Wanderbrief Februar 2011
Still alive and well: Chanel Nr. 5, die Paisley-­Krawatte...
 

Wanderbrief Februar 2011

Der Atem fährt als Rauch aus meinem Munde. Die Luft trägt weit. Die Erde widerhallt. Elisens Lachen tönt wie eine runde Glocke von Silber durch den weißen Wald.

08.05.2011 Autorevue Magazin

Manche Produkte wurden oft totgesagt: Chanel Nr. 5, die Paisley-Krawatte, der Thonet-Sessel, der Bene-Ordner, der Schilcher, bei Autos der Porsche 911. Alle sind still alive and well. Beim Elfer ist es wieder so weit. Die Zulassungs­zahlen sind gut, aber nicht berauschend. Priester der ­Finsternis rüsten wieder zur letzten Ölung.

Man wird sich wieder irren. Der 911 wird auch die nächste Renaissance erleben. Es wird ihn vielleicht bald als Option mit Radnabenmotoren geben wie den Urahn Lohner-Porsche. Man wird ihm vielleicht kleine Mayr-Diäten verordnen. Man wird in Stuttgart und Wolfsburg klug genug sein, seine Preise zu spreizen, nach oben hin noch teurer für die neureichen Stammes­fürsten in Russland, China und Arabien, nach unten hin billiger für junge Aufsteiger. Der wesentliche Grund seines Überlebens als Immergrün bleibt davon unberührt: die Einzigartigkeit. ­

Genauer: der mächtige Heckantrieb, die stilistisch technoide Sauberkeit in Skulptur und Interieur, der kunststoffferne ­Geruch, die kastratenferne Stimme, die Racing-Qualität der ­Materialien, die Wertstabilität. Man hat mir immer verziehen, dass ich den 911 als Darling kenntlich machte. Er ist ja niemandes Konkurrenz. Man mag ihn total oder gar nicht. „Er ist ein Auto, das keiner braucht“, schrieb Anton Hunger, der beste PR-Herold, den Porsche je hatte, mit undeutscher Selbstironie. Er fand damit das beste Argument für den Elfer. Denn am Ende unserer Tage wird uns nur das wichtig gewesen sein, was die bürgerliche Vernunft und die tierischen Grundbedürfnisse überstieg, also Kunst aller Art.

Der 911 ist das dauerhafteste wiedererkennbare Kunstobjekt, vergleichbar Rodins „Denker“, nur schneller als dieser. Außerdem stand das Ur-Atelier des 911 in Österreichs Wäldern. Viele Gründe also, ihm nach längerer Zeit wieder einen Wanderbrief zu widmen, mit speziellem Hinweis auf seine Fähigkeiten als Schneeleopard.

Vorsicht, Glatteis, denke ich, als ich auf das Auto zugehe. Beim Wort Glatteis liege ich schon waagrecht in der Luft, wie die schwebende Jungfrau eines Illusions-Artisten. Zum Glück ist am Porsche 911 alles rund. Unversehrt fliege ich bäuchlings über den Kotflügel auf die Kofferraumhaube. Eine Hand krallt sich am Scheibenwischer fest. Die handgenähten ­Budapester mit den winterklugen, glatten Ledersohlen baumeln vor dem integrierten Stoßfänger. Ein blödes Kind fragt: „Was macht der Onkel da?“ Ein blöder Vater antwortet: „Er hat sein Auto lieb, weil es 100.000 Euro kostete.“ Folgsam mache ich ein paar Begattungsbewegungen, obwohl ich in der Missionarsstellung ungeübt bin.

Erst in der Heimat, wie ich das 911-Cockpit mit dem links steckenden Zündschlüssel seit dem ersten eigenen Carrera nenne, hyperventiliere ich. Um Luft zu kriegen, öffne ich das Verdeck. Das hat bei Minusgraden selbst ein Porsche-Cabrio nicht gern. Die Gummi­lippen am Windschutzscheibenrahmen trennen sich unwillig mit ekligem Schmatzen, als wehre sich ein Eishockey-Crack gegen den überraschenden Kuss ­eines Priesters.

Kaschmirschal, Pudelhaube und beschlagfreie Schibrille liegen unter dem noblen Lederdeckel des Seitenfachs. Offene Seitenfächer sind ein Stigma der billigen Ware unter 100.000 Euro. Es hat minus 7 Grad. Schnelles Einheizen ist angesagt. Das wirft einen Konflikt auf, den ich eine Stunde später Rudolf und Anita Schwarzböck erkläre, die mir in Hagenbrunn eine wärmende Rotwein-Cuvée zur Verkostung reichen.

Wanderbrief Februar 2011

„Das Glatteis“, doziere ich, „verlangt zärtliches Drehmoment an der Tangente des Reifenumfangs, also das normale Automatikprogramm, das wie ein Taxler früh hochschaltet. Bei 50 km/h bist du schon im siebenten Gang. Die Blitzheizung hingegen verlangt hohe Drehzahlen, also die Sportprogramme der Automatik, wo erst bei 200 km/h von der Ersten in die Zweite geschaltet wird.“

„Ist nicht wahr!?“ sagen und fragen die schönen Schwarzböcks. Sie schauen mich forschend an, als hätte ihr Portugieser-Blau­burger-Zweigelt-Mix einen höheren Alkoholgehalt, als sie bisher glaubten. „Kleiner Scherz“, beruhige ich, „die genannten Geschwindigkeiten sind untertrieben beziehungsweise überspitzt.“

In der manuellen Ebene des 7-Gang-Doppelkupplungs­getriebes gibt es zwei Löffel zum Umrühren, die lenkerfesten Flappen und den Schaltstock für Nostalgiker. Merke: Automatikgetriebe, die manuell nur einen Löffel bieten, sind das Stigma von Billigware unter 100 Kilo-Euronen. Krasse Traditionalisten kaufen allerdings das 6-Gang-Manual-Getriebe. Porsche darf auf diese Option nie verzichten. Viele Liebhaber des 911 werden ohne Kupplungsfuß nicht glücklich.

Ich weiß dies vom Wiener Porsche-Club. Aufgrund einer Ehrenschuld bin ich in Geiselhaft des Club-PR-Chefs Uli Taller. Er zwingt mich, einmal pro Jahr als Demokrat vor Monarchisten zu sprechen, die an die natürliche, gottgewollte Autorität von Porsche-Produkten glauben. Heuer, im Trummelhof zu Grinzing, verlangte Herr Taller eine Lesung aus den Waldeck-Gast-Essays in den Gansterer-Büchern „Endlich alle Erfolgsgeheimnisse“, „Darf man als Nackerta ins Hawelka?“ und „Der neue Mann von Welt.“

In der Signierstunde und den nachfolgenden Diskussionen waren die Handschalter in der Mehrheit. Einer fand den schönen Vergleich von Handsemmeln und Maschinensemmeln. Und jeder Zehnte gestand eine unverblasste Liebe zu alten, luftgekühlten 911ern, als es noch keine Automatiken gab oder nur ganz schlechte, würgende und kraftverzehrende Selbstschalter, mit denen man greisen Erbinnen entgegenkam, die sich per ­Porsche verjüngen wollten.

Die Daten meines aktuellen Schneeleoparden: 6-Zylinder-­Boxer, 3800 ccm, 385 PS, Allrad, 420 Nm, 0-100=4,7,
v-max = knapp 300 km/h, Normverbrauch 11 auf 100, CO2 rund 250. Das Fahrwerk verdient ein Datenbuch. Ich erkläre es besser historisch. Vor 20 Jahren galt schon der erste 911-Allradler für „auto, motor & sport“ als nicht weiter verbesserbar. Erst recht sagte man dies vom vorletzten, der blitzschnell den Schlupf maß und per Visco-Kupplung die Kraft auf Front und Heck verteilte.

Mein neuester S4 kann noch mehr.

Er kennt den vorauseilenden Gehorsam. Die Daten der Sensoren für Raddrehzahl, Längsbeschleunigung, Querbeschleunigung und Lenkwinkel werden in Parallel-Kennfeldern (früher: seriell) fast lichtgeschwind mit Grip-Mustern abgeglichen und ausgesteuert. Effekt: Man erkennt das Schleudern vor dem Schleudern. Man braucht keine Sicherheitsreserven mehr. Das übliche Allradler-Untersteuern ist ausgemerzt. Man erreicht nun den honig-sämigen Flow eines reinen Hecktrieblers. Selbst un­talentierte Fahr-Ferkel wie ich sind nun Schneekönige.

Quiekend und grunzend arbeitete ich die tief verschneiten, ungeräumten Nebenstraßen des Weinviertels auf. Ich probierte alles, und alles gelang. Radio und CD und Navi blieben logisch stumm. Was hätten sie auch bringen sollen? Der Nachrichten-Schotter hätte meine blendende Laune erstickt, auch Schuberts genialer Liedzyklus „Winterreise“ wäre eine Antipode meiner Stimmung gewesen.

Bald wusste ich, es gebe für dieses Auto nur drei Blödmann-Grenzen. Erstens: In Schneewechten zu krachen, die deutlich ­höher sind als die Bodenfreiheit. Zweitens: So schnell in die ­Kurve zu fahren, dass die physikalischen Trägheitskräfte jede Fahrwerksfeinheit überwinden. Um auf diese Weise hinauszufliegen, braucht man stumpfere Sinne oder mehr Mut als ich. Drittens: Du verlierst Haube und Brille im Schnee-Orkan der Offenfahrt und verwechselt den Baum mit der Straße. Diese drei Faktoren hatte ich im Griff. Den vierten nicht. Kein Bulle, so dachte ich, würde bei Frost im Schneetreiben unterwegs sein. Jeder würde unter dem Rock einer Punsch & Glühwein-Standlerin amten.

Der Bulle, der mich nahe Großmugl stoppte, war logisch fromm und dennoch glücklich, als er mich sah. Er hatte in der Schnee-Spirale, die ich nachzog, eine Windhose à la Katrina ­befürchtet. Er hatte Großmugl und sich selbst schon als Natur­opfer wie New Orleans abgehakt. In seiner Erleichterung hob er nur den strengsten Zeigefinger. Keine weiteren Schikanen. Ich bedankte mich mit dem Monats-Gedicht an die Freunde und Helfer. Ich wählte einen Vers von Friedrich Georg Jünger, der schon 1930 einen Schneeporschecabriofahrer des Jahres 2011 beschrieb:

Der Atem fährt als Rauch aus meinem Munde.
Die Luft trägt weit. Die Erde widerhallt.
Elisens Lachen tönt wie eine runde
Glocke von Silber durch den weißen Wald.

Die aktuell gültige Media-Analyse bekränzte die Autorevue. Viel Lorbeer. Als frei kreisender Satellit gratuliere ich herzlich. Zumal die vielen neuen Leser für 2011 dicke Hefte verheißen. Dort ­finden alle Geschichten Platz, die ich diesmal zugunsten eines Autos verschob, das in Österreich auf die Welt kam und seine beste Zeit noch vor sich hat.

Mehr zum Thema
pixel