Wanderbrief August 2011 Hemmingway
Ich näherte mich der Ducati Diavel so wie Hemingway seinen ­Manuskripten.
 

Wanderbrief August 2011

Es spielt Land unter. Mariazell teile ich bereits wie Moses das Rote Meer. Der Seeberg vor Aflenz wird zum Berg Sinai. Ich schreibe meine eigenen Tontafeln mit neuen Zehn Geboten.

21.08.2011 Autorevue Magazin

Dieser Tage schmückte ich den ehrwürdigen, beinahe noblen Bezirk Währing mit einem Ex-Sowjet-Seitenwagengespann. Der Murl, eine BMW-Boxer-­Kopie, klang recht gesund, doch das Getriebe kreischte, und der löchrige Auspuff paschte wie ein Rudel gemütskranker Schuhplattler. Die alten Weiber Währings rissen neugierig die Vorhänge auf, was sie besser können als alles andere.

An einem romantischen Platz warf ich den Anker, mit verblüffend kurzem Bremsweg, weil sich das Gespann querstellte. Ich betrat das Platzl-Café, in dem ich früher meine Vorlesungen vor Publizistik-Studenten ausklingen ließ. Dort, bei schwarzem Kaffee mit Inländer-Rum, stellten die HörerInnen die härtesten Fragen. Beispielsweise, warum Ernest Hemingway so viel saufen und schreiben konnte. Ich hörte die Frage gern. Sie erinnerte ­angenehm an meine Besuche aller Hemingway-Schreibstätten, darunter jener auf Kuba und Key West. Die demgemäß sach­kundige Antwort lautete: „Erstens vertrug er mehr als ihr. Zweitens trank er als Nobelpreisträger keinen Inländer-Rum, sondern feinste karibische Ware. Drittens hörte er beim vorletzten Satz zu schreiben auf. Er wusste immer, mit welchem Satz er am nächsten Morgen beginnen würde. Das garantierte den täglichen Schnellstart, unabhängig vom Kopfweh.“

Dienstagabend. Morgen verreise ich auf der neuen Ducati Diavel. Ich nütze das Hemingway-Prinzip und bereite mich schon am Vortag vor. Ein Studium der Daten ist angesagt. Die Italiener wollen mit dem mächtigen 1200-ccm-V2 die Power-Cruiser-Klasse aufmischen. Die zwei Zylinder stehen Ducati-­logisch im rechten Winkel zueinander und entwickeln mit einer Verdichtung von 11,5:1 behagliche 162 PS bei 9500 und ein Drehmoment von 128 Nm bei 8000 Touren. Man spricht von ­einer v-max von 255 km/h, einer Beschleunigung von 0–100 km/h in unter 3 Sekunden, von 241 Kilo Gewicht bei vollem 17-Liter-Tank, verteilt auf einen relativ knappen Radstand von 1590 mm. Dies alles um brutto 19.495 Euro inklusive elektronischer Fahrwerks-Programmierung, die schon der Straßen-Stelzen-Schwester Multistrada 1200 zu hohem Verkaufserfolg verhalf.

So weit die Vorbereitung auf dem Papier. Die wichtigere musste live stattfinden, mit Umkreisen und Aufsitzen und dem Versuch, den Diavel (Teufel) keyless aufzuwecken. Das braucht eigene, religiöse Rituale mit Initialisierung und Armaturen-Lichtspielen, wird aber zu einer Hetz, sobald man es beherrscht. Irgendwie lernt man auch, die Kraft & Komfort-Modi (Komfort, Normal, Sport) sowie die Stufen der Traktionskontrolle zu programmieren. Diavel und Multistrada sind darin zeitgemäß wie Smartphones, nur schwerer und schneller. Als Blitzgneißer (für deutsche Leser: heller Kopf) hatte ich alles schnell im Griff.

Nach der Sitzprobe verfliegt auch der anfänglich bange Respekt vor der Gestalt dieses Bikes. Die (wahlweise: der) Diavel ist ­optisch eine Wiederkehr griechischer Mythologie; ein vorgespannter Titanen-Buckel, dramatisiert durch die kupferfarbenen Laokoon-Schlangen der Auspuffkrümmer, ein gesenktes Minotaurus-Haupt mit zyklopischem Einauge und einem irre breiten 240er-Schlapfen im Heck, den du im Winter als Portweinfässchen verwenden kannst.

Perfekte Ergonomie nimmt aber den Schrecken. Mit 770 mm Sattelhöhe steigen auch Damen locker auf und stehen an der Ampel fest auf der Sohle. Der Kniewinkel ist entspannt. Du sitzt geborgen im Schwerpunkt und fühlst dich gerüstet, wie Alexander der Große die Welt zu erobern. Da wird die Turracher Höhe kein Problem sein, dachte ich, zumal das ORF-Wetter für morgen den reinen Sommer verhieß.

Um 6 Uhr früh ist es dann erstaunlich kühl, aber immerhin trocken. Ich liebe die neue Schrägverbindung, die aus dem Weinviertel schnell nach St. Pölten führt. Bei Türnitz Flucht in die Tankstelle. Erstens ist der Tank leer, zweitens schifft der Himmel. Gewiss nur vorübergehend. Ich habe nur die Protektoren-Sommerjacke an, ohne Wetterschutz und Innenfutter. Den regendichten Rucksack habe ich ins Auto meiner Mechaniker und ­Sekretäre geworfen, die nachkommen werden. Ich reise mit Minimalgepäck, das in den Jackentäschchen Platz hat: Papiere, Feh, lose 500-Euro-Scheine, ein Packerl Tschicks, Sturmfeuerzeug, i-Phone 4. Und die Canon Power Shot 95 als zierlichste Metall-Profi-Kompakte, die als Einzige den Ausflug überleben sollte.

In Annaberg trete ich aus der Kirche der ORF-Wetter-Gläubigen aus. Es spielt Land unter. Mariazell teile ich bereits wie ­Moses das Rote Meer. Der Seeberg vor Aflenz wird zum Berg Sinai. Ich schreibe meine eigenen Tontafeln mit neuen Zehn ­Geboten. Erstes Gebot: Nie mehr ohne Touratech-Accessoires verreisen. Den elitären Koffern dieser skrupulösen Manufaktur vertraue ich selbst mein Notebook an, on road und offroad. ­Kapfenberg und Leoben und Judenburg verwöhnen dann noch mit leichtem Hagel, der melodisch auf den Helm prasselt wie Beethovens Wetter-Symphonie „Pastorale“.

Ich zwinge mich weiter, die linke Hand als Scheibenwischer vor dem Visier. Stehen bleiben hieße versinken. Der Süden des Körpers ruht längst in Eiswasser. Ich feiere meinen Abschied von der Fortpflanzung. Einziger Trost: Die Ducati Diavel röhrt unverdrossen durch das Inferno, ein Klangbild mechanischer Geborgenheit wie einst im legendären Mercedes-180-Diesel.
Bei Scheifling rechts ab nach Murau. In der großen Linkskurve, die trocken theoretische 220 km/h zulässt, sehe ich die Rechts­abzweigung nach Oberwölz. Anderntags wird man lesen, dass Oberwölz in diesen Stunden anfing unterzugehen. Die größte Naturkatastrophe ever. Der spätere Südschwenk zur Turracher Höhe beschert mir, wie zum Hohn, noch fünf Kilometer Sonne.

Ich ankere vor dem sonnigen Hotel Hochschober. Eine arglose, halbnackte Wanderin sagt zum Biker: „Tolles Motorradwetter, nicht?“ Ich nicke, lasse mir von der Almfee eine trockene Zigarette schenken und erzähle ihr die ganze Wahrheit. Wie ich beispielsweise, halb zu Tode gefroren und sehnsüchtig nach Wärme, in Stadl a. d. Mur freiwillig bei einem Polizisten stehen geblieben sei und ihm befohlen hätte: „Hauchen Sie mich an.“

Sie glaubte es. Wir lernen ­daraus: Einem Mann auf der Diavel glauben die Frauen alles. Man sollte allerdings wissen, dass diese Ducati drei Stadien der ­Attraktivität kennt. Höchste Liga: die mit dem roten Tank und dem roten Rahmen. Zweite Liga: die Ganzschwarze, die nur den Schmuck der Kupferrohre und der roten Sattel-Ziernähte kennt, ein Design für sensible Feinspitze. Letzte Liga: die verdreckte schwarze Diavel. Sie kann nicht in Würde schmutzig sein. Verschlammt und mit ablaufenden Drecktränen wird der Teufel zu wertlosen 200 Kilo Schrott, dem jeder Barmherzige den Gnadentritt versetzt.

Der versierte Black-Edition-Diavelfahrer wird daher immer ein Erdal-Schwämmchen bei sich führen, mit dem man normalerweise schwarze Schuhe provisorisch verschönt.

In diesem Hochsommermonat mag der Bike-Schwerpunkt ­verzeihlich sein. Umso mehr, als Autos und Bikes getrennt marschieren, aber vereint schlagen, wenn es um die Bewahrung des Individualverkehrs geht, den Irregeleitete gerne abschaffen würden. Für die Motorräder spricht auch ein patriotischer Grund: KTM. Die Firma aus Mattighofen, die neben Red Bull zum wichtigsten, modernen Botschafter Österreichs wurde, verkauft gerade ein „Bike des Jahres 2011“. Die KTM 125 Duke mit 125 ccm, 15 PS, 125 Kilo Leergewicht und einem Verkaufspreis unter 4000 Euro wird weltweit als Designwunder gefeiert und als größte Chance, die Jugend für das aktiv-sportliche, umweltgünstige Zweirad wiederzugewinnen.

Korrespondierend damit finden wir auch wieder Auto-­Kreationen, die zeigen, dass eine Re-Dimensionierung ins ­Kleinere nicht mit einem Sinnlichkeitsverlust erkauft werden muss. Kaum eine Firma, die nicht in diese Richtung entwickelte. Von fertigen Modellen dieser Art, die ich bereits testen konnte, stelle ich das Fiat Abarth 500 Cabrio mit turbogeladenen 140 PS aus 1,4 Liter Hubraum auf die Pole Position. Die Vorzüge des Fünf-Sechstel-Verdecks mit Absenkung der Heckscheibe wurden in früheren Wanderbriefen schon genannt.

Hier ist der spezielle Enthusiasmus zu ergänzen, den der ­Turbo-Abarth beim Piloten und dem Publikum auslöst. Die mit höchstem Design-Talent geschaffene Zweifarblackierung, eine Vielzahl liebevoller Appliken und ein außergewöhnlich stimmiges Interieur zeigen, dass Italien/Fiat nichts von seinem tradi­tionellen Talent für Kleinautos verloren hat. Neben dem jungen und verjüngenden Knallkörper Fiat Abarth 500 Cabrio bringen auch Modelle wie Alfa Romeo Mito, Alfa Romeo Giulietta und Lancia Ypsilon die Italiener zurück in das Land des Lächelns.

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