Wanderbrief Januar 2011
Mögen wir noch lange das E-Klasse-­Cabrio mit knapp 400 PS genießen, ohne vom Sitz geschossen zu werden...
 

Wanderbrief Januar 2011

Noch einmal legt ein junges Herz, An meines seinen starken Schlag, Noch einmal weht an meiner Stirn, Ein juniheißer Sommertag.

01.05.2011 Autorevue Magazin

Ich verweise auf den besinnlichen Wanderbrief, in dem ich beschrieb, wie ich einen alfaroten Fiat 850 Spider in einer Senke bei Taormina derart zusammenstauchte, dass er künftig geistig verwirrt war und auf die Frage nach seiner Herkunft sagte: „Ich bin ein BMW-Kabinenroller namens Isetta aus München.“

Ich habe damals nicht alles über meine Sizilienreise erzählt. Ich verschwieg, dass ich dort weniger von der Mafia spürte als in Kalabrien und dennoch einem Begräbnis beiwohnte, das -unvergesslich blieb. Eine Reihe dunkler amerikanischer Limousinen hatte mich angelockt, kein einziger würdiger Italiener -darunter, kein Lancia Flaminia 1957 oder Alfa 8C Berlinetta 1935. Ich sah ein Rudel merkwürdiger Signori und die Elite der sizilianischen Klageweiber. Diese gehorchten ihrem eigenen -Gesetz: Wer schriller heult, hat gewonnen.

Seither verabscheue ich jedes Jammern. Wie die Götter Griechenlands liebte ich fortan die Lächelnden. Ich erzähle dies, weil ich gestern daran erinnert wurde. Dramatisch verspätet hörte ich vom Tod des Kollegen und Doyens Fritz B. Busch. Mein erster Gedanke war: „Hoffentlich keine sizilianischen Klageweiber.“ Busch hat einst als erster Journalist die Berichterstattung über -Autos reformiert, mit subjektivem Witz, hoher Erzählkunst und historischem Sachverstand. Die Nachrufe seiner Weggefährten Klaus Westrup und Malte Jürgens („Motor Klassik“) beruhigten mich. Sie wussten, was sich gehört. Sie waren Athen, nicht Palermo.

Ich wünschte nach einer umweltfreundlichen Fahrt mit dem hurtigen Elektro-Sportler Tesla Roadster S ähnliche Fahr-leistungen. Daher wählte ich mein Mercedes E Cabrio nicht fad als vernünftiges Diesel-Modell, sondern als saftigen 500er-V8-Benziner mit 0–100 = 5,3 und v-max = 250. Man weiß ja nie, wie lang man noch ein Cabrio mit knapp 400 PS fahren darf, ohne vom Sitz geschossen zu werden wie Jack Nicholson und Peter Fonda in „Easy Rider“.

Die Reaktionäre und red necks waren immer ungebildet. Auch die Krassen unter den heutigen Eiferern haben nicht alle Latten am Zaun. Sie kriegen die Dinge nicht auf die Reihe. Niemals -respektierten sie beispielsweise meine Fahrt von Wien auf die -Turracher Höhe im Mercedes E Cabrio als zitronengrasgrüne Reise von vier Erwachsenen mit Vollgepäck. Genau das aber war sie.

Darf ich von vorn anfangen? Ich kippe die Lehnen der vorderen Sitze des Zweitürers. Sie schnurren nach vorn und geben höflich den Zutritt frei. Ein schlanker Jurist und eine schlanke Medizinerin schlüpfen in die Geborgenheit des E-Klasse-Fonds. Ich kippe die Lehnen nach hinten. Die Sitze schnurren unverzüglich in vorprogrammierte Positionen für Fahrer und Beifahrer. Rechts steigt meine herzallerliebste Gelehrte (Mathematik & Physik) ein, links ich als Pilot, der noch nie im Supermarkt eine Zahnpasta stahl. Man darf sagen: hochwertiges Transportgut, educated & made in Austria.

Gut daher, dass dieser Mercedes die vollendete aktive Sicherheit bietet. Überholen von „rollenden Schikanen“ (Prof. Fritz Ehn) wird zum Wimpernschlag, schon mit 7-Gang-Automatik-Kick-Down, erst recht mit manuellem Gangwechsel per Schaltstock oder Lenkrad-Flappe. Die passive Sicherheit ist marken-gerechtes Maximum. Das Ganze kostet 11 Liter Normverbrauch und 257 g CO2. Im Preis des Testautos von 107 Kilo-Euros sind 400 Liter Kofferraum (offen: 300) enthalten.

Dazu kommt: Dieser mächtige V8, ständig unterfordert und von einer 7-Gang-Automatik zärtlich gewindelt, hält vermutlich 1 Million Kilometer lang. Fast alle überforderten Heul-Zwerge müssen bis dahin zehnmal mit größtem Energie-Einsatz reproduziert werden. Ich will mich nicht versündigen, halte aber, aus höherer Warte gesehen, die guten großen Cabrios à la Mercedes E für die grünsten Cabrios des Weltmarkts.

Ich reduziere jedes Lebensjahr auf den wichtigsten Begriff. Ein Jahr hieß beispielsweise 35601, weil ich als Privilegierter den Ur-Porsche fahren durfte. 2010 wird als ORANGE verbucht. -Telecom-technisch hatte ich viel mit Orange-Boss Michael Krammer zu tun. Und fotografisch mit Sony, dessen Alpha-Label orange-auf-schwarz auftritt. Der Hauptgrund für ORANGE ist aber die KTM 990 SMT, die übers Jahr bei mir wohnte. Sie hatte ihre eigene Garage, stand aber meist vor dem Zaun, weil sie auch von begeisterten Söhnen benützt wurde, die Umwege hassen.

Logisch wurde ich oft gefragt, was SMT heiße. Ich sagte -immer: Super Moto Travel. Also ungefähr: rennmäßig kurvengierig und affengeil anreißend, aber auch langstreckentauglich. Die oft genannte und vielleicht korrektere Bezeichnung Super Motard Travel verwarf ich als hässlich. Um den großen Sprach-Philosophen Ludwig Wittgenstein zu persiflieren: „Was man nicht aussprechen kann, darüber muss man schweigen.“

An trunkenen Tagen meines Testjahrs glaubte ich, Vater dieses Zweirads zu sein. Schon viel früher hatte ich in Richtung Mattighofen gepredigt: „Ein bissl mehr Druck aus dem Keller, sanftere Übergänge für Schreckhafte wie mich, ein wenig Schutz fürs Denkerhaupt und Protektoren fürs kalte Händchen, eine breitere Sitzbank statt dem kantigen Eierpecker und ein kleines Köfferchen, wenn’s beliebt.“

Eines Tages stand genau diese Maschine vor meiner Tür, mit 115 PS bei 9000 U/min und rund 100 Nm bei 7000 U/min, die sich auf ein Leichtgewicht von unter 200 Kilo stürzten. Sie war, wie alle KTM-Produkte des Weltklasse-Designers Gerald Kiska, unendlich technoid und unverwechselbar. Das Magazin Der Reit-wagen fand das ultimative Wort: „Die Kante.“

Hier meine Jahresbegleiterin KTM 990 SMT, mit Co-Tester Georg. Am schönsten war natürlich, wie sie aus den Ecken feuerte, wie leicht sie sich anfühlte, wie toll sie ­verarbeitet war, und wenn du sie in ihrer Kiska-Schönheit von der Terrasse im Hof sahst, ging zum zweiten Mal die Sonne auf:

Wanderbrief Januar 2011

Mein gedanklicher SMT-Entwurf wurde ein Erfolg. Er traf genau ins Herz jener, die den dramatisch überlegenen Paris–Dakar-Sieger fahren wollten, aber nicht so hart waren wie dieser. KTM-Boss Stefan Pierer hat mir diese Rechthaberei als erst-klassiger Schauspieler gedankt, tatsächlich aber nie verziehen. Ich kann dies beweisen. Nach einer Zweirad-Gala, in der ich die Laudatio auf ihn sprach, sagte ich zu ihm: „Ich rücke nun von der Idee ab, jedes Bike müsse ABS haben.“ Demgemäß ist die KTM 990 SMT ab 2011 mit ABS zu haben.

Für den Renault Wind bleibt nicht mehr der Platz, den er verdient. So wie seine Landsmänner Citroën DS3 und Peugeot RCZ soll er beweisen, dass die Franzosen im Esprit derzeit überlegen sind, was die kompakten Aufreger betrifft.

Der Renault Wind drängelt nur insofern schon jetzt in diesen Wanderbrief, als er alle bisherigen Rekorde für Strafzettel unterbot. Da ich ihn grundsätzlich auch an harten Tagen dachfrei -fahren wollte und der erste Schnee des Jahres einsetzte, borgte ich von meiner Liebsten ihr pinkfarbenes Zipfelhauberl. Nach zwanzig Minuten kam die Kelle.

Irgendwie überzeugte ich den Ordnungshüter, auf ewig -heterosexuell zu bleiben, worauf er mir die Buße erließ. So war er logischer Adressat für mein monatliches Dankgedicht an die Freunde und Helfer. Es kam von Theodor Storm.

Noch einmal fällt in meinen Schoß
Die rote Rose Leidenschaft
Noch einmal hab ich schwärmerisch
In Mädchenaugen mich vergafft

Angesichts des Schneefalls versagte ich mir den zweiten Teil des Gedichts. Er hätte so gelautet:

Noch einmal legt ein junges Herz
An meines seinen starken Schlag
Noch einmal weht an meiner Stirn
Ein juniheißer Sommertag

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