Phil Waldeck Gansterer Wanderbrief Mai 2011
Auch die vatikanische Schweizergarde teilt gern auf Big-Block-Harleys das fromme Volk, als wäre es das Rote Meer.
 

Wanderbrief Mai 2011

So ist auch mein heutiger Brief aus dem Hotel Negresco in Nizza ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

02.06.2011 Autorevue Magazin

Autos sind erstklassige Medizin. Im „Lancelot“, der maßgeblichen britischen Ärzte-Zeitschrift, publizierte Dr. med Adam Bronstein den Essay „Welches Auto ich gegen welche Leiden verschreibe.“ Hier einige Beispiele. Gegen Sauerstoffmangel: das neue BMW-Sechser-Cabrio. Gegen Kreisel­koller (oft beobachtet nach erfolgloser Parkplatzsuche): Smart Cabrio. Gegen Klaustrophobie: Beyntley Continental GT Convertible. Gegen Offroad-Phobie: Mercedes G Cabrio. Gegen Sarkophagie, also das Gefühl, schon tot zu sein: Porsche 911 turbo ­Cabrio, Jahrgang 2011. Gegen Vergangenheitssehnsuchtsattacken: Morgan Plus Roadster, Mini Cooper S Cabrio, Beetle Cabrio.

Man merkt: Bronstein ist ein Open-Air-Junkie. Trotzdem schätzt er auch ein verlötetes Auto, den Range Rover, als Breitband-Antibiotikum. Der Range Rover, so Bronstein, helfe generell gegen alle Beschwerden, die zur Linderung das Vitamin ­„Luxus“ verlangen. Meist melde sich dabei ein eleganter Zwang nach Schönheit oder dem Wohlgeruch von Leder an, manchmal auch herzige, psychische Defekte wie Minderwertigkeitsfieber und Machtmangel. Relativ neu ist der Schweizermesserwahn: Moderne Autofahrer schreien vor Schmerz, wenn ihre Schüssel nicht alles kann.

Der Range Rover (fortan abgekürzt Ra-Ro, da RR vergeben ist) wird als Alleskönner nur von wenigen Konkurrenten erreicht, von keinem übertroffen. Außer „Stadt“ kann er alles. Für Downtown ist ein Zweitgerät zumutbar, wenn du die 103 bis 134 Kilo-Euronen für den großen Ra-Ro aus dem Ärmel schüttelst (die kleinere Ra-Ro-Variante „Sport“, ab 66 Kilo wohlfeil, ist in diesem Wanderbrief nicht gemeint). Neben der schieren ­Größe sprechen auch die Rückspiegel gegen Stadtfahrten. Sie sind erstaunlich unsophisticated. Sie definieren den Begriff ­„toter Winkel“ neu. Wiederholt habe ich per hurtigem Spur­wechsel zwei bis drei Kompaktautos verschrottet, die hart an meiner Flanke gefahren waren. Der noble Büffel Ra-Ro blieb ­dabei ­unverletzt.

­Gegen Schweizermesserwahn ist noch kein Heilmittel gefunden.

Phil Waldeck Gansterer Wanderbrief Mai 2011

Abseits der Stadt ist er universell. Er nimmt die komplette ­Familienbrut samt Gepäck auf und schnupft auf der Autobahn trotzdem fast alles, sofern du das Gewicht von 2,5 bis knapp 3 Tonnen den größeren Motoren der Palette anvertraust: dem 4,4-Liter-V8-Turbodiesel mit 313 PS oder dem 5-Liter-V8-Benziner mit 510 PS, beide mit himalayischem Drehmoment. In den optisch stimmigen 20-Zoll-Felgen finden angemessene Bremsbergwerke Platz.

Die Frage „Asphalt oder Afghanistan“ ist zweitrangig. Der Allrad nimmt, was kommt. Als Arbeitsgerät und Zugmaschine wird der Ra-Ro als Brücke von Rolls-Royce und Traktor wahrgenommen. Wenn du auf der Terrasse meines geliebten Negresco-Hotels in Nizza sitzt, den erstaunlich preiswerten Haus-Champagner trinkst (ein mittlerer Taittinger) und segnend auf den Verkehr der Promenade des Anglais blickst, wirst du als Zugwagen jedes zweiten Yacht-Anhängers einen Ra-Ro finden. Das ist seit Jahrzehnten unverändert. Schon als ich dort den Hollywood-Schönling und Ober-Vampir George Hamilton interviewte (Dragotis „Love at First Bite“ war gerade in Cannes gefeiert worden), zogen Achtzylinder-Ra-Ros die Schiffe, darunter Segelyachten, die selbst einen V8 als Flautenschieber eingebaut hatten.

Die Erinnerung bekräftigt, dass der Ra-Ro seine Figur bewahrte. Er sieht heute grosso modo so aus wie seinerzeit, in ­Design-Treue nur vom sechs Jahre älteren Porsche 911 über­boten. Er reifte in Würde nach innen – dies aber beträchtlich. Spezialisten wissen, dass die erste Serie (ab 1970, heute als ­„Range Rover Classic“ ­bezeichnet) noch gar nicht als Luxusding gedacht war, sondern als Arbeitsgerät, das innen mit ekligem Kunststoff ausgeschlagen war, den man wie Lack mit dem ­Gartenschlauch reinigen konnte. Das ist längst anders geworden, speziell in der Verwöhn-Variante „Vogue“ (frz. für „Mode“),die Autorevue-Tester vorziehen.

Mit dem Ra-Ro vor der Tür stehst du gern auf. Ich überprüfe im Morgengrauen die Beschleunigung des mächtigen ­Diesels (0-100=7,6 Sekunden) auf der A22, die mich von Holla­brunn nach Wien führt. Was die anderen Daten betrifft, sagen wir so: die V-max von 210 km/h ist glaubwürdig, und den Verbrauch habe ich wirklich nicht gemessen. Das Norm-Mittel von 11,1 Liter auf 100 Kilometer wird schon stimmen. Wie der CO2-Wert (nun: 253 g/km) liegt es trotz Leistungszuwachs gut 20 Prozent unter dem Vorgänger, dank Avantgarde-Technik bei Getriebe, Turbo und Zündung, und einem Drehmoment, das aus dem Keller aufragt wie der Tafelberg von Kapstadt aus dem Meer. Die Hoch­ebene von 700 Nm liegt von 1500 bis 3350 Touren ohne Delle an.

Soeben habe ich den Ra-Ro von der A22 auf die Reichsbrücke gewuchtet. Die schiere Präsenz meines dunkelblauen „Vogue“ scheuchte drei Corsas, Micras und Polos in die Donau, und eine Vespa 300, auf der ein Banker in Anzug und Staubmantel auf volksnah machte. Waschelnasse Börsianer heben meine Laune enorm. Es ist einer der Tage, wo du schon am Flug der Vögel und der Vespas erkennen kannst: Alles wird gut. Am Ende der Kafkastraße sehe ich das Messegelände wasserdicht zugeparkt. Gut, dass ich mein blondes Reptil neben mir habe. Ich werfe ihr den Schlüssel zu: „Du kannst besser mit dem Einpark-Navi der Heckkamera umgehen.“ So kann ich kurz vor meinem Vortrag in der Kongresshalle (Titel: „Groß ist grün“) noch mit Marlboros die Stimme verbessern. Wir lernen daraus: Ein Ra-Ro ist ohne daran befestigte Blondine nur halb so nützlich.

Geopolitisch ist anzumerken, dass die Inder (Tata Motors, Hauptsitz Mumbai) als einst Unterjochte mit den Edelmarken Jaguar und Rover (Land Rover Group) besser umgehen als die einst hoffärtigen, englischen Kolonialherren, irgendwie auch freudvoller als die Zwischendurch-Besitzer Ford und BMW.

Meine klugen Leserinnen und schönen Leser haben im April-Special der Autorevue mit feinem Neid gelesen, wie ich dem Winter den Schwanz kupierte und die Bike-Saison vorzeitig eröffnete mit dem zierlichen Alt-Modell einer 250-ccm-V2-Yamaha namens „Star“, die ich auf Gran Canaria mietete.

Nach der Eiszeit tiriliere ich selbst auf rostigen Mopeds wie ein besoffenes Rotkehlchen, das den Frühling begrüßt. Die Freude an der zierlichen Yammy hatte aber auch objektive Gründe. Ich lernte eine neue Fahrtechnik, die dem herzigen Hubraum angemessen war. Und die kleine Star verschaffte ein warmes ­Yesterday-Feeling. Sie brachte die Kategorie „Chopper/Cruiser“ in Erinnerung, die ich einst liebte, später aber zugunsten leichterer und flinkerer Böcke vernachlässigte.

Die Harley, zumal im feierlichen Ornat einer Softail Deluxe, genießt hohe ­Akzeptanz auch in letzten Dingen. Sie wird nicht als Störung der Totenruhe, ­sondern als feierliche Reverenz begriffen.

Phil Waldeck Gansterer Wanderbrief Mai 2011


Also: let’s cruise again. Vielleicht mit der Harley-Davidson Softail Deluxe. Ferdinand Fischer, Milwaukees bester Botschafter diesseits des Atlantiks, hatte mir in seinem American Restaurant an der Triester Straße die Auswahl freigestellt. Mir war nach ­perfektem 1960er-Jahre-Look: Weißwandreifen, Speichenräder, tiefer Komfortsattel, winziges Sitzsemmerl für leidenslustige Weiber, zum Weinen schöne 330 Kilo Edelmetall mit Rund­armatur auf dem breiten Tank. Die riesige Uhr zeigt die km/h. Auf Wunsch spiegelt sie digital zwei sinnlose Zahlen ein: die Drehzahl und den eingelegten Gang. Beides spürt der Harley-Driver ohnehin zwischen den großen Zehen.

Unsichtbar eingeschichtet arbeitet Feines der Neuzeit – ­darunter ABS und 125 Nm Drehmoment aus einem hellwachen 1600-ccm-V2. Die PS-Zahl (72) ist so wichtig wie die Heiserkeit eines Geigers. V-max: 185 km/h. Ab 130 km/h bist du ein am breiten, nackten Lenker festgezurrter Spinnaker, der 400 km/h spürt und hört. Man darf von einer klassischen Harley-Reise ­berichten, beim Fahren eingehüllt in eine unvergleichliche Klangwolke, beim Stehen eingehüllt in anbetendes Volk.

Ein Höhepunkt schon die ersten 200 Meter. Weltrekord für Bullenkontakt. Ich überfahre meine Hausampel bei noch Tief­orange. Bei den vorletzten Harleys hätte längst Grün geleuchtet. „Wir Schwyzr dürfen nicht schon über Kreuzungen fahren, wenn’s noch Gelb hätt – odr?“ sage ich zum Jungbullen, der mich stoppt. Er hat zum Glück Humor. Er hört geduldig meine Geschichte von den Harleys, die über Nacht schneller wurden. Ich bleibe finanziell unverletzt und revanchiere mich mit ­Waldecks Monatsgedicht an die Freunde und Helfer, einem zart adaptierten Poem von Quirinus Kuhlmann (1651–1689):

Je dunkler, je mehr lichter:
Je röter ALLS, je grüner ich hin rinn
Ein himmlisch Aug’ ist Richter
Wägt freundlich meinen Sinn.

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