Waldeck-Gansterer-Wanderbrief-Dezember-2012-SLS-AMG-2
Phil Waldeck hält sich bei seinen Tests an eine Liedzeile von André Heller: „Mir ist keine Einzige zu gut und keine Einzige zu schlecht.“
 

Wanderbrief Dezember 2012

So ist auch mein heutiger Brief aus dem Stift Göttweig und dessen Restaurant ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

17.12.2012 Autorevue Magazin

Ich habe in Stift Göttweig den Vortrag „Das Auto als säkulare Ikone“ gehalten. Als Demo war ich im Mercedes SLS AMG Roadster vorgefahren. Obwohl der ziemlich sakral ist. Er klingt wie die Bruckner-Orgel in St. Florian, ist mit fast 2 Meter so breit wie eine Barockkanzel und so niedrig wie eine kniende Betschwester. Außerdem hat er so, wie ich ihn fuhr, in Schneeweiß mit beige-güldenem Stoffdach, etwas entschieden Katholisches.

Die Benediktiner waren entzückt. Die 571 PS nahmen sie mit einem lächelnden Stoßgebet zur Kenntnis. Der Preis schreckte sie nicht. Mit den 240.000 Euronen könnte man nicht mal das Stiftsdach decken. Außerdem wissen sie, was gut ist. Demgemäß isst und trinkt man auch im Stiftsrestaurant. Und der Ausblick von der Riesenterrasse auf die schönste Donau-Meile ist derart berückend, dass ich anderntags wiederkehren wollte. Allerdings in einem Roadster, der eher zu Franziskanern passt. Mercedes-Sternsingern erzähle ich über den SLS später mal mehr.

Ich drückte dem formidablen Mini Cooper Roadster nach der ausgereizten Zweiten die Dritte hinein. Ein haptisches Vergnügen. Der Schaltstock kurz und dick. So ähnlich müssen Frauen empfinden, wenn sie artgerecht zum Nudelwalker greifen. Das aparte Kreischen der Schaltdrehzahl fiel im höheren Gang in erwachsenes Grollen, ein musikalisches Spiel, das sich bis in die Sechste wiederholte. Das hatte ich heute schon tausendmal hören dürfen. Der erste Gang war auf der Lustfahrt über Göttweig nach Zwettl und von dort nach Neusiedl am See unberührt geblieben. Gute Autos finden von selbst die Grün-Ampeln. Der Mini Roadster ist ein sehr gutes Auto. Er hält auch Gelb und Orange für Grün. In Summe ist er so eine Hetz, dass er auch für härtere Zeiten Zuversicht schenkt.

Später, wenn sich vielleicht nur noch Oligarchen die großen Offenen leisten können (NoVA dann 100 % des Fahrzeugwerts), wird man’s halt kleiner geben. Und trotzdem seine Freude haben. Man wird den unverwüstlichen Mazda MX-5 fahren, oder den auf seiner Basis entstehenden Alfa-Romeo-Spider, den wir für 2014 erwarten, oder seinen Landsmann Fiat Abarth 500 C, den kleinen Peugeot-Klappfalter, das Mini Cabrio oder eben den wurlerten Mini Roadster, den ich gerade prüfte.

Der wesentliche Vorzug des Menschen-Hirns liegt im Talent zur Verdrängung. Wir werden uns einreden können, eh keine Lust mehr zu haben auf Open-Air-Stars wie 911 und SL und TT und Sechser und Continental-GTC. Obwohl Neusiedl um 15 Grad wärmer war als Zwettl, fror ich plötzlich. Ich fragte mich, ob mein Gehirn für diese Verdrängung groß genug sei. Das ist keine kokette Bescheidenheit, sondern echte Sorge. Darf ich das genauer erläutern?

Im beglückenden Mini Cooper Roadster war mir wieder aufgefallen, dass ich im vollen Fahrtwind gut denke, in verlöteten Autos aber schlecht denke. Dort zupfe ich an der Unterlippe und denke genau NICHTS. In Offenen singe ich komplexe Tosca-Arien mit einer großen Stimme, die sich gegen den Fahrtwind durchsetzt. In Verlöteten krächze ich müde die Volksweise „Es woa amoi a Obnd spod“ (für unsere deutschen Leser übersetzt, die der Autorevue den Vorzug geben: „Es war, sagen wir mal, ein später Abend.“) Nun stieg ein kalter Gedanke auf. Er kam wie ein Blitz aus dem Herbsthimmel. Soeben hatte ich testosterongesteuert, also echt resch die größenwahnsinnigen Serpentinen des Leithagebirges unter die 15-Zoll-Hammerln des Mini Roadsters genommen und freute mich schon auf den baldigen Blick aufs pannonische Meer, als mich jener depressive Gedanke zwang, voll in einer Bucht der Straße zu ankern.

Der Gedanke besagte: Was, wenn mein Hirn den Roadster-Fahrtwind-Staudruck für höhere Leistungen braucht, so wie ein kleiner Motor mit wenig Kubik einen Kompressor braucht, um gleich viel Leistung zu bieten wie ein nackter Sauger mit mehr Hubraum? Wenn also mein feineres Denken in offenen Schüsseln nichts anderes hieße, als dass ich ein Gehirn mit wenig ­Kubik hätte? Beispielsweise die 1000 ccm einer Frau, nicht die 1500 ccm eines Mannes. Was den Kopf betrifft, gab es Trost. „Du hast das Haupt eines listigen römischen Senators“, sagte ein Autokonzern-Mächtiger, den wir hier pseudonym Bernd Pischetsrieder nennen. Und an der Angst, die ich vor einem Kopf-Röntgen habe (Frauen aber nicht), erkannte ich auch mein Männergehirn.

Nun war ich beruhigt. Dankbar klopfte ich auf die riesige Zentral-Armatur, die Merkmal aller Minis ist. Nun amüsierte mich sogar, die Waldbucht, in der mein Roadster wie ausgeglüht knisterte, nahe jener Exerzierplätze von Kaisersteinbruch zu ­wissen, in denen ich einst als Bundesheer-Gardist diente. Zumal diese Zeit nicht übel war. Ich fuhr damals meinen Triumph TR 4A. Und als gewählter Soldatensprecher war ich von den ausbildenden Vizeleutnants wie ein Prinz behandelt worden.

Wenige Minuten später sah ich den Neusiedler See wie den Stillen Ozean liegen. Gestärkt von der Schönheit der Heimat, fand ich mich imstande, das Frauen-Gehirn in ein faires Licht zu rücken. Es ist zwar um 30 Prozent kleiner als das Männer-Gehirn. Das besagt aber nichts. Sein Wirkungsgrad fürs Leben ist höher. Frauen sind effektiver. Sie sind multitasking-fähig. Sie wirken segensreich und großflächig, während wir Männer, ­verspielt wie ewige Kinder und genauigkeitsvernarrt wie weltfremde Wissenschafter, immer nur dünne und tiefe Löcher ­bohren. So gewinnen wir Nobelpreise und Formel-1-Rennen. Die Frauen erledigen derweil das Wichtige, wir wollen das aber nicht zerreden.

Der Mini Roadster ist im Auftritt maskulin, frech und ein bissl aufhauerisch, schmückt aber auch sportliche Frauen. Er wirkt herzerfrischend offensiv, für manche auch unvernünftig. Letzteres bestreite ich. Seine Außenmaße sind sogar City-gerecht, obwohl er straff und satt liegend auch für Fernreisen taugt. Und sein Kofferraum von 240 Liter ist achtbar. Er wird auch nicht kleiner, wenn du das Verdeck mit einer lässigen Hand­bewegung nach hinten wirfst. Seine Lebhaftigkeit ist evident. Selbst mein Basis-Cooper mit 122 PS aus 1600 ccm wirkt hurtiger, als seine Papierwerte verheißen (0–100 = 9, Vmax = 195 , Preis = 23 Kilo). Er ist knurrig wie ein kleiner Wolf und eher hungrig als durstig. Je nach Fahrweise nimmt er 6 bis 7 Liter. Per Normverbrauch gerechnet, erzielt er eine sagenhafte Sportwagen-Reichweite von 700 Kilometern. Zwei Modellstufen höher ist der kleine Wolf auch als Werwolf zu kriegen, als Mini John Cooper Works Roadster mit 211 PS (35 Kilo-Euronen). Man wird in Waldecks Wanderbriefen alle Varianten kennenlernen. Zwar schätze ich jeden Mini als best­geglücktes Retro-Projekt, und das Mini-Cabrio bleibt einer meiner Darlings, aber nun ist der Roadster mein Favorit.

Man wird mir einen Mini Cooper S Roadster organisieren, um im Wege eines Härte-Tests eine Hypothese zu überprüfen. Sie lautet: Er ist mit seinem Frontantrieb wahrscheinlich der ­erste, ultra-kompakte Open-Air-Zweisitzer, der lustvoll auch Schnee und Eis durchwühlt und trotz Stoffdach-Sportlichkeit als Ganzjahresauto entzückt. Ich erwarte mir ein Monte-Carlo-Rallye-Feeling, bei Wintersonne auch offen. Man wird sehen.

Wie BMW auch jenseits des eigenen mainstreams agiert, verdient Reverenz. Beispielsweise, wie man Mini und Rolls-Royce erfolgreich in Szene setzte, als eigenständige, britische Werke. Auch die BMW-Berliner, also die Motorrad-Fabrikanten, verblüffen. Fast genial, wie sie längst das Rentner & Veteranen-Image abstreiften, die Boxer-Modelle vom „Gummikuh“-Image befreiten, den phantastischen Supersportler S 1000 RR/HP 4 aus dem Hut zauberten und spät, aber doch in der von mir geschätzten „Vernunftklasse“ (600 bis 990 ccm) steil aufzeigten.

Mit Hilfe eines prächtigen 800-ccm-Reihenzweizylinders der stillen, österreichischen Rotax-Genies schuf man die F-Klasse. Drei F-Modelle mag ich besonders. Die F 650 GS (nunmehr: F 700 GS) entzückte mich in den Vulkanbergen von Gran Canaria; die F 800 ST gefiel auch meiner Schönsten als leichter, dennoch komfortabler Tourensportler für Asphalt-Europareisen; jetzt gefällt speziell die nackte F 800 R im hübschen rotweißen Federkleid. Ein Volltreffer für Lustfahrer, die begriffen haben, dass man dafür kein schweres Gerät braucht. Knorriger bis wilder Schub aus 87 PS und 87 Nm (Leergewicht nur 199 Kilo), 210 km/h, mit 4 Liter/100 km äußerst sparsam, für BMW-Verhältnisse auch schnäppchenverdächtig (9.350 Euro). Ein sicherer Kandidat für die Probefahrt-Checklist von Wiedereinsteigern. Auch Routiniers könnten auf ihr die Leichtigkeit des Schweins wiederentdecken.

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