Wanderbrief Phil Waldeck Helmut Gansterer Februar
Die kleine Duke ist ein Underdog.
 

Wanderbrief Februar 2012

Ein Brief aus dem Wein-Genuss-Hotel Pössnitzberg in der Steiermark und dem Hotel Camino Royal in San Salvador in El Salvador.

26.02.2012 Autorevue Magazin

Ich war meines Wissens nie Weib, zeige aber beim Smart-Cabrio entschiedene Muttergefühle. Gegen meine friedliche Natur bestrafe ich jeden Dumpfgummi, der dieses Auto Hoppelhäschen nennt. Diese Benennung ergrimmte mich schon bei der ersten Smart-Generation (ab 1998), erst recht bei der zweiten (ab 2007), wo ein automatisiertes Fünfganggetriebe das ursprüngliche Sechsganggetriebe ablöste und mit kürzeren Schaltzeiten die Nick-Neigung minimierte.

Bewegungsgestörte mit genau null Hand-Bein-Koordination schaffen es immer noch, beim Schalten einen Nick-Wiege-Wechselschritt einzulegen. Sie fahren den Smart nicht. Sie reiten ihn, geben aber dem Pony die Schuld. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch die Ausreden. Die einzig glänzende Rechtfertigung gelang dem Aristokraten Adolphe de Cluny: „Durch einen Sturz vom Pferd verlor ich jedes Gefühl für Moral.“

Tatsache ist: Wenn du wie unsereins mit niederösterreichischem Feingefühl zur Welt kamst, kannst du den Puck flach am Eis halten. Dann fährt sich der Smart komfortabel. Frage: Beschleunigung? Antwort: ja. Zirka 0-100 = 14 Sekunden in meinem Test-Smart-Cabrio Fortwo micro hybrid drive 52 kw passion, dessen Name länger ist als die 2695 mm des Autos. Immerhin jagt der tapfere 999-ccm-Dreizylinder-Benziner mit 71 PS und  92 Nm die Seilbahnkabine auf 145 km/h. Es gefiel den Daimler-Marketing-Leuten, das Wort abgeregelt in Klammer ­hinzuzufügen. Wer weiß, wie schnell der Smart sonst gegangen wäre. 300 km/h? Schieben wir dies zärtlich zur Seite, wie auch den Begriff micro hybrid drive. Er meint hier eine gut funktionierende Start-Stopp-Automatik, nicht mehr, daher Micro.

Zwei Anmerkungen für die Speed-Fraktion der Kleinautofans. Erstens: Das niedrige Gewicht von (ab) 825 Kilo trägt zu einem Flinkheitsgefühl bei. Es liegt nur knapp über dem Gewicht mancher Motorräder, beispielsweise der Boss Hoss mit Chevy-V8 meines Neunkirchner Arztes Gerry „Brandy“ Brandstätter (Test siehe Autorevue-Premium Nr. 1), die ich jüngst wieder fuhr, im Dezember, der im Jahr 2011 ein Mai war.

Zweitens: Wer den Smart als Münchhausen-Kugel wünscht, möge zum steil geföhnten Smart Brabus Fortwo greifen. Dieser geht 155 (abgeregelt) und holt sich per Turbolader den Hunderter in 8,9 Sekunden. He, Leute! Der legendäre Oldie 300 SL aus dem Smart-Haus Mercedes, der in den 1960er-Jahren als Rakete galt, schafft 9,9 Sekunden, hart an der Erniedrigung von 10 Sekunden, und auch das nur per Tritt eines Scheichs, dem es egal ist, dass dieser 300 SL derzeit um 580.000 Euro (Zustand 2) gehandelt wird. Da wirken die Preise der Smarties vernünftig.

Obwohl: Brutto, also mit österreichischem Steuer-Schlagobers, tun die 20.488 Euronen meines Test-Smarts vielen weh. Sie mögen aber wissen: Er ist in „Passion“-Luxus (1849 Euro) vollständig möbliert. Er hat alles drin, inklusive Regensensor und dem klassen Audio-System mit Navi, USB, Bluetooth und iPhone-Anbindung (483 Euro). Und ratet mal, welcher KTM-Fan und Harley-Evangelist zickig auf das Sondermodell „Edition Nightorange“ (1.699 Euro) bestand und geduldig darauf wartete? Eine affengeile Version, in der alles orange-and-black ist.

Wanderbrief Phil Waldeck Helmut Gansterer Februar

Stell dir beispielsweise Folgendes vor: Du suchst deine feine Herberge. Du fährst im Nightorange-Cabrio vor, weit offen, braungebrannt wie ein Luftikus, schwarzes Polo, affige orange Sonnenbrille. Da verstummen schon mal die schwatzhaften Dirndlweiber, die mit hochgegürtetem Dekolleté auf dem ­Bankerl vor dem Hotel sitzen, um unter den Ankommenden ­einen guten Vater ihrer künftigen Kinder zu finden.

Sofortige Ergebenheit, wenn sie dann noch am Smart den kleinen Hänger sehen, darauf zwei Alu-Koffer und ein leichtes orange-schwarzes Motorrad, eines von zweien, die ich hier ­apodiktisch vorschreibe. Es muss ja perfekt zum Nightorange-Smart passen, also zur eher fedrigen Fraktion gehören. Die ­beiden befohlenen Modelle sind krass unterschiedlich.

Variante 1: Harley-Davidson 883 Roadster im Retro-Look, Black-Orange-Chrom, V2-Murl schwarz pulverbeschichtet. An den Tankstellen umringen dich Trauben von Glücklichen, denen die großen Harleys zu fett und zu teuer sind. Viele wacheln mit einem Euro-Hunderter. Sie wollen sich einen Proberitt erkaufen. Ich nehme jede Banknote, auch Zehner, und höre mir dann ihren Laien-Test an. Sie schätzen den sicheren Stiefelkontakt vom niedrigen Sattel auf den Asphalt, den fülligen Sound, die philosophische Friedfertigkeit der Fortbewegung. Und sie mögen es, von unten auf ein liebendes Volk herabzublicken. Jene, die der Besitzwille übermannt, verweise ich an den Fischer-Ferdinand, das Harley-Herz Österreichs, Dealer und Gastronom und ­Philanthrop, Triesterstraße 260.

Variante 2: KTM 690 Duke, orange-black-white. An den Tankstellen umringen dich Trauben von Glücklichen, die die Sieg-Marke fahren wollen. Sie sehen durch dich nach der ersten mitmenschlichen KTM (Bestseller SMT 990 ABS) nun auch
ihre erste, weit billigere, nicht-nur-tierische 690 Duke. Wahrscheinlich gibt es kein Motorrad, das für 2012 so mehrheitsfähig gemacht wurde: dramatischer Gewinn an Laufruhe, Sozius­fähigkeit, Langstreckentauglichkeit, ABS. Die Duke ist immer noch die wildeste Tänzerin im Zirkus und in den Serpentinen-Pirouetten.  Aber sie ist nicht mehr allein für den digitalen KTM-Fahrer-Typ da, der nur zwei Aggregatszustände kennt: Null und Eins, Koma und Panik, Vollbremsung und Vollgas.
Die 690 Duke von 2012 kann jetzt alles.

Kehren wir zurück zu dem Moment, da Du beim Hotel vorfährst, im expressiven Phil-Waldeck-Train, also Nightorange-Smart mit Hänger, darauf wahlweise Harley 883 oder KTM 690. Die Bankerl-Frauen, ein weises Geschlecht, umklammern nun knieend deine Knie. Sie wittern den Lebenskünstler in dir. Zugleich einen umsichtigen Familien-Vater, der kein Aufhauer ist, sondern um den Preis eines aufgemotzten Mittelklassewagens die maximale Lebensfreude kaufte. Sie, die Dirndldamen – vielleicht sind es zwei oder drei, die um dich anhalten – haben jahrelang auf einen wie dich gewartet, wie die Spinnerin am Kreuz in Wien, die ihren Kreuzritter sehnsüchtig zurückhoffte.

Später, im Zwielicht des vorehelichen Gemachs, wirst du gefragt werden, was in den zwei Alu-Koffern sei. Beim ersten wirst du unscharf bleiben: „Dies und das.“ Es ist dein in Wien so genannter BUK, der geheimnisvolle Beischlaf-Utensilien-Koffer. Der zweite Koffer, wirst du sagen, entlaste den doch bescheidenen Kofferraum des Smart, obgleich dieser, bei vorgeklappter Beifahrerlehne, gar nicht übel sei.

Ich erreichte – ohne Hänger und Bike, dafür mit meiner Blondine – meinen Freund und Weltklassewinzer Erich Polz und sein Wein-Genuss-Hotel Pössnitzberg nach kurzem Zwischenspiel. Meine Holde überragt alle Göttinnen, ist aber im Auto eine Zicke wie jede andere: „Tempolimit! 70! Ich muss deine Strafzettel und Erlagscheine täglich zur Post tragen, nicht du!“ Diese Ausrufe mitten im bullenfreien südsteirischen Weinland. Wo ich logisch keinem Freund und Helfer mein monatliches Dankgedicht aufsagen kann. So widme ich es meiner Gefährtin, aus den Werken des persischen Poeten Khalil Gibran:
Ein töricht’ Sohn ist eines Mannes Herzeleid
Ein keppelnd’ Weib ist wie ein ein triefend’ Dach

Ich erzähle noch schnell vom einzigen Auto, das kleiner war als der Smart, und von der einzigen Enttäuschung mit dem Smart daheim. Mein Privattaxi in San Salvador (Heiliger Erlöser) war eine Wellblech-Telefonhütte auf Rädern, gebaut nach dem Prinzip eines moving targets, eines möglichst kleinen, beweglichen Ziels. Zwei Tage nach meiner Abreise flog mein Hotel Camino Royal, das Imperial von El Salvador, in die Luft.

In Wien bedrängte ich meinen Boss: „Wir brauchen einen Autorevue-Renner, der uns als Kfz-Könige darstellt. Aber sympathisch. Klein. Einen Renn-Smart. Wir hängen den 3-Zylinder-Murl der Triumph-Speed-Triple hinein. Karosserie aus Karbon, Spurweite eines Katamarans, fertig.“ Kornherr: „Unendlicher Schwachsinn. Zu teuer, zu gefährlich.“ Dies von einem, der mit viel Kohle hässliche Youngtimers aufziegelt und diese in Rallyes fährt wie die letzte Sau. Unser Beruf ist nicht so schön, wie er von außen oft aussieht.

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