Phil Waldeck Wanderbrief Dezember 2010
Den Sinnspruch gab’s gewissermaßen als Draufgabe.
 

Wanderbrief Dezember 2011

Der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.

27.04.2011 Autorevue Magazin

Berlin freut sich. Die Arbeitslosigkeit sank im letzten Quartal von 15 auf 13 Prozent. Wir hätten uns da längst die Kugel gegeben. Die Berliner aber sind gut drauf, oder gute Schauspieler. Die Raucherkneipen „Fire“ und „Silberfisch“, die meine Mietwohnung ­säumen, brummen bis 8 Uhr früh. Nur den Taxifahrern merkt man den Tanz am Rande des Vulkans an. Der sozialdarwinistische Kampf um Job und Kohle hat ihren Charakter verformt.

Sie sind eine Schande ihres Gewerbes. Sie sind unheimlich freundlich, reißen mir die Trolleys aus der Hand, öffnen den Schlag und ­sagen „Herr Chefdesigner“ zu mir, weil ich einen alfaromeo­roten Kaschmirschal zum schwarzen Mantel trage, der von ­Bugatti ist. Autoliebe ist unteilbar.

Die Daimler-Diesel der Taxler funkeln. Die inwendige ­Sauberkeit wird aber teuer bezahlt. Sie ist ein Schlag auf die Nase. In meinem Wohnbezirk nördlich der Museumsinsel, also tiefes Ex-Ost-Berlin, muss es riesige Restmengen von Polituren geben, die sich zu Westprodukten à la Dr. Wacke-S100 ­ungefähr so verhalten wie DDR-Rotkäppchensekt zum Langenloiser Sekt von Willi Bründlmayer, dem besten Schaumstoff des Universums. Den Putz-Gestank kenne ich noch vom himmelblauen Trabi, den mir einst der DDR-Botschafter in Wien zum Test borgte. Den Trabi hatte ich herzlich gern. Es war mir nur nie vergönnt, seinen Geruch zu vergessen.

Meinen Charakter muss mir niemand erklären. Ich kenne ihn lang genug. Auf Begräbnissen lache ich hysterisch, weshalb ich keines mehr begleite, und inmitten relativer Armut suche ich gern den absoluten Luxus, also diesmal das Adlon-Kempinski beim Brandenburger Tor. Es fehlt noch in meiner Welthotelsammlung. Die Adlon-Wagenmeister mit schwarzem Zylinderhut haben keine Chance gegen den Taxler. Er hebt mich aus seinem Mercedes. Er weiß: Adlon verpflichtet punkto Trinkgeld. „Det wär nich nötig jewesen“, sagt der gute Mann dann glücklich. Er erinnert mich jetzt an Harald Juhnke, sehr angenehm. Ich habe den alten Schlucker mit den jungen Weibern immer gern gehabt. Schlitzohren sind mir näher als Korrektheitsfanatiker.

Phil Waldeck Wanderbrief Dezember 2010

Im Foyer, wo der Original-Springbrunnen aus schwarzem Marmor an das legendäre Hotel Adlon der rauschigen 1920er-Jahre erinnert, empfängt Bar-Manager Franz Hoeckner seinen österreichischen Landsmann mit offenen Armen: Stanley trifft Livingstone in Chitambo am Bangweulusee. Flugs bugsiert er mich in die Smoker’s Lounge. Das Gerolsteiner und den Espresso, den besten seit der Galleria Milano, darf ich nicht zahlen. Auf Grund meines oben genannten Charakters wehre ich mich gegen Hoeckners humanitäre Einladung so lang, wie eine Yamaha V-max auf 100 braucht (für gleichgewichtsgestörte Nicht-­Biker: 2,9 Sekunden).

Die Lounge ist artgerecht. Der große TV-Screen zeigt eine Video-Doku über die Fertigungsschritte eines Lamborghini Gallardo. Auf dem Nebensofa diskutiert eine britische Fregatte mit ihrem Chauffeur (sie sitzt, er steht) über den nächsten Dienstwagen. Er will einen Continental Convertible, den GTC, sie ein letztes, ladenneues Exemplar des ausgelaufenen Azure, weil „diesen Bentley haben noch wir Engländer entwickelt. ­Warum soll ich einen Volkswagen kaufen?“ Der GTC liege besser und laufe besser und bremse sanfter, wendet ihr Sklave ein, er mache auch irgendwie jünger. „Ich bin jung, mein Guter“, sagt die Madame maliziös, lächelt aber schmal und lieb aus ihrer Laura-Ashley-Wolke wie Judi Olivia Dench, wenn sie Elisabeth II. in Momenten ekstatischer Heiterkeit spielt. Ah, der Adel im Adlon.

Später: Die hier noch immer ein wenig DDR-schäbige Prachtstraße „Unter den Linden“ liegt im Regen. Erst unten an der Spree, bei der Oper und Humboldt-Uni, hat man sie westlich aufgefrischt. Ein Schwarzzylinder fragt den Chefdesigner, welcher Wagen zu ihm gehöre. Er zeigt auf eine Reihe von Mercedes-S und BMW-7ern und Cayenne Turbo und Panamera von Porsche, eher zufällig kein Audi A8 dabei, auch kein Maybach. Ich weise auf die Taxis, werde dennoch mit Regenschirm begleitet. Eine vorerst letzte Liebenswürdigkeit des hohen Hauses Adlon.

In der Oranienburgstraße wartet die Ausstellung „Peter ­Lindbergh als Straßenfotograf“, in den Sophie-Gips-Höfen eine von Ai Wei Wei, der gerade in Peking in Hausarrest sitzt. In die romantische Backsteinwand der Galerie Alexander Ochs ist eine Tafel eingelassen mit einem Spruch von Bazon Brock. Da ich in diesem Monat keinem Polizisten ein Gedicht aufsagte, widme ich den Freunden und Helfern diesen feinen Text:

Der Tod muß abgeschafft werden,
diese verdammte Schweinerei muß aufhören.
Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.

Es wirkt wie Zufall, dass ich den berühmten Ästhetik-Professor Brock abends im DHM (Deutsches Historisches Museum) treffen soll. Es gibt aber keine Zufälle. So wie es auch kein Zufall ist, dass du während des Tests eines Wiesmann-Roadsters etliche Wiesmänner siehst, die du sonst nicht wahrgenommen hättest. Was Zufall scheint, ist nur geschärfte Sensibilisierung, die zwei getrennte Vorfälle zur Deckung bringt.

Demgemäß ist auch kein Zufall, dass ich den Peugeot RCZ, der vor meiner Berliner Wohnkneipe „Fire“ geparkt stand, einige Tage später auch vor meiner heimatlichen Garage fand – allerdings nicht als Diesel wie in Berlin, sondern gottlob als RCZ THP 200. Nichts gegen Diesel, Otto bewahre, aber ein RCZ mit Selbst­zünder erinnert grausam an Laetitia Casta beim Erdäpfelschälen. Ein schneidiges Auto braucht ein wildes Herz. Zur bella macchina gehört ein cuore appassionato, wie auch die aus langem Vernunft-Schlaf erwachten Alfa-Romeo-Leute erkannten und mit dem prächtigen, neuen 1750-ccm-Murl befestigten. Beim Löwenherz des Peugeot RCZ THP 200 handelt es sich um einen Vierzylinder-Direkteinspritzer-Turbo mit 200 PS und 275 Nm aus 1,6 l Hubraum.

Meine klugen Leserinnen und schönen Leser wissen, dass ich mit dem RCZ eine Trilogie zu Ehren Frankreichs bediene. Citroën DS3 (siehe Autorevue Nr. 11), Peugeot RCZ und Renault Wind (nächste Ausgabe) beweisen, dass die Grande ­Nation ihren Sinn für Esprit nicht verloren hat. Noch dazu in der schwierigsten Klasse der zeitgemäß jugendlichen, kompakten, preiswerten Öko-Boliden. Den mit 29 Kilo-Euronen deutlich teuersten des Trios, den RCZ, zähle ich dazu, auch wenn er im Ladenpreis gut 10 Kilo über den beiden anderen liegt.

Man muss den RCZ fairerweise von oben, nicht von unten her sehen. Seine Traum-Coupé-Anmutung ist anderswo gar nicht oder nur spürbar teurer zu kriegen. Mit dem letzten Kompakt-Sportler, der mir ähnlich gut gefiel, der stärker, leichter, ­unendlich viel teurer und gleichfalls ganz-anders-als-die-anderen war, dem Ferrari 308, hält der heutige RCZ THP 200 in real-life-races gut mit. Wir verzeichnen 235 km/h und 0–100 = 7,5 Sekunden und eine breitspurige Kreisbahnhaftung, die höher liegt als meine Angstschwelle. Man soll solche Vergleiche nicht über­treiben, darf aber Freude an Fortschritten zeigen. Beispielsweise daran, dass der deutsche Designer Boris Reinmöller das Kunststück zuwege brachte, den RCZ mit Kindersitzen auszustatten und einem Kofferraum von 320 Litern, der sich flugs auf 640 ­Liter vergrößert, wenn du die Kinder zur Oma gibst und die Zwischenwand umlegst. Und die 6,7 Liter MVEG-Norm sind zwar nicht einzuhalten, wenn du in den höheren Drehzahlen den Turbo wachrufst, sind aber ein Wert, den der Ferrari 308 GTB schon fürs Verlassen des Parkdecks braucht.

Anderseits ist zu sagen: Der Ferrari 308 wurde in den späten 1970er-Jahren gebaut, also praktisch im Paläolithikum, und bot für die starken Menschen dieser Zeit natürlich ein Open-Air-Modell, den GTS mit Targa-Mützchen. Ein RCZ-Cabrio hingegen ist nicht zu erwarten. Peugeot wolle, so wird gesagt, den 308 CC (Coupé-Cabrio, zufällige Zifferngleichheit mit dem Ferrari, dort freilich hinweisend auf 30 Deziliter Hubraum und 8 Zylinder) nicht kannibalisieren. Ein wenig enttäuschend, zumal der RCZ mit direkter Lenkung, Bissbremse, erfrischender Federnstraffung, Sportsitzen und motivierender Armaturenlandschaft ohnehin eine andere Zielgruppe ins Herz trifft als der sympathische, offene Cruiser 308 CC. Hoffen wir, dass noch kein letztes Wort gesprochen ist. Denken wir lieber positiv, etwa auch daran, dass der RCZ „made in Austria“ kommt, also in Welt­klasse­qualität, von Magna.

Mehr zum Thema
pixel