Phil Waldeck Wanderbreif Oktober 2010
Die kecken Franzosen sind ein ­Himmelsgeschenk für meine an Vernunft-­Design ermüdeten Augen.
 

Wanderbrief Oktober 2010

Morgenglanz der Ewigkeit; Licht vom unerschöpften Lichte; Schick uns diese Morgenzeit; Deine Strahlen zu Gesichte: Und vertreib durch deine Macht; Unsre Nacht.

27.04.2011 Autorevue Magazin

Ich kann ganz witzig sein, aber immer nur unfreiwillig. Nehmen wir die gestrige Ausfahrt mit dem BMW 320d Cabrio. Ich fuhr um 04.30 Uhr los. Im Osten teilte ein erster Sonnenstrich die Finsternis. Um 05.15 Uhr schlief ich schon auf einem Parkplatz bei Dürnstein. Ich war redlich erschöpft. Journalisten sind als Frühaufsteher so leistungsfähig wie Geiger mit Gicht. Als mich um 05.30 Uhr der Bulle weckte, ahnte ich, was los war. Der Ekel in seinem Antlitz zeigte, dass ich, von Revolu­tionen ­träumend, Sätze geschrieen hatte, die ihm nicht gefallen konnten: „Verbrennt das Gesetz!“ und „Verbrennt die Uniformen!“

Soll ich ihm böse sein, dass er glaubte, ich sei aus dem Bordeaux-Keller meiner Herzibinkis Lisl und Klaus Wagner-Bacher gekrochen oder aus der Piano-Bar in Krems/Stein, abgefüllt mit Marillenlikör des lokalen Fabrikanten Bailloni, und hätte es trotz Frischluft-BMW nur bis Dürnstein geschafft? Es half auch nicht wirklich, dass ich auf die Frage nach den Papieren in sechs Zulassungsscheinen blätterte, die nicht auf meinen Namen lauteten, und zwischendurch fragte: „Sitze ich auf der neuen Yamaha FZ8?“

Ich dachte, jetzt hilft nur ein Wunder. Es ging aber auch so. Wenn die Scheinschuld eine kritische Masse übersteigt, wird deine Unschuld schon wieder glaubhaft. Der sensible, hübsche Polizist erkannte allmählich das Abstinente meiner Natur und das Fromme meiner Gesinnung. Ich wurde in Ehren entlassen. So kam es zu Waldecks erstem Dämmerungs-Dankgedicht an die Freunde & Helfer. Mit der Sorgfalt der frühen Stunde wählte ich „Morgenandacht“ von Christian Knorr von Rosenroth:

Morgenglanz der Ewigkeit,
Licht vom unerschöpften Lichte,
Schick uns diese Morgenzeit
Deine Strahlen zu Gesichte:
Und vertreib durch deine Macht
Unsre Nacht.

Auf dem Lenkrad des 320d liegt Morgentau, als ich den ergriffenen Ordnungshüter verlasse. Ich wickle den Müllsack der schwarzen Kapuzen-Jacke um mich, friere bis ans Ende des Steißbeins. Das sind die glücklichsten Momente des Open-Air-Fanatikers. Man greift zum Heizungsregler und zum glimmenden Tschick. Britische Roadster-Drivers haben noch eine dritte Hand für den Flachmann. Windschotte sind logisch verboten. Sie kosten Geld, liegen blöd im Kofferraum herum, decken bei Viersitzer-Cabrios die Rücksitze ab und sind überhaupt philosophischer Wahnsinn. Wer mit Windschott fährt, nimmt gleichzeitig Weckamine und Valium.

Im ersten Gang fahre ich praktisch mit Standgas weg. Diesen 2-Liter-Vierzylinder-Diesel können nur Frauen abwürgen. Er ist einer der Wunder-Motore unserer Zeit. Ein Voll-Alu-Block, der den Innendruck eines Selbstzünders verkraftet. Das irre Drehmoment von 380 Nm liegt praktisch unter Leerlaufdrehzahl an (1900 Touren). Die 184 PS sind eine unwichtige Größe. Nur 8,3 Sekunden dauert’s auf 100 km/h. Davon können Classic-Freunde mit ihrem einst als „Rennwagen“ eingestuften Mercedes-300-SL-Flügeltürer nur träumen. Dieser muss außerdem aus Hubschraubern betankt werden, um die nächste Zapfsäule zu ­erreichen, während der 320d-BMW ab 5,1 Liter und 135 Gramm CO2 auf 100 km unterwegs ist.

Meine BMW-Dreier-Wahl wäre entschieden dieses Modell, oder dann gleich der 335i-Benziner mit Sechszylinder und Doppelturbo und 306 PS und 5,8 Sekunden. Allerdings ist dies unfair gegenüber den anderen Varianten. Ich erinnere mich ja mit Freude an zwei eigene Dreier-Cabrios, die damals motorisch in der Mitte lagen. Das exotische Bauer-Cabrio (mit Henkel, Targa-Dach und abklappbarem Heckfenster) bot einen lebhaften 2-Liter-Benziner, und mein Silber-Cabrio (maßgeschneidert mit ­marineblauem Stoffdach und bordeauxfarbenem Leder-Interieur) einen 2,5-Liter-Sechszylinder. Dieser hatte genau so viele PS wie der heutige 2-Liter-Diesel, ersetzte aber Drehmoment durch jubelnde Drehzahlen, die ich herzlich gern nützte. Er fraß mir damals mit gut 15 Litern auf 100 Kilometer die Haare vom Kopf.

Ich lobe die BMW-Leute viel zu selten für den wunderbaren Starrsinn, den sie in drei Punkten bewahrten: die markentypisch straffe Federung, das maßvolle Lenk-Servo und den Hinterradantrieb. Alle drei sind fürs Firmenmotto „Freude am Fahren“ wesentlich. Man verzichtet freiwillig auf Kunden wie Erbsen-Prinzessinnen, dekadente Weicheier und couch potatoes.

Zum Coupé-Cabrio(CC)-Dach aus Metall habe ich eine lauwarme Einstellung. Die Emotionen sprächen fürs Stoffdach. Das Regenprasseln auf High-Tech-Textilien ist schöner als Mozarts Violin-Romanze Opus 50. Der Verstand begreift aber, dass man per Metall die maximale Winter-Geborgenheit schafft. Und dass BMW sehr schöne Dach-Silhouetten fürs Dreier-Cabrio und den Z4 schuf. Mein Test-Z4 wurde im Frühling vom Publikum erstmals als echter Traum-Zweisitzer umrundet. Er zählt jetzt zur entrückten Klasse bei relativ moderatem Basispreis. Mit den kleineren Kofferräumen von CC-Modellen kann ich als Motorradfahrer leben. Die Bikes lehrten mich die Kunst des Rollens, Faltens und Stapelns.

Sah gerade eine TV-Sendung über die Top-Ten-Käufe der Deutschen im ersten Halbjahr 2010. Ich glaube zumindest, dass es darum ging. Die Moderatorin wirkte irgendwie führerscheinfrei. Der BMW-Dreier war dort als Nr. 4 verzeichnet, umzingelt von Mercedes E-Klasse als Nr. 10 und VW Golf als Nr. 1. Alle Top Ten sind deutsch. So, als gäbe es keine klassen Franzosen, Italiener, Japaner. Ein bissl engherzig wirkt das schon.

Aber darf ich mich über Patriotismus aufregen? Schließlich beschrieb ich den Porsche 911 als „wesentlich österreichischen Schuh, den die Deutschen über Jahrzehnte brav putzten“. Alle von Magna in Graz produzierten Autos halte ich für qualitativ olympisch. Und in meiner rotweißrötesten Stunde erhob ich den KTM-X-Bow zu einem rennstreckentauglichen Kleintransporter für Installateure – nach dem Motto: „Der wahre Meister braucht nur so viel Werkzeug, wie er am Leibe tragen kann.“

Ich bin ein Verehrer germanischer Ingenieurs-Kunst und zugleich Liebhaber aller Marken, die imstande sind, dem Tüchtigkeits-Terror der deutschen Autobauer Paroli zu bieten. Hier sind derzeit alle drei Franzosen lobend zu erwähnen. Zu meiner Schande entdeckte ich erst als Juror der ARBÖ-Wahl „Auto des Jahres“, dass sie ihren Esprit wiedergewonnen haben. Manche neue Modelle verhalten sich zur deutschen Konkurrenz wie der freche Voltaire zum betulichen Heidegger, der selbstgestrickte Handschuhe trug. Mit Entzücken ruht mein Auge auf eigensinnig-kecken Modellen wie Citroën DS3, Renault Wind und dem handlichen Sport-Coupé Peugeot RCZ. Letzteres steht seit einer Stunde wie ein Zierbrunnen in meinem Garten, ein Himmels­geschenk für die armen Augen, die an mehrheitsfähigen Vernunft-Designs ermüdeten. Der RCZ ist zwar kein Offener. Er ist verlötet, aber wenn ein Dach so aussieht, darf man’s fixieren. Ich fühle so was wie instant love. Ob diese den Test übersteht – siehe nächste Autorevue.

Phil Waldeck Wanderbreif Oktober 2010

Yamaha ist ein riesiger Konzern, der gleichwohl Emotionen weckt. Man erzeugt u. a. Musikinstrumente und Motorräder, was eh das Gleiche ist. Einige meiner Lieblingsplatten spielte ­Swjatoslaw Richter auf Yamaha-Flügeln ein. Jedes zweite Wasser-Bike, mit dem ich in warmen Meeren wütete wie der Weiße Hai, war ein Yamaha-Scooter. Und was die Festland-Bikes betrifft, ­genoss ich zuletzt die irre V4-200-PS-V-max und deren drehmomentgewaltige 90-PS-Schwester MT-01, die höchste ästhetische Ansprüche befriedigt.

Nun ritt ich Yamahas wichtigste Neuerscheinung, die FZ8. Impression aus der Vogelschau: Die FZ8 ist ein ­Manifest der Mühelosigkeit. Sie macht buchstäblich alles richtig, die Klaviatur des Einlenkens, Umlegens, ABS-Bremsens (in ­Kurven ohne ­Aufstellneigung) und des Anschiebens, wofür der 800-ccm-­Reihen-Vierzylinder mit 106 PS zuständig ist. In 5 Sekunden ­erreichst du das Autobahn-Limit, in 15 Sekunden verlierst du bei 200 km/h den Führerschein. Nie zuvor fuhr ich ein neues Motorrad ausschließlich bei Regen und Kälte – und dennoch voll Vertrauen. Alles, was auf einer FZ8 schief geht, bist du. Sie ist das Ende der Ausreden. Da du selbst die Variable bist, ­inspiriert die FZ8 zu Höchstleistungen. Das ist es, was Yamaha-Präsident Mitsuru Umemura meint, wenn er von Kando spricht, egal, ob du mit dem Piano eine Bühne oder mit dem Bike den Asphalt bespielst. Bei der FZ8 geht ab 10.799 Euro der Vorhang hoch.

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