Phil liebt die sprachliche Erfindung der Autorevue-Redaktion: „Ein bestes Auto der Welt“. Er schätzt sie als „wunderbare Formel der Wahrhaftigkeit, da wir alle Individuen sind und auch kein Auto dem anderen gleicht“.
 

Wanderbrief Dezember 2013

Mein heutiger Brief ist aus dem „Hard Rock Café“ in Mombasa, dem „Sheraton ­Salzburg“ und der „Vinothek Wagram“ in Kirchberg ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

30.12.2013 Autorevue Magazin

Allerheiligen. Früher Morgen. Das Land liegt im ersten Frost.

Ich teile mit 333 PS die Heerscharen der Frommen, die wie vom Himmel gefallene Raben zu den Friedhöfen flattern. Auch ich besuche gern meine Ahnen, aber nie zu Allerheiligen. Gerade an diesem Tag ist mir nach vielen fröhlichen Wirts­häusern am Wagram.

Ich meide am Allerheiligentag auch schwarzen Autolack, den ich ansonst, verbunden mit blaufränkischroten Ledersesseln, ­besonders gern habe, beispielsweise an einem Jaguar XK 150 Roadster, Baujahr 1959.

Mein ladenfrisches Luxus-Cabrio (prüfe ab jetzt Deinen Sachverstand und tippe, welches gemeint ist) tritt schneeweiß auf. Es würde gut zum jährlichen Blumenkorso in San Remo passen. Es hat was frühlingshaft Duftendes. Auch die Dimensionen wirken aufgeblüht. In weißem Hochglanz wirken die 470 cm Länge und 180 cm Breite noch mächtiger, als sie sind, die 140 cm Höhe hingegen durch das schwarze Stoffdach sportlich geduckt. Vor dunklen Eichenwäldern sieht der weiße Wagen auch mit ­geschlossenem Dach wie offen aus.

Ich darf jetzt nicht an San Remo und Frühling denken. Ich muss dem neuen Winter, dieser Sau, auf den Rüssel pinkeln. ­Erstens durch demonstratives Öffnen des mächtigen Dachs (dauert knapp 25 Sekunden). Zweitens durch resche Fahrweise trotz ­erster Glatteisflecken im Rohrbacher Wald. Das ist in diesem Fall kein Risiko. Obwohl es ein Hecktriebler ohne Allrad ist. Kein großes Viersitzer-Cabrio kann sicherheitsmäßig so hochgerüstet werden wie dieses.

Da reden wir nicht von Selbstverständlichkeiten wie ABS, Antischlupf und adaptivem Fahrwerk. Das haben mittlerweile auch meine besten Motorräder. Nehmen wir aber das „Fahr­assistenz-Paket Plus“. Darin finden wir: DISTRONIC PLUS mit Lenkassistent, PRE SAFE – Bremse mit aktivem Fußgängerschutz, BAS PLUS mit Kreuzungs-Assistent, aktivem Totwinkel-Assistent und Spurhalte-Assistent. Manche dieser Goodies sind auch einzeln bestellbar, wie auch zusätzliche Seiten-Airbags im Fond und eine Rückfahrkamera.

Phil vergibt den Titel in diesem Wanderbrief an das neue Mercedes E Cabrio und erinnert an ­einen Mercedes SE der Baureihe 126, der in Afrika mit 1 Million Kilometern auf dem Tacho einschlief.

Mercedes SE der Baureihe 126, der in Afrika mit 1 Million Kilometern auf dem Tacho einschlief.

Hier zeigt sich der einzige mir bekannte Segen eines hohen Grundpreises. Wer die 68.120 Euro (inkl. NoVA und 20 Prozent Mwst.) für die Nackt-Version meines 400er-Testmodells auf der Kante hat, wird auch die 2.345 Euronen fürs komplette Fahr­assistenz-Paket Plus in der Küchenlade finden. Oder das Kleingeld für andere Aufrüstungen in Interieur, Exterieur, Komfort, Infotainment und Fahrwerk bis hin zu rabiaten AMG-Varianten.

Jetzt spätestens wissen selbst die 100 Leser, die täglich als blutige Anfänger zur fanatischen Autorevue-Familie stoßen, von welchem Auto die Rede ist. Jawohl: Mercedes E 400 Cabriolet.

Als echter Österreicher, der nur zwei geistige Grundstellungen kennt (Panik und Koma), kenne ich auch nur zwei Philosophien bei Offenen:

Entweder ein hochgerüstetes Luxus-Cabrio wie der E 400, inklusive sieben „Park-Paket“-Kameras in Front und Heck und den Außenspiegeln, falls wir morgen nicht mehr in Parkplätze für Iveco-LKWs finden. Oder die herzlich geliebten, puristischen Kompakt-Roadster wie Mini Roadster, Mazda MX-5 und Morgan Plus 4, wo mir jeder Servo-Motor und jedes Windschott widerlich ist.

Die 7G-TRONIC PLUS greift sich geschmeidig die sieben Gänge.

Man hat längst die Anmutung stufenloser DAF-­Auto-Getriebe und Scooter-Getriebe erreicht. Und die Heizung lacht über den Winter. Sie schaufelt notfalls eine Hitze ins Cockpit, als säße ich am offenen Spundloch des größten Voest-Hochofens.

Selbst das ärmere, auf den hinteren Rängen im eisigen Winterwind sitzende Volk des Viersitzers wird mächtig gewärmt. Eine Thermotronic erlaubt sogar dort die eigene Temperaturwahl. Eine Rechts-links-Trennung wie im Cockpit fehlt freilich. Auch der AIR SCARF genannte, dreistufige, getrennt regulierbare Wärmeschal ist nur für die Vorderleute gedacht.

Dennoch: So geschützt saßen die Hinteren noch nie. Sie sind keine Verbannten und Todgeweihten mehr. Das bewährte Prinzip, Erbtanten im Winter auf den Rücksitzen von Vierer-Cabrios durch Erfrierung hinzurichten, funktioniert im perfektions­nahen Mercedes E Cabrio nimmer.

Die wesentlichen Vorzüge des Mercedes E Cabrios gelten schon für die Billig-Varianten E 220 CDI (170 PS, Diesel) und E 200 (184 PS, Benziner), beide für 50 Kilo-Euronen wohlfeil.

Speziell im 400-Turbo-V6 (und 500-V8) fährt der Sportsmann gern auch vertraute Strecken, wie unsereins zuletzt Wien-Salzburg. Die 5,3 (4,9) Sekunden auf 100 km/h und freiwillig ­abgeregelten 250 km/h nehmen der Sache die Langeweile. Zumal auch der Sound stimmt: sanft schnurrig bis fast-wild bei ­rabiatem Kick-Down. Die Kombi-Verbräuche von 7,6 (9,1) Liter auf 100 km sind für 333 (408) PS brav.

In Salzburg besuchte ich einen Kongresshaus-Vortrag meines trend-Haberers Helmut A. Gansterer (siehe auch Editorial). Nachher ehrten wir als Globetrotteln, die fast alle Welthotels kennen, den Herbert Mosbruck mit unserem Longtime-Award als besten Hotelier des Universums. Er bewahrte im Sheraton Salzburg die Tabakkultur-Denker-Bar. Dort servieren klasse Bar­keeper internationaler Herkunft. Der nahe Mirabellgarten bietet maßvolle Spaziergänge zur Lüftung des Kopfes.

Apropos international: Ich schlafe gern untertags an der ­Theke des Hard Rock Cafés in Mombasa, Kenia. Unweit davon liegt das Gehöft meiner Freundin Renate. Ihr unendlich tapferer Mercedes SE der Baureihe 126 (1980–1991) ist nach 1 Million Kilometern todmüde geworden. Ich empfahl ihr als Ersatz ein heutiges E-Cabrio mit großem Hubraum. Egoistischer Hinter­gedanke: Im Süden sind Cabrios rar. Man liebt dort Verlötete mit Klimaautomatik.

Auf meiner letzten Fahrt im alten SE sagte ich einem toleranten Polizisten Mombasas mein monatliches Dankgedicht an die Freunde und Helfer auf. Mit spitzen Ohren lauschte er der deutschen Melodik des Dichters Rainer Maria Rilke:
Denn selig sind, die niemals sich entfernten
Und still im Regen standen ohne Dach;
Zu ihnen werden kommen alle Ernten,
Und ihre Frucht wird voll sein tausendfach.

Motorrad-Evangelisten atmen auf. Der Sinkflug ist vorbei.

Er wich 2013 der Wiederauferstehung der Bikes. Nirgendwo las man dies genauer als in den Editorials von Michael Pfeiffer, dem Boss des größten europäischen Fach-Magazins „Motorrad“:

  • Sieben der zehn größten Marken verzeichnen 2013 ein Plus bei Neuverkäufen.
  • Die Japaner kehren aus langem Schlaf zurück, allen voran Honda und Kawasaki.
  • BMW ist die absolute Stütze Europas, KTM im Zuwachs der dynamischste Faktor des Kontinents.

 

KTM 1190 Adventure

KTM 1190 Adventure

Aus patriotischer Sicht detailliert: KTM liegt in Deutschland bei Neuverkauf und Marktanteil (7,8 Prozent) bereits auf Platz 5, als Nr. 2 Europas hinter BMW, schon vor Triumph, Ducati, Aprilia, auch vor Japanern wie Suzuki und Yamaha. Im Zuwachs von 9,6 Prozent liegt KTM vor allen Europäern, weltweit nur vom japanischen Branchenriesen Honda übertroffen (11 Prozent). Atemberaubend für alle Österreicher, die KTM schon die Daumen drückten, als die Firma unter Manager Josef Taus noch ein Todeskandidat war.

BMW R 1200 GS

BMW R 1200 GS

Aus europäischer Sicht liebe ich aus 2013, dem Jahr der Wiederauferstehung, auch erfolgreiche Touring & Cruiser-Skulpturen in der Tradition Michelangelos wie die Moto Guzzi California 1400.

Moto Guzzi California 1400

Moto Guzzi California 1400

Aus Sicht des Wieners und Weltbürgers mag ich weiters die neuen Lebenszeichen der Musik & Motorbike-Company Yamaha. Schon die 1200 Ténéré Worldcrosser fuhr man mit Freude. Und der Dreizylinder-Heuler Yamaha MT-09 könnte als letztes Neu-Modell des Jahres 2013 in späteren Rückblicken dessen ­erfolgreichstes gewesen sein. Im Frühling 2014 wissen wir mehr.

Bis dahin melde ich mich wie immer aus den Sätteln aben­teuerlicher, gemieteter Insel-Jeeps und Insel-Bikes. Und aus dem Sattel eines speziellen Rollers, mit dem ich zwischendurch daheim gegen den Winter kämpfe.

 

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