Porsche Panamera Hybrid
 

Wanderbrief Januar 2012

Der erste Brief 2012 kommt aus dem Fairmont Chateau Lake Louise im kanadischen ­Bezirk Banff.

06.02.2012 Autorevue Magazin

Ich reise gerade mit dem Panamera S Hybrid nach Linz. Auf der höchsten A1-Anhöhe nach „Abfahrt Haag“, die wie die Luke einer Sprungschanze die steile Abfahrt nach St. Valentin und den Weitflug nach Oberösterreich öffnet, wähle ich den „Segel-Modus.“

Der Segel-Modus entkoppelt den Motor vom Antriebsstrang. Wozu denn das, fragen die treuen Autorevue-Leserinnen, die artgerecht mehr von Apfel-Auflauf als von Autotechnik verstehen.
Dies, meine Herzallerliebsten, hat folgende Bewandtnis: Man schaltet damit die Motorbremse weg. Ein Verbrennungsmotor bremst auch bei Null-Gas. Er hat hohe innere Reibungsverluste.

Stammtisch-Mechaniker glauben, diese Verluste lägen in der Reibung der Kolben in den Zylindern, der Pleuel in den Wangen der Kurbelwelle und deren eigenem Lauf in den Kurbelwellen­lagern. Das ist nicht falsch, obwohl diese Reibungsverluste durch Beschichtung der Zylinderwände, dünnere Kolbenringe und schlauere Kugel-Rollen-Gleitlager jährlich kleiner werden.

Diese Verluste sind bei weitem nicht alles. Auch wenn kein Kraftstoff eingespritzt wird, müssen die Kolben die Ansaugluft geometrisch auf 1:10 (als Benziner) oder 1:25 (als Diesel, mit Turbo bis zirka 1:18) verdichten. Dazu kommen die Verluste des scheppernden Ventiltriebs, also der Ketten und Königswellen und Nockenwellen und der lästigen Widerstände der Ventil­federn. Und dann noch das Graffel an Nebenaggregaten, das aber ohnehin immer öfter vollelektrisch betrieben wird. Wobei die Leserinnen gerne hören ­werden, dass „Graffel“ der Jäger-Sprache entliehen ist und die Gämsen-Damen samt Nachwuchs benennt.

Ich lernte dieses Wort dieser Tage von ex-deutschen hunters, die ich in Kanadas Provinz Banff traf, im weltberühmten „Fairmont Chateau Lake Louise“, wo man mir bei früheren Aufenthalten das Trapp-Familie-Lied „Edelweiß“ als gültige Bundeshymne Österreichs vorgespielt hatte.

So weit meine Vorlesung zur Technik des Segel-Modus im ­Porsche Panamera S Hybrid: Ausschaltung des Kern-Widerstands, ungeachtet weiterer Krafträuber wie Reifen, Radlager und Differenziale. Ich hoffe, sie war leidlich vollständig. Sonst kriege ich eine Ohrfeige von Prof. Fritz Indra, der unter den ­Motor-Genies second-to-none ist und als Freund den jüngsten Autorevue-Award 2011 schmückte.

Zur Abrundung: Es gab, was nicht einmal Indra weiß, einen ­Motor, dessen innere Reibung die Explosivkräfte überhob. Er ­demütigte die Idee der Verbrennungskraftmaschine. Er hätte sich nie bewegt. Das war insofern gut, als er sich sonst verkehrt herum gedreht hätte, wie spätere Berechnungen ergaben. Dieser Motor war mein Meisterstück in der 5. Klasse der HTL Mödling, zugleich die schönst-gezeichnete Konstruktion neuer Zeitrechnung, in chinesischer Tusche und Ochsenblut-Tinte auf Japan­papier. Man erkannte Leonardo da Vinci in mir. So schaffte ich doch noch die Note „Genügend“ und am Ende das beste ­Maturazeugnis des Jahrgangs.

Da wir im heutigen Wanderbrief der Liebe zur Technik verpflichtet sind, füge ich noch eine Lektion in Fahrtechnik an, soweit sie die Motorbremse betrifft. Ich verletze damit die Intimsphäre meiner Test-Kollegen. Soll sein. Die klugen Leserinnen und schönen Leser sind wichtiger.

Es ist nämlich so: Alle Test-Machos der Autorevue, inklusive der Kollegin Susanne Hofbauer, fühlen sich durch persönliche Nähe zu Lauda, Marko, Berger, Wendlinger, Sperrer, Wittmann, Stohl, Rosenberger etc. verpflichtet, so wie diese zu fahren: vollendet schwachsinnig, also ekordrundensüchtig. Ich nütze die Nähe anders: Imperial-Frühstück mit Niki, Kunstgespräche mit Helmut. Ich borgte mir Gerhards ­Privat-Ferrari und werde mit Karl über ­Literatur diskutieren. Unsere berühmten Racer sind mir als Denker wichtig, nicht als Projektile.

Motorbremstechnisch heißt das: Alle anderen Autorevue-­Tester stützen per Motorbremse die brutale Vollbremsung vor der Kurve, durch Herunterhakeln der Gänge. Ich hingegen nütze die Motorbremse für das oberste Ziel des Gentleman-Drivers: niemals peinlich mit den so genannten Bremsen zu bremsen. Meine Bremsbeläge haben die Halbwertszeit der Cheops-Pyramide. ­Begabt mit der weitsichtigen Blickführung eines Bikers, nütze ich nur die Motorbremse der unteren Getriebegänge für den perfekten Flow. Die letzten 20 cm vor der Ampel oder dem Ziel rolle ich aus. Da dies die Königsdisziplin eines Rolls-Royce-Chauffeurs ist, kriege ich jederzeit einen Job in Arabien, falls mich die Autorevue feuert.

Der Segel-Modus des Porsche Panamera S Hybrid erweitert meine Möglichkeiten als sanfter Cruiser. Schon bisher war ich zum Entzücken der Auto-Industrie imstande, die Norm­verbräuche zu erreichen, ohne zu lügen. Nun ging ich auf die Jagd nach einem grotesken Rekord.

Auto: Porsche, zwei Tonnen, viersitzig, vier Türen, lang und breit und niedrig, 333 PS aus einem 3-Liter-Sechszylinder, ­hybrid ­unterstützt durch vermeintlich lächerliche 47 Elektro-PS, die dem Drehmoment von gut 500 Nm unter die Arme ­greifen. Ziel: ein Auto dieser Art unter 7 Liter auf 100 zu bringen. Es misslang. Wie im Witz zwang ein VW-Bora-Fahrer mit Hut zu einer Notbremsung, just vor der Anhöhe vor Linz. Ergebnis am Ende: 7,1 Liter, wie im Prospekt.

Der Segel-Modus des Panamera bringt eine eigene Art von Stille. Man fühlt sich wie an jener Stelle der Apollo-Umlaufbahn, da die Schwerkraft der Erde aufhört und jene des Universums noch nicht beginnt. Man denkt schwerelos. Auch darüber, ob Grün und Größe nicht falsch gesehen werden. Mein engster Freund Helmut A. Gansterer, den wir von „trend“ und „profil“ kennen, schrieb im deutschen Magazin „Focus“ die Kolumne „Groß ist grün“. Seine Theorie: Jenseits der Städte sind alle großen ­Limousinen wie Audi A8, BMW 7, Mercedes S und VW Phaeton umweltfreundlicher. Sie halten, da ständig unterfordert, dreimal so lang wie zerrüttete Heul-Zwerge, die ständig neu ­erzeugt werden müssen, mit höchstem Energieaufwand.

Zweiter Gedanke im Segel-Modus des Panamera: Bietet ­Porsche den ersten elitären Sport-Viersitzer und Sport-Viertürer? Antwort: nein. Als Robin Hood, Anwalt der Armen und Nichtdeutschen, nenne ich den Maserati Quattroporte (übersetzt: Viertürer). Und mit ihm einen großen Mann, Armin Fehle, einen heimlichen Ästhetik-Papst Österreichs.

Fehle war ein glänzender Werber, auch Übersetzer der Bibel „Geständnisse eines Werbemannes“ ­(David Ogilvy), ehe er seine Engels-­Flügel über große Kunst-­Institutionen wie den Wiener ­Musikverein und Bayreuth ­breitete.

Er wählte für sich den ersten Maserati Quattroporte und dann noch einen.

Er wusste, er würde an diesem Auto ­leiden wie Tristan ohne Isolde und ­Orpheus ohne Eurydike. „Ich liebe ­jeden Kilometer“, sagte er, „den diese schnelle Skulptur läuft, und sie läuft öfter und länger, als man glauben würde.“

Erst recht gilt dies für den heutigen, besseren Quattroporte. Aber es gibt ihn nicht als genialen Hybriden wie den Porsche Panamera S. Auch in der Welt der elitären Autos bleibt die Qual der Wahl aufrecht.

Die Zweirad-Welt schien verzagt. Man wusste, man war Nr. 2 hinter den Autos, und verhielt sich wie die 4. Kreisklasse. Nun erkennt man dank Umwelt-Krise und Städte-Krise und allmählichem Wiedergewinn der Jugend auch den eigenen Wert wieder. Plötzlich bietet die maßgebliche Messe in Mailand mehr, als ein Bike-Freund verkraften kann. Unendlich viele, begehrenswerte Modelle für 2012. Was mir am besten gefiel: Man hörte auf meinen strengen Befehl, die Mittelklasse von 600–900 ccm aufzuwerten, die Einsteigern keine Angst macht, aber die volle, aktive Fahrfreude verheißt.

Ich werde meine ganze A-Schein-Familie aufbieten müssen, die Youngsters Robert, Georg und Konrad, um die Neuerscheinungen mit mir zu vermessen. Ich selbst lerne gerade eine neue Rasse von Bikern kennen. Jene, die auch im Winter fahren. Die 270 Kilo schweren Weltreise-Enduros haben jetzt ausgedient. Eine ging auf Glatteis im Stand auf meinen Co-Tester nieder wie ein Eisenbahnschranken. Er warf sich dazwischen, um die Kratzer zu minimieren. Das Bike ist wohlauf.

Ich bin derzeit unverzagt mit dem 40 PS starken, Satan-farbenen 500-ccm-Dreirad-Scooter Gilera Fuoco unterwegs. Ich steige aus den Dezember-Nebeln wie ein Sci-Fi-Killer. Vier Lichter ­glühen in meiner Front. Alle Weihnachts-Weiber bekreuzigen sich. Ein furchtloser Bulle hält mich an. „Gratuliere“, sagt er und weist auf mein Fahrzeug und den kalten Schneewald ringsum. „Nüchtern?“ fragt er. „Ausgetrocknet“, sage ich. Um ihm dies zu beweisen, sage ich ein schönes Weihnachtsgedicht für die Freunde und Helfer auf, aus der Feder von Günter Herburger:

Schnee, Schnee,
ohne ihn
täte Weihnachten weh.

Mein endgültiges Schräglagen-Fahrzeug für den Winter wird gerade maßgeschneidert. Mit ihm sollte ich auch Jänner und Februar überleben, die härtesten Monate. Bezüglich der ­Unterwäsche stehe ich mit Weltkonzernen in Verbindung, beispielsweise Löffler und Reusch. Die Autorevue wird berichten. Was ich damit sagen will: Wenn du ein Leben vor dem Tod willst, brauchst du neben dem Auto auch ein Motorrad und ­einen Roller.

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