Waldecks Wanderbrief Januar 2013 Gansterer
Wir wissen nun, welche Autos Phil Waldeck durch den Kopf fahren, wenn er von Sigmund Freud und Prof. Ferdinand Porsche träumt.
 

Wanderbrief Januar 2012

Ein Brief aus dem „L’Hotel“ in Paris, dem „Club Med“ in Cefalu und dem „Club Med“ auf Ithaparica.

29.01.2013 Autorevue Magazin

Es ist schon komisch. In manchen Hotelbetten dreht sich alles und du speibst dich fast an, in anderen ­wieder träumst du wie ein Einser. Echt exquisit träumte ich jüngst im Hotel mit dem besten Hotel­namen an der schönsten Adresse, im L’Hotel in der Rue des Beaux-Arts. Oscar Wilde hat dort gewohnt, und Helmut Lang, unser erfolgreichster Modeschöpfer, und jetzt halt ich. Lauter aufstrebende Jungtalente.

In dieser 500-Euro-Nacht kamen zwei Gentlemen zu mir. Zuerst Sigmund Freud, dann der um zehn Jahre jüngere Ferdinand Porsche. Sie passten gut zusammen. Sie waren einst durch die Berggasse in Wien-Währing verbunden. Der Ältere bespielte auf Hausnummer 19 seine Psycho-Couch, während der Jüngere auf dem Rumpelpflaster ein frühes Meisterstück probefuhr.

Sigmund Freud enttäuschte. Auch im Traum konnte er mir nichts über Frauen sagen, was ich nicht schon wusste. Vom Lohner-Porsche hingegen träumte ich feucht, zumal er mit ­seinen Elektro-Radnabenmotoren erschütternd modern wirkte. Anschließend traten weitere Autos auf, die mit dem Begriff ­Porsche verbunden waren.

Im Nachhinein ist evident, dass ich nur solche Modelle auf das Collier meines Traums fädelte, die auch direkt mit mir zu tun hatten. „Selbst der Lohner-Porsche?“ werden die Skeptiker unter meinen klugen Leserinnen und schönen Leser fragen. ­Jawohl, auch dieser.

Das kam so: Mein Freund Ottokar Jacobs, der die Last seiner finanziellen Unabhängigkeit mit Anmut trägt, beispielsweise in Form einer Über-drüber-Porsche-Sammlung, die er tief im Burgenland versteckt hält, ließ mich dort vor Jahren mit einem mächtigen Schrottberg allein, der entfernt an einen Lohner-Porsche erinnerte, zu drei Viertel zerlegt, arg patiniert.

Schon das eine Rad, das abmontiert an der Wand lehnte, wog optisch so viel wie ein Smart Brabus. Schwerster Maschinenbau. Die fingerdicken Kupferwicklungen lagen unter Grünspan. Der E-Motor, der den Innenraum der Felge zur Gänze füllte, wirkte als logischer Antrieb. Diese Masse konnte nur elektrisch bewegt werden, mit einem Höchstdrehmoment, das ab der ersten Umdrehung anlag.

Zurück zum Traum: Dort fuhr ich dem Sigmund Freud mit dem Lohner-Porsche über die Zehen, was ihn in wochenlange Selbst-Therapie warf. Dass er fortan Schuhgröße 70 brauchte, hat er seelisch nie verwunden. Er war ein eitler Mann. Auch gab ihm zu denken, dass der Maßschuh, den ihm dann Rudolf Scheer anfertigte, Ur-Ahn des Markus Scheer, der heute in fünfter Generation in der Bräunerstraße als weltbester Schuster wirkt, so viel kostete wie sieben Freud’sche Seelenreinigungen.

Kaum hatte ich nach Freuds Zehen auch die steile Berggasse zur Votivkirche hin erklommen, rückte die Sonne näher. Die Gravität des Lohner-Porsches hatte sie mächtig angezogen. Der heutige Treibhauseffekt hat darin seinen Ursprung.

Auch die weiteren Porsche-Träume im „L’Hotel“ waren mit Waldeck-Testautos gefettet. Zum Beispiel mit dem ­Porsche 356-01, dem heiligsten Fahrzeug meiner Laufbahn. ­Eigentlich durften den 356-01 nur Herrschaften fahren, die ­Porsche & Piëch hießen. Ich brachte den allerersten, fix & fertigen Porsche-Sportwagen-Prototyp nach Testfahrten in Weissach heil zurück. Ferdinand-Sohn Ferry hat mich, so träumte ich, dafür herzlich geküsst. Er lobte auch meine Aufklärungsarbeit. Nach meinem ­Bericht wussten alle Autorevue-Leser, also die Elite der Wissenden im Land, dass der 356-01 seinen aufgeziegelten VW-Vier­zylinder-Boxer (35 PS!) als Mittelmotor trug. Dass also Boxster und Cayman die legitimen Nachfolger der Ur-Idee sind, die Ferry tief in Österreichs Wäldern entwickelte, in Gmünd in Kärnten.

Waldecks Wanderbrief Januar 2013 Gansterer

911-Liebhaber müssen nicht gleich den Freitod wählen. Auch sie dürfen stolz aufzeigen. Ihr Darling ist Nachfolger des ersten Serien-356. Dieser trug den Boxer-Motor wieder ganz hinten, so wie der Käfer, zunächst aus Kostengründen. Bald schätzten Feinspitze und satanische Fersler die Anordnung Heckmotor-Heckantrieb auch als natürliche Schlupfregelung. Und neben der ­humorlosen Zuverlässigkeit der wilden Porsche-Aggregate als Hauptgrund der weltweit meisten Rennsiege.

Verblüffend, wie frech sich in meine Pariser Träume auch der VW-Käfer mischte, das opus magnum des „Professors“. Beispielsweise als erstes Auto meiner fleißigen und sparsamen Eltern, ein bescheiden-beige lackiertes Glücksgefährt, damals in der Volksschule von mir verteidigt als schnellstes, schönstes, ­zuverlässigstes Raumwunder der Welt – und mit 13 Liter auf 100 km unerhört sparsam.

Später bewunderte ich, wie ich mich träumend erinnerte, ein wertvolles, frühes Käfer Cabrio im Besitz des legendären Auto­revue-Fotografen Peter Kumpa. Und zwei Käfer-Derivate, die ich in Club-Med-Ferien kennenlernte. In Cefalu auf Sizilien, unterwegs mit Kindheits-Freund Helmut Hanusch, das Karmann-Ghia-Cabrio einer Zahnärztin aus Hannover, die meine medizinische Versorgung wünschte. Und auf Ithaparica, der Insel vor Brasiliens Seelen-Hauptstadt Bahia da Salvador, der schönste Buggy. Mit diesem bildete ich Steve McQueen in „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ nach. Ein vollendeter Tag, auch musikalisch. Schon zum Frühstück am Club Med-Pool Mark Knopflers Gitarrensolo in „Money for nothing, chicks for free“ der Dire Straits. Dann das Gebrüll des VW-Buggys, getunt vom örtlichen Schmied, der mit Auspüffen die Hufe der Pferde beschlug. Vollendet un-grün die Fahrt am Strand entlang der Meereskante, links im Wasser, rechts auf dem Sand. Dann volles Rohr auf dem Strand, in frohen Sprüngen über Pfützen der letzten Flut, hinein in auffliegende Vogel-Kolonien, wie Steve himself.

Das war damals reinen Gewissens fantastisch, nach heutiger Denkweise unartig, ja kriminell. Demgemäß schämte ich mich mitten im Traum und brach ihn ab, als sich das Gekreisch der Co-Pilotin ins Gekreisch der Möwen mischte. Die Kamera zoomte gerade noch in eine weiße Wolke fröhlich tanzender Vogel­federn, dann las man FIN, weil ich ja in Paris erwachte.

Kommentare zur Grün-Sünde sind unerwünscht. Man ­adressiere sie an Steve McQueen selig. Desgleichen der Hinweis, im Heck des McQueen-Film-Buggys habe kein Käfer-oder-911-Murl getobt, sondern ein Small-block-Chevy-V8. Diese ­Enthüllung haben schon vor Jahren meine pietätlosen Autorevue-Kollegen besorgt.

Ah, Paris. Meine Wahl-Metropole nach Wien. Man versteht Paul Nizon und Peter Handke, die sich dort niederließen. Wie Wien ist Paris ein guter Ort für kreative Arbeit. Auch an ­Nebeltagen hängt ein sonniger, mild-hoffärtiger Glanz von ­Esprit über der Stadt. Die vielen Buchleser in den Cafés ermutigen Schreibhandwerker. Als Fotograf fühlt man Abfärbungen der Meister Brassai, Atget und Cartier-Bresson. Leicht fällt auch das denkfördernde „Ausschreiten“, ein Lieblingsbegriff unseres Exilhelden Handke, der auch über das höchste Schuh-Know-How für Stadtwanderer verfügt: knöchelhohe Schnür-Stiefeletten mit dicker, federnder Sohle, die sein langes 68er-Haupthaar apart wallen. Dies passt in einen Wanderbrief. Auch wenn für ­Waldecks Wanderbrief der Technik-Esprit der Pariser noch ­interessanter ist. Sie sind first-hour-users und early adopters. Sie nützten das erste elektronische Telefonbuch. Und Apple’s Mac hatte dort gleich den weltweit höchsten Marktanteil.

Als Bike-Botschafter unter den Auto-Freaks freut mich die ­Liebe der Pariser zu Motorrädern und Rollern. Sie begriffen sie früh als ideale citoyens. Innovation ist ihnen das Wichtigste. Dann kennen sie als Weltstädter keinen Geiz. Wie sonst nur Italiens ­junger Geldadel kauften die Pariser den gar nicht billigen Yamaha Tmax, genannt „das Bike unter den Rollern“. Und heftiger als ­andere griffen sie zum bizarren Dreiradler MP3 von Piaggio.

Mein Gehöft ist zu Paris geworden. Ein Winter-optimierter Piaggio MP3 Touring LT 500 stand schon vor der Paris­reise in der Garage. Einen Yamaha Tmax 530 mit genialer Schutzdecke fand ich bei der Heimkehr vor, mit Brief: „Für Ihre Winterreise.“ Mein Ötzi-Projekt, die Schräglagen-Saison 2012 zu verlängern und 2013 früher zu beginnen, war offenbar durchgesickert. Die zwei Testgeräte sind damit fixiert.

Wenn das Projekt flutscht, wird es zur Aufwertung der Helm-Fraktion und aller damit verbundenen Beschäftigten führen. Der Teufel wird auch hier im Detail stecken, nicht zuletzt in der Bekleidung. Bis jetzt weiß ich nur, dass die Unterwäsche von Löffler und die Sturmhaube von Reusch sein wird. Auch weitere Auslesen will ich allein vornehmen. Hilfe von dritter Seite ist nicht vorgesehen. Das Projekt läuft unter dem Kürzel www: Waldecks wildes Wagnis. Ob es gelingt, weiß ich nicht. Die Autorevue wird berichten, vielleicht auch ich.

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