Wanderbrief Helmut Gansterer Citroën Citroen DS3 DS4 DS5
Phil tritt in seinen Wanderbriefen als Rächer der Enterbten auf, als Liebhaber der Cabrios und Anwalt der Verlöteten, die den Mainstream umschiffen. Beispielsweise DS3.
 

Wanderbrief Februar 2013

Mein heutiger Brief ist aus dem Riu Palace in Maspalomas, dem Negresco in Nizza und dem Westin Palace in Mailand

26.02.2013 Autorevue Magazin

Dies war nicht mein Tag. Zuerst brach der lange Bambus-Schuhlöffel, den ich im Riu Palace auf Gran Canaria entwendet hatte. Ich köpfelte auf den Hrdlicka-Torso. Die Stirn des Stürzenden traf die bronzenen Brüste der kopflosen Schönen. Ich wurde bis zehn angezählt, dann machte ich weiter. Ein schwerer Fehler. Alte Lebensregel: Wenn ein Tag so beginnt, wird er nicht besser. So war es dann auch. In der Garage sprang das brave ­Familien-Cabrio Chrysler Sebring zum ersten Mal nicht an. Sohn Georg hatte die Batterie ausgebaut, wie ein künstliches ­Gebiss geputzt und aufgeladen. Vor dem Wiedereinbau schlich er hinweg, tief erschöpft. Schade. Ich wollte in frostiger Offenfahrt meinen momentanen IQ, der bei gefühlten 70 lag, auf 90 auffrischen. Und zugleich meiner Holden eine Freude machen. Ihr Weihnachtsgeschenk war eine riesige Chinchilla-Sportmütze mit Ohrschützern. Ich wollte sie in der Stunde zwischen Wolf und Hund einweihen. Niemand würde mich damit sehen. Mit den Klappen gleichst du einem Langohresel. Und wenn du sie hochknöpfst, einem Volltrottel. Meiner Blonden ist nichts zu teuer, um mich anderen Weibern madig zu machen.

Dazu zählen auch spezielle Hausschuhe. Ich gehorche dem Befehl, sie bei Auslandseinsätzen vors Hotelbett zu stellen. Wie wirksam dies ist, erkannte ich im Oktober 2012. Aston Martin hatte mich zu einem Solo-Exklusivtest nach Nizza geladen. Der Shakespeare genannte Roadster-Prototyp zog sofort drei weibliche Stalker an. Mich nahmen sie billigend in Kauf, wichen aber bestürzt aus dem Schlafzimmer meiner Negresco-Suite, in das sie gewaltsam eingedrungen waren, zu Tode erschrocken beim Anblick meiner 300 Jahre alten, exquisit bestickten venezianischen Pantoffeln, die an der Fußspitze goldene Schellen an langen, federnden Hälsen tragen.

Auch bei Aston Martin denkt man ungern an meinen Nizza-Einsatz zurück. Zwar ging ich mit Shakespeare gefühlvoll um und werde ihm, sobald er die Bühne betritt, ein Autorevue-­Sonett schreiben, doch fielen meine Testtage rein zufällig mit dem gegenwärtigen Finanz-Engpass der adelsstolzen Company zusammen. Ich liebe das Negresco und seine Bar. Man findet dort alle großen Champagner in allen Gebindegrößen; dazu eine Single-Malt-Auswahl wie im Chin-Chin von Bandol; und bei den Rotweinen des Negresco zählt Lafitte zum Schüttwein. Man muss sich um Aston Martin aber keine Sorgen machen. Für anbetungswürdige Marken wie diese fällt der Vorhang nimmer.

Zurück zum Morgen-Grauen. Ich war dann in den Citroën DS5 umgestiegen. Neuer persönlicher Rekord: Polizei-Kelle schon nach 500 Metern. Zu schnell, wurde ich freundlich belehrt. Ich ereiferte mich: „Herr Kommissar, mon général“, sagte ich, „sehen Sie den Öldruck und die Wassertemperatur? Alles noch auf Null. Schlafmodus.“

„Ihr Auto“, sagte der pfiffige Bulle, „ist mit Eis im Kühler und ohne Öl 100 km/h gefahren, wo nur 50 erlaubt sind.“ Da erschrak ich doch. Theoretisch ein Verlust des Führerscheins. Dankbarkeit für die gnädige Geldstrafe. Sofortiges Aufsagen meines ­monatlichen Dankgedichts an die Freunde und Helfer. Ich wählte aus den Werken von Achim von Arnim:

Morgenstund hat Gold im Munde,
Denn da kommt die Börsenzeit
Und mit ihr die süße Kunde,
Die des Kaufmanns Herz erfreut.

Der Umstieg in den DS5 war kein großes Opfer gewesen. Im Winter mag ich auch Verlötete. Und die neue DS-Reihe sowieso. DS3, DS4 und DS5 unterscheiden sich in bester Citroën-Manier deutlich vom Mainstream. Der DS3 mit seiner kecken B-Säulen-Fahne könnte überhaupt einer meiner Darlings werden, falls man ihn wenigstens zum Fast-Cabrio machte, in der Art des geglückten Fiat 500 C, mit Voll-Striptease-Schiebedach inklusive abgestreiftem Heckfenster. So würde er vielen ­offenen Kompakt-Viersitzern einheizen.

Anm. d. Red.: Wir wissen jetzt, was wir bisher nur ahnten: Phil hat den sechsten Sinn und das zweite Gesicht. Das von ihm hellgesehene DS3 Cabrio gibt es schon, exakt wie von ihm beschrieben. Nur der Preis steht noch nicht fest. Waldecks Kommentar zu diesem Wunder: „Man hat mich im Vorhinein nachgeäfft. Typisch Pariser. Gehen hinter dir in die Drehtür und kommen vor dir heraus.“

Der DS5 als Größter der Reihe fällt anders auf. Außen verspielt männlich, von der angriffslustig funkelnden Front bis zur horizontal geteilten, bespoilerten Heckscheibe. Und innen? Meine Halbbildung in Gynäkologie ermächtigt mich zur Vermutung, die Pariser Designer hätten den Versuch unternommen, den Mutterleib nachzubilden, in dessen Geborgenheit, wie gesagt wird, jeder Unglückliche zurückkehren möchte. Nie zuvor sind für den Interieur-Entwurf so viele Kurvenlineale verschlissen worden, eine konkave Hügellandschaft à la Südsteirische Weinstraße, Schwäbische Alb, Toskana oder Alpes-de-Haute-Provence. Das schwellend Unkantige wird in seiner Uterus-Affinität nur von jenem extra gepolsterten Bentley übertroffen, den John le Carré in seinem Roman „Der wachsame Träumer“ beschreibt. Tipp am Rande: Dieses kaum bekannte Carré-Meisterwerk hat nichts mit Agenten zu tun, sondern nimmt vergnügt das Faust-Mephisto-Motiv auf, die Verschreibung der Seele an den Teufel.

Der DS5 greift sich zwar härter an als die unterfütterten ­Ledertapeten eines Bentley, dennoch teilte sich die Idee einer warmen Geborgenheit mit, als ich durch die grimmig kalten Winterhügel des Wienerwalds stob. Je schneller, umso komfortabler. Die Federung ergibt keine City-Sänfte, stützt aber den schnellen Reiseschnitt. Den man sich dank feiner Turbolader verbrauchsmäßig erlauben kann, von den zwei R4-Benzinern zu den zwei R4-Commonrail-Dieseln bis zum R4-Diesel-Hybrid. Dieser hört auf den leicht fasslichen Namen Hybrid4 EGS6 Air­dream und darf normgerecht mit 3,5 Liter auf 100 km ausgelobt werden, auch mit Quasi-, weil elektrischem Allrad.

In der äußeren Hülle ist der DS5 am ehesten ein Sportback, 16 cm länger und 13 cm niedriger als der technisch verwandte Kompakt-Van Peugeot 3008. Die bunte Motoren-Palette spricht etliche Zielgruppen an. Preise von 32.800 bis 41.100 Euro, Normverbräuche von 3,5 bis 7 Liter, Hubräume von 1600 bis 2000 ccm, Pferdestärken von 112 bis 200 PS, Drehmomente von 240 bis 450 Nm, Beschleunigungen von 8,2 bis 12,4 Sekunden auf Hundert, V-mäxe von 191 bis 235 km/h.

DS5-Weltrekord für Autos seiner Größe: elf Lichtöffnungen, zwei davon in der gespragelten A-Säule, drei im Plafond. Letztere sind dimmbar, von viel Himmelslicht aufs Fass des Diogenes. Ich wählte auf der Fahrt durch den Schnee die dunkle Denkerhöhle, mit erfreulichem Resultat. Als ich im Morgengrauen gestartet war, hatte ich Hrdlicka-Schädelweh. Als ich am Abend heimkam: IQ 105. Noch zwei Wochen im DS5 und ich bin Einstein.

Hagestolzen Männern wie unsereins genügt es nicht, recht zu haben. Man will auch recht bekommen. Vollends undenkbar, einen Fehler einzugestehen. Ich versuche dies heute trotzdem, knirschend wie das Getriebe einer greisen Vincent Black Prince. Also: Als KTM-Boss Pierer vor zwei Jahren ein baldiges Produktionsziel von 100.000 Stück pro Jahr feucht-träumte, lachte ich mit 72 Zähnen. Das war unangebracht. Ich nehme jetzt 70 Zähne zurück. Indiz: 33 Prozent KTM-Zuwachs im Jahr 2012, das manche Bike-Hersteller zweistellig im Minus sah.

Auch der Horizont der Ösi-Marke leuchtet. Die Klein-KTM (Duke 125 und 200 und neu 390) schlagen ein wie Meteoriten. Der neue 1290 Superduke-Prototyp war neben der Moto Guzzi California 1400 das Highlight der maßgeblichen Mailand-Zweirad-Messe. Und Michael Pfeiffer, als Chefredakteur von MOTORRAD der mächtigste Zweiradpublizist Europas, stellte der neuen KTM 1190 Adventure/R (leicht & stark) ein faires Zeugnis der Begeisterung aus. Obwohl er ein in der Wolle gefärbter Deutscher und Patriot ist. Wie übrigens jeder Tester immer auch ­Patriot ist. Es gibt nur zwei Arten davon: jene, die es eingestehen, und jene, die nicht.
Für 2013 freue ich mich auch auf viele neue Nicht-KTMs, wie in den Jahren zuvor. Ich teste alles gern, was nicht bis drei auf den Bäumen ist. Und was dem Individualverkehr nützt, der letztlich ein Sieg des beweglichen Geistes über die Masse ist.

Ein Wintertipp für Schräglagen-Enthusiasten geht sich noch aus. Drei Bücher für alle, die hoffärtig glauben, schon alles zu wissen und alles zu können: „Perfekt fahren mit MOTORRAD“ von Michael Pfeiffer und seiner Italien-Botschafterin Eva Breutel. „Das Motorrad perfekt beherrschen“ von René ­Degelmann. Und der immergrüne Klassiker „Die obere Hälfte des Motorrads“ (Über die Einheit von Fahrer und Maschine) von Bernt Spiegel.

Mehr zum Thema
pixel