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Auf Reisen ­schätze ich ­besonders den Schlaf der Beifahrerin, wie ihn der ­Phaeton ­ermöglicht.
 

Wanderbrief April 2011

Ein Brief aus den Hotels Elephant, Russischer Hof und Dorint in Weimar. Ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

22.05.2011 Autorevue Magazin

Der Volksmund spricht einfach und wahr. Meine Oma sagte: „Wer mit Hunden ins Bett geht, steht mit Flöhen auf.“ Ich habe nun Anlass, diesen Satz zu ergänzen: „Wer mit Künstlern ins Bett geht, steht mit merkwürdigen Autos auf.“ Seit mir die Kunst neben einem hurtigen Leben („Carpe diem“) das Wichtigste wurde, erlebe ich durch sie Freuden und Leiden. Die Freuden haben mit den Kunstwerken zu tun, die Leiden mit den Künstlern. Seit sie wissen, dass ich auch Autos liebe, ziehen sie den Schluss, ich sei der ideale Chauffeur ihrer Werke. Mehr noch: Ich sei am neuesten Stand der Dinge und kenne die besten Fahrzeuge, um Zeichnungen, Drucke, Gemälde, Bronze-Güsse, Marmor-Skulpturen und Bühnen-Anstriche zu transportieren. Mittlerweile sind nicht nur die Künstler selbst, auch ihre Galeristen dieser Ansicht.

Gestern habe ich allen Kunstmenschen, denen ich jemals als Spediteur half, für alle Zeit abgesagt. Leider zu spät. Die Zeit der Hilfe hat mich für die Autorevue-Arbeit verdorben. Ich darf mich nicht länger empfehlen. Früher konnten meine klugen ­Leserinnen und schönen Leser damit rechnen, dass ich mich nur nach tollen Autos umdrehte, vornehmlich unvernünftigen, offenen, sportlichen. Seit der Kunstliebe aber reißt es meinen Kopf nach den Lieferwägen. Ich sabbere, wenn ich einen VW Caddy, Renault Kangoo, Skoda Roomster, Citroën C4 Picasso, VW ­Sharan, Ford Transit oder Mercedes Vito sehe. So schnell, wie ein braver 911 von 0 auf 100 braucht – sagen wir: 4,7 Sekunden –, kann ich jetzt abschätzen, wie viele Bilder in welchen ­Formaten man damit transportieren kann.

Die letzte Aufgabe, die ich wahrnahm, führte nach Weimar. Es ging um den Transport eines kleinen Großformats von zirka 120 x 100 cm (bei Kunstwerken gilt Höhe mal Breite). Vor kurzem hätte ich dafür noch einen edlen Range Rover gehabt. In der gegenwärtigen Garage standen nur vife Kompakt-Cabrios, ein Mini Cooper, ein Mazda-MX5, ein Renault Wind.

Was tun? In einem Kleinlaster der Firma Buchbinder würde ich auf den 1500 Kilometern hin-und-zurück zugrunde gehen. Gottlob gibt es noch echte Haberer. Beispielsweise Hermann ­Becker von der Porsche-Austria-Holding. Er stellte binnen weniger Stunden eine meiner liebsten Luxus-Limousinen zur Verfügung, den notorisch unterschätzten VW Phaeton.

Das Bild verkeilt zwischen Vordersitz, Rücksitz und Plafond, ging es im Blindflug, ohne inneren Rückspiegel, in des Phaetons Heimat. Er wird in Dresden, unweit von Weimar, in einer „gläsernen Manufaktur“ erzeugt. Diese empfehle ich neben Semper-Oper und Frauenkirche als kultiviertes Sightseeing.

Weimar. Will im „Hotel Elephant“ absteigen, unterlasse es aber. Die Leute an der Rezeption haben was Seifiges. Wahrscheinlich wissen sie zu gut, dass sie die historisch wichtigste Herberge sind, in der Goethe ein und aus ging. Der „Russische Hof“ ist da anders, sehr freundlich. Er ist auch gut beheizt, seit Anton Tschechow einst ins Gästebuch schrieb: „Wenn ich frieren wollte, hätte ich auch in Moskau bleiben können.“ Ich wählte dann mein Weimarer Lieblingshotel „Dorint am Goethepark“.

Rückfahrt: Der Winter schlägt ein letztes Mal unbarmherzig zu. Nirgends wirkt er so grausam wie im Ozean der Thüringer Wälder. Schwarze Vögel fliegen mit heiserem Schrei auf, wenn sich der rasende Sonnenwagen Phaeton nähert, benannt nach einem Spitznamen des griechischen Gottes Helios. Die Autobahn ist gut geräumt und gesalzen. Ich liebe Deutschlands Politiker. Sie wissen, was sie ihrer glanzvollsten Industrie schuldig sind. Freie Fahrt! Mein Schnitt pendelt sich bei 210 km/h ein.

Ist irgendjemand da draußen, der mir glauben würde, dass ich am Ende einen Verbrauch von eher 7 als 8 Litern erzielte, mit dem druckvollen Diesel-Murl V6 TDI, der 240 PS und 500 Nm aus 2967 ccm schöpft? Vielleicht erzählte mir der Bordcomputer Grimms Märchen, die gar nicht weit von Thüringen erfunden wurden, drüben im Westen von Hessen.

Mein Co-Pilot und Blond-Gecko schläft, so benannt nach dem Kriemhilde-Haar und den Saugpfoten, die sie für den Liebsten hat. Ich denke mit dem inneren Frieden des Fernfahrers segnend an einen Mann, dem Segnungen selten widerfahren, an Ferdinand Piëch. Schön, dass er in art-innigem Perfek­tionstrieb an extremen Autos festhält, die wenig Geld bringen, am Bugatti Veyron mit 1000 PS und 400 km/h und am Phaeton. Er hat, wie ich höre, seinen Technikern streng befohlen, im Sonnenwagen die erste zugfreie Heizung und Lüftung zu verwirklichen.

Die angstgebeutelten Spezialisten machten Tag und Nacht, was sie konnten. Hautkapillaren nehmen die leiseste Luftströmung wahr. So konnten auch sie nicht das Maximum, nur ein Optimum schaffen. Dies ist schon viel. Keine je getestete Limousine entfernte so elegant den köstlichen Qualm meiner Tschicks, ohne schlafende Blondinen zu behelligen. Der gute Schlaf von Co-Pilotinnen sollte uns heilig sein. So können sie nicht keppeln: „130 km/h!“ Einschränkungen dieser Art gibt es auch auf deutschen Autobahnen.

Im Phaeton fliegst du wie im Raumschiff Enterprise praktisch lautlos in eine Filmleinwand. Du kannst gut denken dabei. Beispielsweise über den Phaeton selbst. Ich habe immer bedauert, dass der Sonnenwagen im obersten deutschen Tüchtigkeits-Quartett (Audi 8, BMW 7, Mercedes S, VW Phaeton) diese kleine Stückzahl-Rolle spielt. An der Technik kann es nicht liegen. An der Fahrfreude auch nicht. Eher am erschreckend niedrigen Selbstbewusstsein der Zielgruppe. Nur wenige Generaldirektoren, Banker und Weihbischöfe haben die Kraft, in Gegenwart von Samt & Seide-Damen zu sagen, sie säßen im Fond eines VW. Dabei wäre es die einzigartige Chance einer Schein-Bescheidenheit. Perfekt darin: Michael Aufhauser, Boss des europaweit berühmten Tier-Asyls in Gut Aiderbichl. In einer gemeinsamen TV-Talk-Show (ORF 2) fand ich verblüffend, wie fein und klein er davon sprach, einen Volkswagen zu fahren. „Du bist gewiss ein guter Mensch“, sagte ich nach der Sendung bei hohem Rotwein („Kira“ von Illa Szemes, Horitschon) zu ihm, „aber auch ein problematischer Charakter. Die Leute glauben jetzt, du fährst in einem gebrauchten Polo herum. In Wirklichkeit sitzt du wie der König der Tiere in einem Phaeton. Schämst du dich nicht?“ „Und ob“, sagte er, sah aber zufrieden drein wie zuvor.

Zurück auf die gesalzenen Autobahnen. Die gut zwei Tonnen des Phaeton quetschen den Schneematsch zur Seite. Den Rest erledigt der Allradantrieb. Er ist von der feinen Sorte, leicht­füßig, unsteif, ohne gefühlte Untersteuerung, die den Langstreckenkomfort mindern würde. Der Phaeton ist kein Zirkus-Einrad für Clowns, aber ein äußerst beweglicher Gigant. Man ist gern noch Fahrer, nicht nur Gefahrener.

Schneller Wechsel zu Motorrädern. Weil von VW-Boss ­Ferdinand Piëch die Rede war: Man sagt, als universeller Technik-Freak habe er auch Interesse an Motorbooten und ­Motorrädern im VW-Portfolio. Deutschsprachig böten sich auf Kiel die Gmundner Brüder Frauscher an. Und auf zwei Rädern logisch KTM mit dem radikalen „Sieg-oder-Nichts“-Image. Ich stelle mir gern die zwei Alpha-Tiere Piëch und Pierer in einer Kooperation vor.

KTM-Boss Stefan Pierer sieht mich teils gern, teils nicht. ­Meine Lust an Rechthaberei widert ihn an. Sie vergällt ihm beinah die Freude am Riesenerfolg der 990 SMT („T“ wie Touring). Diese entspricht meiner Uralt-Prognose, KTM dürfe sich auch ein resches, aber ungiftiges Gerät mit straffem Fernreise-Komfort erlauben, ohne das Killer-Karma der Marke zu verwässern. Nun, mit Jahrgang 2011, bietet die vielfach verfeinerte SMT auch noch serienmäßig ABS, ein Akronym für „assisted brake system“, das KTM-Führungskräfte früher nie aussprechen konnten, ohne beim Reden zu spucken. Letztes trotziges Aufbegehren: Das ABS ist abschaltbar. „Warum und wann und für wen?“, fragt das mächtigste Bike-Magazin „Motorrad“, das der 2011-KTM-990-SMT ansonst die höchsten Auszeichnungen verleiht.

Nur die KTM 125 Duke wird 2011 noch wichtiger sein, die Orangen aus Mattighofen wollen damit die Jugend für motorisierte Zweiräder zurückgewinnen. So, wie Gerald Kiska die neue Achtelliterklasse zeichnete (wahrscheinlich sein Meisterstück), ist der Erfolg unvermeidlich. Man möchte wieder ein Kind sein.

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