern standen wie gestrandete Wale: Mercedes S-Klasse, Siebener-BMW und Audi A8 keineswegs ausgenommen. Auch mich haben die Hi-Tech-Avantgarde-Autos damals oft im Stich gelassen. Ich nahm dies mit jenem Gleichmut hin, den ich in Tibet gelernt hatte. Ich ließ die teure, tote Karre stehen, wo sie stand, und borgte mir ein x-beliebiges Auto, um mobil zu bleiben.

Ah, es hat gut getan, im geliehenen, uralten Morris Oxford meines guten Lehrers Jens Tschebull an den nominell besten ­Autos des Weltmarkts vorbeizuparadieren, die Fenster weit offen, mit aufmunterndem Zuruf für die unglücklichen Pannenopfer.

Unvergessliche Freude bereitete ein Manager im breiten ­Mafia-Nadelstreif, der durch den unfreiwilligen Stopp buchstäblich wahnsinnig wurde. Dieser Mann war nicht unmollig, sprang aber wie ein Federball aus der rechten, hinteren Tür, prügelte z­uerst den langen Audi, dann wie Louis de Funès seinen hünenhaften Chauffeur, sprang schließlich auf der Straße im Viereck, bot die tatsächlich perfekte Performance eines Tanzes, den man bei Hof „Quadrille“ und im Wilden Westen „Square Dance“ nannte. Außer Atem riss er dann das Handy ans Ohr und japste arme Hotline-Damen in Ingolstadt nieder. Er forderte den unverzüglichen Hubschrauber, drohte mit 13 Anwälten und schrie, er werde vom Bundespräsidenten, damals Klestil, erwartet.

Wenn Schadenfreude ein wichtiger Teil deines Charakters ist, sind dies die Stunden, die dem Leben Sinn und dem Sinn Tiefe verleihen. Ich dankte dem lieben Gott für dieses Geschenk. Der greise Morris wurde zum ladenneuen Rolls-Royce. Sein brüchiges, fleckiges, ursprünglich rattenblutfarbenes Büffelleder wurde zum makellosen, beigen Connolly. Das wie ein Skelett scheppernde Getriebe des alten Engländers wurde zur geschmeidigen Doppelkupplungsautomatik. Der müde 4-Zylinder riss an wie ein Zwölfer. Die graue Schafgarbe am Wegesrand duftete wie ­Jasmin. Selbst jener Gott, den man Karel nennt, drang aus dem Röhren-Radio wie Luciano, José und Placido.

Waldeck Gansterer Wanderbrief März 2011

Zweites Beispiel eines hoch geschätzten Leih-Autos, das sonst nicht auf meiner Test-Liste gestanden wäre: Hyundai i30, ein preiswerter Golf-Konkurrent, der mich rettete.

Dies kam so: Ich war im letzten Hin-Flieger vor dem Aschenwolke-Flugverbot in Bregenz gelandet, wo ich vor Jungunternehmern einen Vortrag hielt: „Die kreative Wirkung klasser Cabrios auf Cash-Flow und Profit“. Da mir kreischende Firmen-Chefinnen Zugaben abverlangten, kam ich für den letzten erlaubten Rück-Flieger zu spät. Die Flugzeuge hockten wie Kettenhunde in den Hangars. Nur Niki Lauda, so sagt man, flog noch persönlich durch die Aschewolke, um den „vollkommenen Schwachsinn“ des Flugverbots zu beweisen. Der Beweis soll gelungen sein. Der Formel & Flieger-Champ habe aus Freude darüber öffentlich mit seinem Co-Piloten getanzt.

Ich musste nach Wien zurück. Eisenbahn kam für den happy smoker nicht in Frage, und alle Leihwagen waren weg. Nur Buchbinder (oft mein Gefährte bei Scheidungs-Umzügen) bot noch einen Transporter und den Hyundai. Darf ich was sagen? Der i30 ist ein ­verdammt gutes Auto. Obgleich ich mit diesem Hyundai einen neuen persönlichen Rekord für Ländle–Schwechat aufstellte, nahm er weniger als sieben Liter auf 100. Er war auch recht komfortabel und bot eine schöne Erinnerung an Korea, als ich auf dem „Berg der tausend Gebete“ stand und auf das ­Hyundai-Werk blickte, das wie ein Ozean in den Horizont lief.

Letztes Beispiel eines ungewöhnlichen Testfahrzeugs: der wunderbare, wenngleich grottenhässliche und namenlose Zweitakter, den mir hier im türkischen Kiris-World-Resort nahe der Kleinstadt Kemer mein Freund Akif borgte. Ich weiß nicht einmal, ob ich von einem aufgefetteten Fahrrad, einem Roller oder Leicht-Bike zu sprechen habe. Ich weiß nur, dass ich mich im Klangbild eines Trabis fortbewegte von den Menschen, durch olfaktorisch köstliche Wolken von Rosmarin, Thymian und Oleander, dorthin, wo es ganz still wurde und „gut nach Schafen roch“, wie Ernst Molden in seiner hinreißenden CD „Ohne di“ singt.

Wieder zurück in beißender Kälte wurde der Rest des ­Monats eine reine und feine BMW-Zeit. Ich freute mich auf X3 und X5, habe ja der SUV-Jammerei hysterischer, unsachverständiger Grüner nie was abgewinnen können. Zwar ist schon richtig, dass du eine mächtige Stirnfläche in den Wind stellst, vergleichbar Gebirgszügen im Moment von Kontinentalverschiebungen. Doch gerade BMW ist schon in der Vor-Hybridzeit gut damit klar gekommen. Mit Efficient Dynamics hat man noch reiche Reserven an rein maschinenbaulichem Energie-Geiz gefunden, und der xDrive ist die vielleicht leichtfüßigste Allradlösung für Straße und nicht-militärisches Gelände.

Ich kann X3 und X5 jetzt besser trennen. Mit beiden fuhr ich nach Weimar und zurück, tour-retour rund 1500 Kilometer. In beiden Fällen war ich von der Malerin Martina Schettina auf ­Knien gebeten worden, ihr universell zu dienen, unter anderem mit Autos, die auch Großformate ihrer Gemälde schluckten, die sie für Kunstprojekte mit Ästhetik-Professor Bazon Brock brauchte.

Da Brock selbst einen BMW X5 fährt, war es ein Sekten-­Geschnatter, als wir im gleichen Auto ankamen. Die bald darauf zweite Ankunft in Weimar, nun im X3, wurde mit neu erwachter Leidenschaft für Sportlichkeit und Wendigkeit begründet.

Das erstklassige Hotel „Dorint am Goethepark“ überzeugte. Ich reihe es vor den „Russischen Hof“, den ich schon kannte. Das Dorint hat genau null Anmutung von Ex-Ostdeutschland. Die Garage verlangt auch dem Autobus X5 keine Lackopfer ab. Die Kunst-Missionen meiner Co-Pilotin waren erfolgreich. Dementsprechend fröhlich und flink die Heimfahrten. Mit ­beiden BMW-SUVs lassen sich die in Tschechien-Nähe besonders toleranten deutschen Autobahnen gut nützen.

Auf freier Strecke mit über 200 km/h unterwegs, wir reden von Winterszeit, hatte am Ende in Wien der Riese X5 zirka ­sieben Minuten auf den X3 gut. Grund: Der X3 kommt zwar schneller in Fahrt und ist wendiger, aber der massige X5 bleibt trägheitsbedingt auch dann in Schwung, wenn der Fahrer verträumt nachlässt. Beide Modelle sind als Reise-Traumautos aufzufassen, zumal alle drei wichtigen Räume großzügig ausfallen: Gepäckraum, Luftraum, Akustikraum. Die CD-Hörbücher ­wurden zum Burgtheatergenuss. Ich wählte zwei Briefwechsel, beide zum Schreien komisch und highly recommended. Erstens Thomas Bernhard und sein Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, gelesen von Simonischek und Voss. Zweitens Marx und Engels, gelesen von Harry Rowohlt und dem Linkspolitiker Gysi.

Der Rest des Winters, ehe die geliebten Offenen wieder in ihre Rechte treten, wird im kleinsten BMW-Allradler wegradiert, dem fast noch frisch geschlüpften Mini Countryman. Bis dann also, next time, same station.

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