Love on the Rocks

Diesmal ins Kremstal, wo über einem ehemals trutzigen Lesehof eine mysteriöse Ruine thront.

08.11.2010 Autorevue Magazin

Jetzt weiß ich’s: Die Schweden waren es. Der Trümmerhaufen, dem man rechterhand am Anfang des Kremstals begegnet, war einmal die Burg Senftenberg, die nach fünfhundert wechselvollen Jahren im 18. Jahrhundert von den Schweden belagert und nach der Einnahme abgefackelt wurde. Ihren Besitzern war der Fortbestand als romantische Ruine dann lieber, als das Ding wieder aufzubauen, was uns heute erspart, Eintritt für die Besichtigung zahlen zu müssen (man weiß ja, welche Bürde die Instandhaltungskosten für die adeligen Familien-­Altlasten sind). Ein Aufstieg später könnte sich lohnen, es ist schließlich Frühling!

Ein ganz gegenteiliges Beispiel für ausflugsrechtfertigende Geschichtsnutzung ist der trutzige Lesehof unterhalb der Ruine gleich an der Bundesstraße 37. Das Haus hat auch schon an die 800 Jahre auf dem Buckel, und es stand bis vor kurzem finster und verlassen in der Gegend, bis Piri-Wein-King Martin Nigl kam, es liebevoll renovieren ließ und daraus ein Restaurant mit angeschlossenem Hotel und Weinverkauf machte.

Die alten Mauern wurden weiß getüncht, der Hof mit Granitsteinen gepflastert, ­Rosenstöcke gesetzt und drinnen in Schank und Stube feine Tischkultur zwischen altem Lärchenholz in Szene gesetzt. Sympathisch ist auch, dass hier ein Mann in der Küche steht, der nach seinem Hauben- und Sternen-Aufstieg nicht ins Jet-Set abhob, sondern daheim in Krems-Umgebung geblieben ist. Erwin Windhaber war ­Küchenchef im Kloster Und und sorgt jetzt dafür, dass man sich beim Nigl vorkommt wie vom Ausflugsgott persönlich auf den Mund geküsst: Allein die Leberwurst, die zu den vier köstlichen Brotsorten serviert wird, wäre es wert, sagen wir: aus Buxtehude (= 1.087 km) anzureisen.

Dann kam noch eine wunderbar saftig-würzige Variation vom Stubenküken mit Mini-Spiegelei auf den Tisch, ferner ein ausgezeichnetes Kalbsbeuscherl, ein kross gebratener Waller und Flusskrebsravioli mit Schwarzwurzelsud und glasiertem Bries. Plus eine Flasche vom 2009er Grünen Veltliner Piri, den wir dann an der Schweden-Ruine und bei der Schlammwanderung entlang der Krems in den ersten zarten Frühlingssonnenstrahlen schnell wieder ausgehaucht haben. (An den Spätfolgen der Nougat-Ravioli und der Bitterschokoladen-Kuppel mit Karamell-Eis laborieren wir hingegen immer noch.)

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