Waldecks Wanderbrief – Ein Cabrio und seine Wirkung

…aus dem „Negresco“ in Nizza, dem „Kempinski“ in Berlin, den Hotels Marriott, Imperial, Bristol, Meridien und Hilton-Plaza in Wien und der Gärtnerei Starkl in Frauenhofen bei Tulln.

09.10.2015 Autorevue Magazin

Je stärker das Auto, desto lieber schleiche ich durch Stadt und Flur. Das klingt nicht gesund, ist aber meine Sache. Dem BMW 640d-Cabrio mit 313 PS und 630 Nm ist es egal. Es ist auch dafür gebaut, nicht nur als Autobahnexpress bis 250 kmh.

Jeder zweite Besitzer trödelt mit offenem Verdeck über die Promenade des Anglais in Nizza. Oder den Kurfürstendamm in Berlin. Oder über die edelste Ringstraße der Welt.

Wiener Trödlern sieht man immer an, was sie denken: „Dieser mächtige Einbaum hat mir 103 900 Euro vom Konto gezogen, da will ich etwas zurück, zum Beispiel frische Weiber.“

BMW 6er Cabrio 1
© Bild: BMW

Der 5 Meter lange, glitzernde Köder soll die Stadt-Forellen locken: die Blonde vor der Oper, die Rothaarige vor dem Parlament, die chinesische Studentin vor dem Cafe Landtmann vis-a-vis der Universität.

Im Prinzip gut gedacht. Ein bissl was geht immer, sagte Monaco-Franze, der TV-Serien-Held. Schon das mollige Vormodell (ab 2003) des BMW-6-Cabrios war für Fischzüge dieser Art gut geeignet. Erst recht gilt dies für das aktuelle Modell, das seit 2012 sportlich gestrafft auftritt.

Dieses Auto begreifen alle Passantinnen als schönen Halsschmuck. Und trotzdem steigen nur wenige zu. Das liegt am ungeschickten Aufreißer-Schmäh der jungen Österreicher, die als wohlhabende Start-Up-Gründer oder Erben im Cockpit sitzen.

Darf ich dabei behilflich sein? Als senior writer der autorevue habe ich den Auftrag, den Jung-Abonnenten ins Lenkrad zu greifen.

Lektion 1: Eröffnen Sie den Versuch, eine Passantin in das BMW 640-Cabrio zu locken, nie mit der Floskel „Entschuldigen Sie bitte!“ Das suggeriert Unangenehmes. So eröffnen auch rumänische Profi-Bettler.

Lektion 2: Fragen Sie nicht mit altmodischer Galanterie: „Darf ich Sie einladen, ein Stück des Weges mit mir zu fahren?“ Das ist zwar besser, aber immer noch schlecht. Es ist ein sound of yesterday, passend zu lüsternen Greisen. Keine moderne Klassefrau mag einen Mann, der lange fragt. Sie wittert dahinter einen subalternen Charakter.

Lektion 3: Fragen Sie nicht, plaudern Sie einfach. Zum Beispiel so: „Ihre Schuhe sind schön, aber unbequem. Sie müssen müde sein. Ruhen Sie ein wenig aus. Ich bringe Sie zu ihrer Familie. Aber steigen Sie schnell ein, sonst halten wir den Verkehr auf.“

Für die meisten Gehsteigschwalben genügt schon diese infame Einfühlung. Man muss nicht mal die Tür öffnen, wie Benimm-Guru Thomas Elmayer befiehlt. Von innen geht das angeschnallt sowieso nicht, weil diese BMW-Schüssel 2090 Millimeter breit ist (mit Spiegeln). Sie erreichen die Beifahrertür nicht. Und extra rund ums Auto zu laufen, wirkt beflissen. Ist im Falle des 640-Cabrios auch ein langer Weg, den man sich lang überlegen sollte.

Lektion 4: Die Einladung zur Mitfahrt wird schon jetzt funktionieren, falls Sie nicht sabbern. Und falls Sie der Dame die Sekunden für eine wesentliche innere Frage gewähren: „Wie lange werde ich warten müssen, bis mich der nächste Frauenschuhkenner in so ein schönes Auto bittet?“

Sie wird sich dann selbst als silberhaarige Oma sehen, die mit dem Spazierstock ein Taxi ruft. Sie wird also flink wie ein Zobel ins Cockpit schlüpfen und erleichtert ihre auffälligen, aber mörderischen High-Heels abstreifen.

Lektion 5: Auch dann, dem Sieg schon nah, ist Umsicht gefordert. Helfen Sie der Dame, ohne sie unsittlich zu berühren, in den Sicherheitsgurt, dessen Schnalle beim 640 tief liegt. Sie werden dann hoffentlich ein dezent-teures Eau de Toilette tragen, nicht eines jener aufdringlichen Deodorants, von denen sich arme und reiche Jungmänner Wunderdinge erwarten.

Lektion 6: Nun sitzt die Gnädigste. Sie spürt bis tief unter die eigene Seide die edlen Materialien des Cockpits. Ist vielleicht überrascht von der Enge des Fußraums – eine Folge der mächtigen Versteifungen, die das große Cabrio biegefest machen und zum soliden Gewicht von 1935 Kilo beitragen. Sie wird sich schweigend heimisch machen.

Lektion 7: Doch was, wenn die Zeit des Redens gekommen ist? Hierzu ein letzter Tipp: Keine Werbung für sich selbst machen. Das besorgt schon das Auto. Hören Sie lieber zu. So lange, bis die Schöne alles gesagt hat, um ihre Seele für Neues zu leeren. Dann erst wird ihr Widerstand gegen Wünsche aller Art gebrochen sein.

Das kann dauern. Auch in einem Sechser-BMW. Deshalb hat man das Cabrio erfunden. Man öffnet das Dach und studiert den ewigen Himmel.

BMW 650i Convertible
© Bild: BMW

Man muss beim BMW 640d Cabrio aufpassen. Ein Diesel, der viel schneller und leiser ist als frühere Selbstzünder.

Bei Winzendorf, wo mein verwichener Jugendfreund Konrad ruht, der mir majestätische Fahrstunden im offenen Horch 853 schenkte, fuhr ich mit wehem Gruß und schwerem Fuß durchs Föhren-Aroma des Wiener Beckens. Der Wr. Neustädter Polizist begnügte sich mit zweistelligem Bußgeld. Ich dankte ihm mit meinem monatlichen Dankgedicht an die Freunde und Helfer. Ich wählte aus den Werken von Robert „Telemax“ Löffler (die Krone der KRONE), dessen Prosa immer auch Poesie ist:

Hütet Euch
Wenn Ihr den Humor ernst nehmt
Vor den Lustigen
Liebe Leute 

Als ich im BMW 640d-Cabrio weit offen via Provence und Pyrenäen durch das iberische Licht nach Toledo reisen wollte, um das Atelier von El Greco zu besuchen, erwiesen sich alle Wetter-Apps als letztklassig, die ich als Autotester abonniert habe. Sie verhießen Hitze, doch kam ein großer Regen über Europa.

Die jähe Sintflut wurde zur Stunde der Bewährung für ein ausnahmsweise verlötetes und kompaktes Auto. Es hört auf den Namen Nissan Juke. Es gefiel mir als extrem preiswertes Fun-Mobil (ab 15.990 Euro) schon in seiner simplen Ur-Version. Erst recht jetzt, da es zusätzlich als Nissan Nismo RS auf der Welt ist, mit 214 PS und 250 Nm und Allrad und 37 Kilo-Euro auf dem Zettel.

Ein Auto wie fünf Künstlerfinger zur kreativen Faust geballt. Eines, das dir schon beim Zähneputzen die Vorfreude auf die Garage schenkt. Eines in meinen Lieblingsfarben Weiß (Lack), Rot (Appliken von den Bremssätteln über Sportsitz-Abnäher bis zum Armaturenhintergrund) und Metall (Rest). Eines, mit dem man im Lauf des Tages „viele Bürgerkäfige zu Hydranten demütigt“, um den neuen autorevue-Autor Mag. Fritz „Zonko“ Triendl zu zitieren, der das Magazin weiter aufwertet, so wie einst Sir John Gielgud die Shakespeare-Bühnen.

Nissan Juke Nismo RS 1
© Bild: Nissan

Technisch fallen beim Nismo RS auf 1460 Kilo Gewicht zornige 214 PS aus 1618 ccm eines Reihen-Vierers mit 16 Ventilen. Trotz Allrad gibt das 8 Sekunden von 0-100 und 200 km/h v-max bei genügsamen 7 Litern auf 100 km.

Ah, gäbe es dieses Auto doch auch als steifes T-Bone-Cabrio wie damals, als Nissan noch Datsun hieß und den 240 Z erfand. Dieser begründete meine Sympathie für die Marke. Im übrigen habe ich mit einem Nissan Skyline GT, der mir im wahren Leben nie begegnete, mehr Siege in Racing-Games auf Microsofts X-Box und Sonys Playstation gewonnen als mit jedem anderen Auto.

Der Nismo RS offeriert ein aktives, offensives Fahren, das Ausschöpfen der Quelle. Er bietet neue Einsichten in alte Landschaften.

Nissan Juke Nismo RS 4
© Bild: Nissan

Vertraute Hügel-Serpentinen des Alpenvorlandes strickte ich mit ihm enger, dank Allrad auch in Wolkenbrüchen. In vertrauten Alleen verkürzte sich der Abstand der Pappeln. Da begriff ich auch wieder, warum man sie pflanzt. Nicht nur, weil sie hoch und schlank wie Models stehen. Sie sind auch wie diese das schnellst nachwachsende Weichholz.

Das lernte ich einst im Gärtner-Paradies Starkl in Frauenhofen bei Tulln, wohin ich nun den Nismo RS nostalgisch lenkte. Vom Riederberg kommend, lag es wie Wasserfarbe im ersten Herbstnebel. Josef Starkl II (+ 2005) war das innovativste Grün-Genie. Er war schweigsam und uneitel wie die Orchidee regina noctis, die nur bei Nacht blüht.

Wenn er aber sprach, sanken seine Worte wie Bleitropfen in die Silvesterschale. So auch in einer Männerrunde hoch oben in Maria Laach, Wachau. Anwesend der Burgherr und Maler Adolf Frohner, der Schriftsteller Robert Löffler und meine Wenigkeit. Josef Starkl sagte: „Ich bin noch hässlicher als ihr, aber die Frauen lieben mich, weil ich ein nützliches Genie bin.“

Nissan Juke Nismo RS 2
© Bild: Nissan

Von dieser Erinnerung glücklich zerrüttet, verschob ich einen feinen Tullner Termin. Ein Glück pro Tag reicht. Töricht, wer mehr verlangt. Doch wurde mir eine zweite Heiterkeit aufgezwungen. Noch ehe ich den Nissan Nismo RS auf dem Hauptplatz von Tulln zur Heimreise zünden konnte, hielt ein aufgeklappter VW-EOS mit zwei Midlife-Männern. So durfte ich meiner Sammlung von Cabrio-Cockpit-Dialogen ein Juwel hinzufügen.

„Der Karli – ein Wahnsinn. Kein Adonis. Eher ärmer als wir. Hat seit drei Jahren, wie ich jetzt weiß, neben seiner Alten eine Mätresse. Was sagst du dazu ?“

„Karli kann nix dafür. Die Schöpfung beziehungsweise Natur hat entschieden, dass wir neben Flöhen auch Läuse haben können.“

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