Phil Waldeck Helmut Gansterer Wanderbrief Juni 2011
Im Lack meines Renault 4CV spiegelten sich einst die Bäume der Waldlichtung, die ich zum Studium ansteuerte.
 

Wanderbrief Juni 2011

Ein Brief aus dem Schlosshotel Puchberg bei Wels.

19.06.2011 Autorevue Magazin

Im Anfang war das Wort? Im Anfang war die Kraft? Im Anfang war die Tat? Diese Fragen stellte Goethe im „Faust“. Er wusste nicht, wie die Welt begann. Das macht aber nichts. Hauptsache, wir wissen, wie das Glück des Motortesters Philipp Waldeck begann: mit einem Auto und zwei Klappmöbeln. Mit achtzehn Jahren lehrte mich der Renault 4CV die Menschen zu fliehen. Auf einsamen Waldlichtungen entfaltete ich Klappsessel, Klapptisch und dicke Bücher. So wie Cézanne als plein air peintre unter freiem Himmel malte, studierte ich dort. Es hat sich bewährt. Als mit neunzehn die raftfahrzeugtechnik-Matura anstand, schaffte ich das beste Zeugnis der Klasse.

Die einsamen Wald-Exerzitien waren ein Segen. Ein Segen die Sonne, ein Segen das Licht, das Rascheln und die Schattenwürfe der Laubwälder, ein Segen die vorbeiflanierenden Paare, deren Zweisamkeitsgefängnis mich dauerte, ein Segen der Thermoskannenkaffee und die filterlosen Austria-Dreier-Tschicks, ein Segen vor allem das erste eigene Auto. Oft sah ich von den gelehrten Schriften auf, ging zu dem froschgrünen Renault hin, den mein Vater um 5000 Schilling vor der Guillotine gerettet hatte, küsste ihn und erzählte ihm, er sei von Professor Porsche, dem besten Konstrukteur der Welt, in französischer Kriegsgefangenschaft gezeugt worden.

Viel geändert hat sich seither nicht. Oder vielleicht doch? Die Autos passten sich der Philosophie an. Sie müssen heute freien Himmel bieten. Verlötete Schüsseln wie den 4CV akzeptiere ich nur, wenn Witz und Würde stimmen. Auch habe ich jetzt gern liebe Menschen um mich, die mich bedienen. Die Waldlichtungen wichen entlegenen Wirtshausgärten und Heurigen. Die ­Austria-3 wichen Filter-Marlboros, der Filter-Kaffee dem Espresso. Und der Besitzerstolz war nie wieder so mächtig wie einst beim Renault 4CV, am ehesten noch beim 217-PS-Carrera-­Cabrio, das brautweiß und luftgekühlt war.

Einen letzten Unterschied zu früher nenne ich ungern. Einst war ich dauerglücklich, weil naiv wie Parsifal. Ich sang vom Weckerläuten bis zur Sperrstunde. Heute weiß ich, dass auch Männer ihre Tage haben. Nehmen wir das heutige Beispiel.

Ich walle wie Ebbe und Flut. Anfälle hysterischer Heiterkeit ­weichen langen Phasen eines unbegründeten Grimms. Gottlob kann ­meine Holde damit umgehen. „Wo ist meine KTM-Lederjacke?“ kreische ich beim Frühstück. „Im Tiefkühlfach“, sagt sie ruhig, „dort, wo sie hingehört. Die neuen Vanucci-Handschuhe sind in der Mikrowelle, die Daytona-Stiefel im Weinkeller. Im Shoei-Helm schläft das neue Kätzchen, das DU MIR BITTE NICHT AUFWECKEN WIRST. Nimm den alten BMW-Klapphelm aus dem Wintergarten. Den eingetopften Almrausch kannst du rausnehmen, der wird eh nimmer. Wir wohnen zu tief und zu nah an der Donau.“

Als ich gleich drauf versuche, die flinke Harley-Davidson XR 1200 X, die als kurvengierigstes Milwaukee-Bike zum Test ansteht, mit meinem Haustorschlüssel aufzuschließen, verzichte ich einsichtig aufs Biken. Motorradfahren verlangt ein waches Gemüt. Außerdem steht grad ein Auto daneben, das du auch dann unfallfrei fahren kannst, wenn dein momentaner IQ der Schuhnummer entspricht. Es ist nach der bewährten Autorevue-Formulierung „ein bestes Auto der Welt“, groß und schnell und schön.

Subjektive Weltrekordzeit für Wien–Wels. Der Bi-Turbo-V8 schob mit 435 PS und 700 Nm aus 4,6 Liter Hubraum fein an. Die Harman-Kardon-Logic7-Anlage bot Igor Strawinski („Die Frühlingsweihe“) in Surround-Sound, und als ich Schloss Puchberg bei Wels erreichte, fand ich einen Ehrenparkplatz im Hof reserviert. Die Raika-Leute dachten sich, ein Auto mit dem aufwändigen Namen Mercedes-Benz Coupé CL 500 4MATIC Blue EFFICIENCY würde meinem Vortrag „Im Wendekreis des Geldes“ unendliche Glaubwürdigkeit verleihen.

Das war nicht falsch gedacht. Die schönen Hofdamen umkreisten wie der Pudel im „Faust“ in immer engeren Radien den Referenten. Die Gentlemen hingegen wussten nicht, was sich gehört. Sie umkreisten den Wagen. Der Mercedes hatte mit brutto 2,4 Tonnen (2135 kg Leergewicht, 90-Liter-Tank, Waldeck mit Co-Pilotin und Reisegepäck) den herrschaftlichen Kies des Schlosshofes betreten, mit jenem unverwechselbaren Knirschen, das eine gültige Kennmelodie des Reichtums ist. Wer das ­CL-Coupé umkreiste, nahm lange Wege auf sich, zweimal 510 Zentimeter Länge, zweimal 187 Zentimeter Breite.
Die Renaissance-Elemente der Schlossfassade spiegelten sich in einem Lack, dessen Name passte. Flintgrau metallic weist auf einen kryptokristallinen Quarz, der prosaisch mit „Kies“ zu übersetzen ist. Hier ist er in seiner abgeleiteten Bedeutung als „Zündstein“ oder „Zündstoff“ zu verstehen: in den oberen ­Lackschichten funkelnd, in den tieferen dunkel schimmernd. Dieser Lack ist erhabenes Menschenwerk. Seine Farbe kommt auf der Erde nicht vor.

Man findet sie in den äußeren Hüllen der Atmosphäre, als Abglanzgrenze zum Universum. Das Inte­rieur ist adäquat. Wir befingern seltene Hölzer an feinen Ledern. Mich umgab eine helle Sahara-Bespannung, motivisch „Düne im Morgenlicht“. Vom Test-Exemplar (VP: 172.000 Euro) aus­gehend, gibt es hunderte Möglichkeiten, im Wege der Detail-­Kasteiung den Basispreis von 105.000 Euro zu erreichen. Nach oben ist die Skala offen. Wer sich etwa durch die 4,9 von 0 auf 100 und die abgeregelten 250 km/h eingeengt fühlt, greift zur AMG-Version. Der CL 63 AMG (544 PS aus 5,5 l) darf bis 300 km/h frei atmen.

Das vielleicht wichtigste Fazit: Der CL 500 4MATIC Blue ­EFFICIENCY ist unter den Zweitürer-Nobelhobeln die neue ­Referenz in maschinenbaulicher Grün-Technologie (u. a. südlich der 10 Liter auf 100). Und die Innovationen in aktiv-passiver ­Sicherheit sind in einem Wanderbrief nicht fassbar. Spontan ­entzückte mich dreierlei. Der riesige, sportliche Schönling verhinderte per distance control jeden Auffahrunfall, korrigierte ­ungewollte Spurwechsel und bot den ersten, wirksamen Tot­winkel-Alarm. Die Radar-Kamera-Technologien sind unter dem Mercedes-Stern in eine nutzbare und unlästig-angenehme Routine getreten.

Seit dem Renault 4CV ist einiges weitergegangen, denke ich zufrieden bei lautlosen 200 km/h, derweil mir der Sitz aktiv die Wirbelsäule massiert. Man resümiert das Wohlgefühl eines gut investierten Kapitals.

Damit ich’s nicht vergesse: Das schnelle CL-Coupé lockte den ersten Bullen an, der mich „Doktor“ nannte, ehe er die Papiere verlangte. So schenkte ich ihm mein Monatsgedicht. Ich wählte „Der Weise auf dem Lande“ von Johann Peter Uz (1720–1796):

Ihr Wälder, ihr belaubte Gänge!
Und du, Gefilde, stille Flur!
Zu euch entflieh ich vom Gedränge,
O Schauplatz prächtiger Natur!

Mein Charakter, wie ich ungern bekenne, ist praktisch ein Loch. Ich blieb unkorrekt. Ich liebe Privilegien und nütze sie. Zu Frauen sage ich immer noch wie Hubert v. Goisern: „Wennsd a weng schena warst, schodats da ned.“ Und bei Bikes bin ich Prolo pur. Je fetter, je lieber. Am glücklichsten war ich mit der Boss Hoss meines Freundes Gerry Brandstätter, 600 Kilo Leergewicht, mit Chevy-V8-Motor. Ich stellte sie auf alle Dorfplätze Niederösterreichs, und zwar genau in die Mitte.

Zugleich weiß ich aber, dass die meisten von uns mit Sorglos & Fun-Bikes zwischen 600 und 800 ccm am besten bedient sind. Auf ihnen bist du um wenig Geld der Aktive und wilde Hund. Du bist der Fahrer, nicht der Gefahrene. Meine Probefahrt-Empfehlung des Monats betrifft demgemäß ein Kawasaki-Trio rund um einen reschen, knurrigen Twin-Murl mit 650 ccm und rund 70 PS. Die eine Kawa heißt ER-6n (merke: „n“ wie nackt). Die zweite heißt ER-6f (merke: „f“ wie ferkleidet). Die dritte heißt Versys (merke: „versatile“ aus dem Englischen für wandlungsfähig).

Die Probefahrt halte ich schon deshalb für sinnvoll, weil ich offenbar verkehrt ticke. Ich schätze diese drei Bikes umgekehrt zu ihren Zulassungszahlen. Soeben fuhr ich die Bestseller-Nackte. Entzückte Jugendliche hängen in Trauben an ihr. Sie ist ein kompaktes böses Insekt, Revolte verheißend, ein Wespenstich in den Arsch der Etablierten, billig in Anschaffung und Unterhalt, wendig und 200 km/h schnell, wenn du dich arg bückst. Die ­Ferkleidete (sic!) kann das ohne Bücken, sieht aber nicht mehr giftig, sondern fast elegant aus. Die Versys schließlich ist der Drillingsbruder, der mit höherer Sitzposition (840 statt 785 mm), einer schmerzfrei erfahrbaren V-max von 185 km/h sowie ­optionaler Touren-Scheibe, Koffersystem und Handprotektoren auch die Weltreise zu zweit mit der Schönsten kann. Preise (mit ABS): 7799, 8799 und 9399 Euronen. Take Your choice, folks, be good, see You next time, same station.

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