Ein historischer Leckerbissen zum 50er-Jubiläum: Böhringers Lüttich-Sofia-Lüttich-Pagode, später von Phil durchs Ennstal getrieben.
Ein historischer Leckerbissen zum 50er-Jubiläum: Böhringers Lüttich-Sofia-Lüttich-Pagode, später von Phil durchs Ennstal getrieben.
 

Wanderbrief April 2013

Mein heutiger Wanderbrief aus dem Schloss Solitude zu Stuttgart, dem Stift Göttweig und dem Schlosshotel Dürnstein.

14.05.2013 Autorevue Magazin

Die so genannte Pagode, den klugen Leserinnen und schönen Lesern als Mercedes-Baureihe W 113 wohlbekannt, feiert Jubiläum. Dieser Tage wird sie 50 Jahre alt. Ich möchte mich als Gratulant mit einem artigen Text einstellen, der auch dazu dient, Schatten der Vergangenheit aufzuhellen.

Fangen wir vielleicht so an: Es gab zwei lange Phasen, da war mir der Stern schnuppe. Die erste hatte mit der HTL-Matura im Fach „Maschinenbau und Kraftfahrzeugtechnik“ zu tun. Da fühlte ich mich von Daimler-Benz gefrotzelt. Dank Mercedes hätte ich Streber beinahe das Ziel verfehlt, mit der besten Maturanote meiner Klasse abzutreten.

Dies kam so: Ich war mit meiner langfristigen Matura-Aufgabe, der Konstruktion eines Selbstzünders, arg im Verzug. Ich wollte zu viel und brachte daher wenig zusammen. Schließlich half mir nur noch das Abkupfern einer Mercedes-Konstruktionszeichnung, deren Blaupause ich mir kriminell besorgt hatte, im Wege der kurzfristigen Verlobung mit einer Sekretärin, die Zugang zu den Archiven hatte. In etlichen Tag- und Nachtschichten, begleitet von schwarzem Kaffee und Inländerrum, ­kopierte ich den Original-Bauplan. Dies war trotz Transparentpapier zeitraubend, da ich (siehe Streber) auch als technischer Zeichner ­einen kalligrafischen Stil pflegte. Mir war Schönheit immer wichtiger als Funktion, weshalb ich später auch das vielseits ­gelobte Design-Motto „Function follows form“ fand.

Um die Pointe vorwegzunehmen: Ich bekam nur wegen der grafischen Qualität ein „befriedigend“. Es hätte ein glattes „nicht genügend“ geben müssen. Gottseidank hatte mein Professor ­Humor. Er erklärte mir, während er sich winselnd über den ­Teppich wälzte, dass mein Motor niemals die innere Reibung überwunden, also rund null PS gehabt hätte. Außerdem hätte er sich verkehrt herum gedreht, weshalb man ihm, wie der Professor schwachsinnig hinzufügte, ein Getriebe mit vier Rückwärtsgängen und einem Vorwärtsgang hätte anflanschen müssen. Was wirklich geschehen ist, weiß ich nicht.

Wahrscheinlich hat meine Kurzzeitverlobte, eine Blondine, in die Lade der missglückten Daimler-Konstruktionen gegriffen. Die Möglichkeit, ich hätte beim Abkupfern einen Fehler gemacht (oder gar eine spiegel­verkehrte Kopie kopiert), habe ich nie in mein Bewusstsein vordringen lassen. Mercedes war vorerst für mich gestorben.

Bald gab es aber wieder Sternfunkeln, man ist ja nicht nachtragend. Doch kam später noch eine zweite Phase der Umgehung von Untertürkheim dazu, als ich nämlich in reine, obsessive Liebe zu den benachbarten Zuffenhausenern fiel. Als man bei Porsche auf meinen strengen Befehl hin endlich ein 911­ ­Cabrio auf den Markt brachte, wurde der Elfer zum Magma meiner vulkanischen Begeisterung. Am Rande hatte dies auch mit Anton Hunger zu tun, dem besten internationalen PR-Mann ever, bis heute ein treuer Freund. Unvergessen die übermütigen Vergleichstests, die wir in der theatralischen Szenerie des Schlosses Solitude fürs Porsche-Magazin „Christophorus“ inszenierten.

Jungfrauen und Jungmännern, die in der Autoindustrie ­Karriere machen wollen, empfehle ich zwei seiner glänzenden Bücher: „Gebrauchsanweisung für Schwaben“ und „Blattkritik“, Antons Abrechnung mit der teilweise verlotterten Medienwelt. Dass ich in meiner Affenliebe zum Elfer trotz voller Testgarage drei private 911 Cabrios kaufte, muss man nicht verstehen.

Irgendwann entspannte ich mich wieder. Heute pflege ich, wie es sich für einen Tester gehört, eine sinnvolle Polygamie. Ich glühe und glimme jetzt gern auch wieder in offenen Jaguars, ­Aston Martins, BMWs und begreife die individuellen Qualitäten aller Mercedes SL. Mein Überblick ist sogar vollständig. Ich verdanke dies den Ennstal-Granden Helmut Zwickl und Michael Glöckner.

Im Renn-SL durfte ich zwar nur eine Sitzprobe machen ­(Jochen Mass, Pilot und Hüter dieses Schatzes, war von meiner Sensibilität für Alteisen nicht restlos überzeugt), ansonst aber fuhr ich jeden SL, den es jemals gab, wenigstens zur Probe. Im klassischen 300 SL ging ich selbst an den Start der Ennstal, und später auch in der wilden, so genannten „Böhringer-Pagode“, ­benannt nach jenem deutschen Rennfahrer, der mit diesem ­relativ großen und soliden Auto sensationell die Rallye Lüttich-Sofia-Lüttich gewann. Sie galt als ruppigste Prüfung, die Strecke gesäumt von ausgeglühten Motoren.

Kein anderer meiner Ennstal-Boliden (darunter Edelmetalle wie der Siegerwagen von Le Mans 1953, der Jaguar C-Type) ließ sich so harmonisch im Four-Wheel-Drift über die Nocky Mountains bewegen wie diese aufgeziegelte Pagode.

So viel zur häufig gestellten Frage, ob die Pagode (Baujahre 1963 bis 1971) nicht eine Spur feminin sei. Antwort: nein. Die schiere Schönheit des in der Art eines japanischen Tempel-Pagodendachs gezeichneten Hardtops des Roadsters darf zu keinem Justizirrtum führen. Das Prädikat „weiblich“ gilt innerhalb der SL-Dynastie einzig für den 190 SL mit seiner molligen Formsprache und dem seit Rosemarie Nitribitt unausrottbaren Ruf, ein Auto für Society-Damen mit hohem arbeitslosem Einkommen zu sein; vielleicht auch noch für den ersten, zierlichen SLK, in dem das Falt-Blechdach seine Premiere hatte.
Der Rest der SL-Reihe ist entschieden maskulin. Bis hin zum SLS-AMG-Roadster, der schon ans Tierische streift. Er war mein „Test-Darling 2012“. Als ich ihn dieser Tage noch mal durch die Wachau lenkte, knospte hinter den armdicken Auspüffen vorzeitig die Marille. Der blaue Kirchturm zu Dürnstein gewann seine ursprüngliche Farbe wieder. Und Abt und Ordensbrüder des Stifts Göttweig werden ihn nie vergessen. Sie waren zugegen, als ich nach einem Vortrag im Stift den Mammut-Murl anwarf. Sie vernahmen die Stimme des Herrn. Seither frisieren sie verzagt ihr Glockengeläut.

Mein Tipp für alle, die grad ein Investment suchen: Kaufen Sie zum 50er-Jubiläum eine Pagode, aber den 250 SL oder 280 SL (170 PS, 200 km/h), der 230 SL ist zu brav. Um zirka 50.000 ­Euronen für Zustand 2 sind Sie dabei. Phantastisch, wie attraktiv und resch man in einem Auto unterwegs sein kann, das vor ­einem halben Jahrhundert zur Welt kam.

Bald ist Ostern. So grüße ich die Pagode ehrfurchtsvoll wie das Volk den Doktor Faust auf dessen Osterspaziergang. Wie der Sprecher des Volks hebe ich den Weinkelch mit den Goethe-Worten: „Die Zahl der Tropfen, die er hegt, sei deinen Jahren ­zugelegt.“

So viel zur Pagode. Was mein nunmehriges Verhältnis zu Mercedes anlangt, dürfte eine neue Zärtlichkeit durchgeklungen sein. Die zwei dunklen Phasen, für die Daimler nichts konnte, verlangen dennoch ein kleines Versöhnungsgeschenk. Ich überreiche es den Stern-Werbern als Anregung, in Form eines großen Satzes des libanesischen Philosophen Khalil Gibran: „Willst Du eine ­gerade Furche ziehen, häng Deinen Pflug an einen Stern.“

Und wieder haben wir einen Frühling erwartet. Der Winter, diese Sau, ist krepiert. Er ist für perverse Rodler zu kurz, für uns Biker grundsätzlich zu lang. Selbst für mich, obwohl ich die schräge Zeit an allen Ecken und Enden ausdehnte.

Zuerst verlängerte ich die Zweirad-Saison 2012 bis in die ersten Schneefälle hinein mit der Yamaha T-Max 500, die als Scooter die Rückmelde-Stringenz und spontane Gas-Gehorsamkeit eines Bike aufweist und mit der gut gearbeiteten Schutzdecke vor Erfrierungen schützt. Sie wurde mir als Ganzjahres-Bestseller für Italiener begreiflich. Sie haben gut 100.000 Stück davon gekauft.

Als es mit der T-Max schwachsinnig wurde, verlängerte ich nochmals, mit dem Schräglagen-Dreiradler Piaggo MP3-500 LT, der neben der Schutzdecke mit schön integriertem Topcase und einem Weinkeller unter der Sitzbank tollen Stauraum bietet. Er kommt auch mit Schneeregen gut zurecht. Sogar mit zeitweisem Glatteis im nördlichen Waldkurven. Das dritte Rad bringt selbst bei größtmöglicher Schräglage (40 Grad) enorme Reserven, ­logisch auch in der Bremskraftübertragung. Die Grenze liegt da eher im Gewand. Ich weiß eh schon viel über Sturmhauben und ­Alaska-Anoraks, forsche aber weiter. Die Autorevue wird berichten.

Als es mir selbst mit dem Dreiradler zu arktisch wurde, ging ich wieder auf die beste Bike-Insel der Welt, Gran Canaria, rein zufällig auch die gesündeste Insel für Tschicker. Warum das so ist und wo die lustigsten Routen liegen, erkläre ich im PREMIUM-Heft 2013 für die nächste Wintersaison. Auch, warum BMW bei einzelnen Vermietern mit der G 650 GS schon ankam, und beispielsweise KTM noch nicht. Die brandneue 390er-Einzylinder der Orangerie wäre eine neue Chance, zumal sie für die abenteuerlich engen Serpentinen im Vulkankern der Insel vielleicht das Ideal-Bike wäre. Dies bleibt bis zum Test eine Vermutung.

Bin jetzt braungebrannt mit säuglings-sauberer Lunge zurück und vernehme den Ruf des Frühlings in Österreich. Das Jahr 2013 offeriert neue Edelbikes ohne Ende. Gentlemen, start your engines. Helm auf zum Gebet.

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