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Schaum und Federn

Der Süden von Wien, wo eine frühere Ausflugslokal-Legende ein ansprechendes neues Leben begonnen hat.

08.11.2010 Autorevue Magazin

Als Kind haben mich in ­Thallern ja nur diese gigantischen Auftürmungen weißen Schaums interessiert: Eine Jahresration Schlagobers zwischen Blätterteigschichten (auf der oberen viel weicher Zuckerguss), umgeben von einem Meer an Vanillesauce – das ­waren die berühmten Cremeschnitten, die ich glückselig in mich hineinstopfte, bis mir schlecht war. Als mir später ein Licht aufging, was in der Backhendlstation Thallern sonst an fettigen, fritterbraunen Geflügel-Grausligkeiten aus der Großküchen-Durchreiche geschleppt wurde, strich ich die Lokalität von meiner inneren Gastronomie-Landkarte.

Bis vor kurzem. Ausgerechnet ein Südsteirer erkannte den wahren Wert des misslich bewirtschafteten Kleinods Thallern und pachtete das beschauliche Freigut samt seiner 30 Hektar Weingärten in teilweise erstklassigen Lagen. King of Grassnitzberg Erich Polz macht jetzt gemeinsam mit den Thermenregion-Winzern Karl Alphart und Leo ­Aumann den Wein auf dem seit dem 12. Jahrhundert zum Stift Heiligenkreuz gehörigen Freiweingut, was spannende Ergebnisse zur Folge haben wird, die man in der angeschlossenen Vinothek kaufen kann.

Die Backhendlstation hat Florian Fritz übernommen. Der Mödlinger, der bis dahin das einzige Haubenlokal der Babenbergerstadt führte, hat aus dem ehemals traurigen Massenausspeisungslokal im Handstreich einen properen freundlichen Landgasthof gemacht, der so ziemlich jedem Anspruch zwischen gemütlichem Großfamilienausflug, straightem Business-Lunch und romantischem Renommier-Abendessen gerecht wird.

Auf der Karte stehen bodenständige Köstlichkeiten, die in ihrer feinen Zubereitung sämtliche Kindheitstraumata aus­radieren: Ja, es gibt Backhendl (aus Freiland-Haltung), saftig, knusprig, würzig, mit oder ohne Haut, mit Endivien-Erdäpfelsalat zum Beispiel, aber auch köstliches Gekochtes vom Schneebergland-Beef aus der großen Kupferterrine, Ente, wunderbar fluffige Grammelknödel, ein feines Beuschel und, sagen wir als Tribut für die Entwicklungshilfe aus dem Süden, ein „Steirisches Wurzelfleisch“ vom Wildkarpfen. Und neben verführerischen Karamell-Palatschinken und Süßem von der Forellen-Birne auch: „unsere“ Cremeschnitte, die reminiszensbedingt immer noch eine gewaltige Auftürmung aus weißem Schaum ist (man kann aber auch eine halbe bestellen).

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