Waldeck Wanderbrief Gansterer Mai 2013
Phils geschichtliche Freuden: Old­timer der Daimler-Family.
 

Wanderbrief Mai 2013

Eigentlich bin ich ein armer Hund. Ich wohne nicht  im warmen Nest der Autorevue. Ich vegetiere an der ­Peripherie. Der Status eines Lohnabhängigen mit ­eigenem Knochenteller und Liegedeckchen am ­Kamin wäre für mich ein Aufstieg. Demgemäß stammt der berühmte Satz „It’s very cold outside“ von mir, nicht von Baron Colin Marshall of Knightsbridge, der 1983… Artikel ansehen

05.06.2013 Autorevue Magazin

Eigentlich bin ich ein armer Hund. Ich wohne nicht  im warmen Nest der Autorevue. Ich vegetiere an der ­Peripherie. Der Status eines Lohnabhängigen mit ­eigenem Knochenteller und Liegedeckchen am ­Kamin wäre für mich ein Aufstieg.

Demgemäß stammt der berühmte Satz „It’s very cold outside“ von mir, nicht von Baron Colin Marshall of Knightsbridge, der 1983 von Lord King of Wartnaby zum CEO von British Airways berufen wurde, um die Airline aus der Kuscheligkeit der Verstaatlichten in die Eiseskälte der Privatwirtschaft zu überführen.

Sir Colin hörte den Satz von mir, als wir einander beim Interview wärmten. Der Ort dafür war schwachsinnig gewählt. Die old-british-cream belederte und schneeweiß lackierte Bar des Savoy friert dein Blut extra ein. Andernfalls wären wir nie auf die Idee gekommen, mit Hektolitern von Portwein und Single Malt gegenzusteuern. Später, dann schon als „Weltmeister der Privatisierung“, hat Mister Marshall so oft „It’s very cold outside“ gesagt, ohne die Quelle zu nennen, dass er heute als Erfinder dieses Aufschreis gilt.

Ich bin ihm nicht gram. Erstens, weil ich kein Talent fürs Nachtragerische habe. Zweitens, weil mir damals Gentlemen seines Umfelds ihr Garagengold borgten. Das war highly exciting, auch weil die Briten so lässig mit Regen umgehen. Sie sind gar nicht böse, wenn du ihnen ihr Schätzchen waschelnass zurückgibst. Die meisten ihrer Roadster hatten ohnehin nur eine Cockpit-Persenning, das Verdeck lag irgendwo daheim.

Unvergesslich vor allem der Daimler-Roadster, der 1958 als Design-Studie namens Dart für Entsetzen gesorgt hatte und ab 1959 als SP 250 fünf Jahre lang in Serie ging. Er liegt im Ranking der hässlichsten Autos aller Zeiten weit vorn. Ein Ford Edsel ist dagegen die Marilyn. Grillseitig erschüttert das Maul eines verzagten Waldviertler Zuchtkarpfens. Krass im Kontrast dazu zwei scharfe Heckflossen. Ein entschieden geistesgestörtes – genauer: schizophrenes – Design, konterkariert durch ein wildes, angriffslustiges Herz. Ein V8-Kurzhuber mit halbkugeligen Verbrennungsräumen, 2,55 Liter Hubraum und 142 PS warf sich via Vierganggetriebe auf den technisch gewagten Fahrkörper aus Kastenrahmen und Polyester-Karosserie. Auf der M5 erreichte ich damit Tacho-Stundenmeilen, die etwa 210 km/h entsprachen, alles erstaunlich biegesteif und ohne das gefürchtete Knirschen vieler Kunststoffkarossen.

Daimler fühlte sich hoher Qualität verpflichtet. Man war Hoflieferant jener royalen, noch heute dienenden Großlimousinen der Queen für Anlässe, die einen Rolls-Royce als ordinär ausschließen. Für einen Test eines Königs-Daimlers, falls er je möglich sein sollte, melde ich mich ausdrücklich nicht an. Man sagt, er sei als Mahnmal der Sklavenhaltung unübertroffen. Nirgendwo stünde eine Länge von zirka 7 Metern in einem derartigen Verhältnis zum gequetschten Cockpit des Chauffeurs. Diesen Test sollen jene machen, die in der Autorevue am warmen Kamin sitzen.

Noch ein Wort zum Daimler SP 250. Du brauchst Selbstvertrauen, diesen Roadster offen zu steuern. Man ruft dir viel zu. Er ist für eine Elite von Gentlemen gedacht, die charakterlich imstande sind, auch grottenhässliche, aber amüsante Frauen auszuführen und sexuell zu bedrängen. Beim SP 250 bist du ab zirka 35.000 Euro (Zustand 2) dabei.

Im denkwürdigen ewigen Winter 2012/2013 lerne ich als Auto-Tester, der eigentlich nur Offene mag, auch unüblich viele Verlötete besser kennen. Eindrucksvoll: der Mazda 6. Als Robin Hood, Rächer und Spießgeselle der kleinen Auto-Companys im Kampf gegen die Großen schätze ich den Mazda 6 als individuelle Kampfansage in der 30.000-Euro-Liga. Er tritt eigenständig-attraktiv auf.

Die freche Schnauze schmückt eine sportive Linie, die das ­Raumwunder eines Viertürers mit fast 500 Liter Kofferraum­volumen kaschiert. Der 2,2 Liter große 4-Zylinder-16-Ventil-­Diesel mit 175 PS und 200 Nm dient diesem Appeal mit einer ­delikaten ­Balance von Fahrleistung und Abstinenz: 0–100 = 8,4; V-max = 215 km/h; CO2 = 127 aus kombiniert 4,8 l Verbrauch.

Mein Testbolide trug einen sündigen Kardinalsmantel in Soul-Rotmetallic, ein erfrischender Kontrast zum Mainstream der Mausgrauen. Beim Lesen der langen Serien-Luxus-Liste des Mazda 6 fängst du als Junggeselle an und hörst als Opa auf. Der Sechser hat überhaupt eine höhere Anmutung. Etwas Solides drückt als Muskel von innen gegen die schöne Haut, die dadurch wie extra gespannt wirkt. Jedenfalls zieht er die Blicke auf sich. Auch die falschen.

„Noch unterwegs oder schon unterwegs?“ fragt der Bulle um halb sechs Uhr morgens. Leider habe ich ein Gesicht, dem man das nicht ansieht. „Herr Kommissar“, sage ich, „ich bin ein Arbeiterspross, dessen proletarische Revolution im Lesen-statt-Saufen liegt.“ Weil er mir glaubte, las ich ihm gerührt mein monatliches Dankgedicht an die Freunde und Helfer vor. Ich wählte aus den Werken von Christian Knorr von Rosenroth (1636–1689) die passende „Morgenandacht“:

Morgenglanz der Ewigkeit
Licht vom unerschöpften Lichte
Schick uns diese Morgenzeit
Deine Strahlen zu Gesichte …

An dieser Stelle winkt mich der Herr Polizist hastig durch, wie von namenlosem Entsetzen gestreift.

Mazda war mir immer als Zauberzwerg evident. Die Gründe habe ich wiederholt in meinen Hiroshima-Erzählungen (Standort von Mazda) genannt. Die vielen neuen klugen Leserinnen und schönen Leser mögen dies in früheren Autorevue-Ausgaben nachlesen. Ich empfehle ohnehin den Kauf aller Jahrgänge. Die Autorevue gehört zum Bildungs-Kanon wie Goethes „Faust“ und die Fliegergeschichten von Antoine de Saint-Exupéry.

Traf erst gestern den Autorevue-Gründer wieder, Norbert Orac, sonnverbrannt, mit weißem Hemingway-Bart. Er spiegelt unverändert die Richtlinien, die er seinen Magazinen gab. ­Erstens Leidenschaft zum Bewegten (Auto, Pferd, Boot). Zweitens Selbstironie. Von seiner Zeit als Rallye-Glüher erzählt er am liebsten, wie er mit Beifahrer Christian Hübner beinah in einem Bach ersoff. Von seiner Zeit als Spitzen-Turnierreiter erzählt er nur, wie ihm sein Lieblingspferd den halben Daumen abriss. Norbert: „Kein Schatten ohne Licht. Ich werde nie wieder den Daumen in die Suppe halten, wenn ich meinen Gästen serviere.“ Man ahnt nun vielleicht, woher das Tröstliche kommt, das jeder Autorevue innewohnt.

Tuttendörfl, Stehtheke. Durchs Fenster des Restaurants fließt zäh die Donau. Mitglieder des nahen Golfplatzes stieren ­glasig ins Schneetreiben. Ein Weinviertler Freund, ursprünglich Bauernkind, jetzt Landeshauptmann, sagt: „Ich kann mich zwar erinnern, dass es oft bis Josefi grimmig und schneeweiß war, aber nie bis Ostern und darüber. Was soll übrigens dieser Rucksack?“

„Ich fahre nochmals zur Sonnen-Insel“, sage ich, „du musst bleiben, ich darf weg. Dein Frieren wird meine Freuden verdoppeln.“ Anderntags am Ziel, gehe ich gleich zum Gonzales, meinem bewährten Bike-Vermieter an der Playa del Ingles. Fasse eine Hyosung Aquila GV 650i aus, betagt, aber gepflegt. Die ­Koreanerin steht meist als Reklame auf der Straße, weil sie so hübsch in Chrom und Orange leuchtet. Sie geht auch gut.

Irgendwann wird’s auch daheim wieder warm. Dann werde ich diesmal viel mit Hondas zu tun haben. Der globale Bike-­Gigant Nr. 1 trat nach längerem Halbschlaf eine Modelloffensive los. Unter anderem mit drei Modellen der Preisbrecher-NC 700-Serie, jetzt mit drei Modellen der neuen CB 500-Reihe. Sie sollen als ­honigsüße Fliegenfänger die Jugendlichen, Wiedereinsteiger und Damen für die Freuden der 48-PS-Klasse gewinnen.

Bikes wie diese werden den Absatz der Zweirad-Branche liften. Auch zwei weitere Faktoren könnten einen neuen Frühling bescheren. Erstens spricht sich endlich herum, dass die schrägen Vögel ökologisch die Citys retten. Zweitens gibt es erfreuliche, neue Statistiken: deutliche Reduzierung der Bike-Unfälle bei gleichzeitig kleineren Verletzungsfolgen pro Unfall. Als Grund vermutet man ein gestiegenes Durchschnittsalter der Biker, vor allem auch Technologieschübe: aktive wie ABS, Traktionskon­trolle, Qualität der Fahrwerkskomponenten und Reifen, passive wie immer leichtere, komfortablere und schönere Schutzkleidung (Jacken, Hosen, Unterwäsche, Handschuhe, Helme).

Mehr denn je gilt der Satz: Wer immer noch nicht begriffen hat, dass die Schräglage zu den fundamentalen Lebenskünsten zählt, muss als verloren gelten. So einer geht schon mit zwanzig zugrunde, auch wenn er erst mit achtzig begraben wird.

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